Es sollte sein einziges tragisch endendes Operntextbuch bleiben. Der Theaterdichter Pietro Metastasio (1698 bis 1782) schrieb sein dreiaktiges Dramma per musica „Didone abbandonata“ 1724 als erstes eigenes Libretto in Neapel. Unterstützt wurde er dabei im Blick auf Anforderungen des Opernbetriebs von der berühmten Primadonna Marianna Benti Bulgarelli. Wie seine weiteren Gattungsbeiträge wurde „Die verlassene Dido“ in den folgenden Hundert Jahren europaweit mehr als sechzig Mal von bedeutenden Meistern vertont. Noch 1823 kam in Turin eine frühromantische Version von Saverio Mercadante auf die Bühne. Der 1714 bei Neapel geborene Komponist Niccolò Jommelli hat Metastasios Erstling sogar dreimal in Musik gesetzt. Nach Varianten für Rom und für das Wiener Burgtheater schuf er 1763 eine Drittfassung für die Stuttgarter Oper des prunkliebenden württembergischen Herzogs Carl Eugen, der seinem Hof durch das Engagement berühmter Künstler internationale Ausstrahlung sicherte.Im historischen Ludwigsburger Schlosstheater ist nun Jommellis „Didone“ als Koproduktion mit dem Freiburger Barockorchester unter der inspirierenden Leitung des italienischen Dirigenten und Cembalisten Francesco Corti fulminant wiederbelebt worden. Die szenische Einrichtung von Nina Brazier setzte dezent auf sparsame Requisiten und moderne Kostüme zwischen Konzertkleidung und Andeutung der jeweiligen Rollen inmitten originaler Rokoko-Prospekte. Die nach hinten gestaffelten Kulissen der Seitengassen mit Abbildungen von Säulen oder Parkbäumen suggerierten Raumtiefe. Da auf Übertitel verzichtet wurde, war man gut beraten, vorab die Zusammenfassung des Plots im Programmfaltblatt zu lesen. Die Kenntnis der zugrundeliegenden Geschichte aus dem vierten Buch von Vergils „Aeneis“ allein reichte nicht aus, den hier pantomimisch nur vage dargestellten Ereignissen in ihrer ganzen, bei Metastasio komplex verschränkten Vielschichtigkeit zu folgen.Vollendeter Hochgenuss mit dem Freiburger BarockorchesterFür drei Aufführungen bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen stand ein erlesenes Gesangsensemble zur Verfügung. In der Titelrolle der edel gewandeten Witwe Dido, die auf ersten Blick in Liebe für einen Flüchtling aus Troja entbrennt, ließ die textverständlich deklamierende Sopranistin Jone Martínez mit leuchtender Stimmfülle ihre Zaubertöne aufblühen. Als vokal ebenbürtiger, schauspielerisch souveräner Enea (der nach einem Seesturm am Strand von Karthago aufgeschlagene Held Aeneas) glänzte der israelische Sopranist Maayan Licht, ein sanfter Schmeichler vor seiner Herrin, der hypervirtuosen Ziergesang und glühende Acuti für seine Liebesofferte investiert. Hinreißend gaben beide in ihrem grandiosen Duett widersprüchlichen Gefühlen mit quasi verdoppelter Arienlust Ausdruck.Warme Mezzo-Töne fand Olivia Vermeulen als Didos skeptische Schwester Selene im vornehmen Abendkleid, die heimlich ebenfalls für den Ankömmling schwärmt und den verführerischen Dandy zum Picknick einlädt, ihm aber, als er nur selbstgefällig monologisierend in Liebesphantasien schwelgt, schließlich genervt die rote Schmusedecke wegzieht. Mächtig ins Zeug legte sich der stabil präsente Tenor Valerio Contaldo als meist vergeblich aufbrausender Hinterwäldler Iarba in Jeans samt Messer am Gürtel, das ihm freilich gegen seinen Rivalen Enea ebenso wenig half wie sein beschränkter Vorrat an Gesten. Den Part seines Vertrauten Araspe, der sich Hoffnungen auf Selene macht, übernahm der viril vor ihr auftrumpfende Countertenor Leandro Marziotte und gab dabei mit makellos zelebrierten Kantilenen seine belkantistische Visitenkarte ab. Als undurchsichtige, im Hintergrund sensationell bewegliche Koloraturfäden ziehende Eminenz intrigierte Suzanne Jerosme in der Hosenrolle des Osmida.Vollendeten Hochgenuss bot das breit unter der Bühne des Schlosstheaters aufgestellte Freiburger Barockorchester. Francesco Corti ließ dynamisch fein gestaffelt musizieren und kostete exquisite Mixturen liebevoll aus. Kammermusikalisch prägnant modellierte er die dramatisch aufgeladenen, „sprechend“ instrumentierten Accompagnati, die oft bruchlos aus Secco-Rezitativen hervor- oder in Arien übergehen. Schroffe Akzente fuhren jäh in sacht wiegende Schlummerklänge. Kontraststarke, in kurzer Zeit Tonfall und Stimmung wechselnde Gestaltung konnte hier von profunden Erfahrungen des Originalklangensembles mit Sinfonien des Jommelli-Altersgenossen Carl Philipp Emanuel Bach profitieren, sodass die üppige, an Farben und Figuren, originellen Harmonien und nicht zuletzt an betörenden Melodien reiche Partitur in ihrer ganzen orchestralen Pracht erstrahlte.Beim fulminanten, für die Entstehungszeit der Oper zukunftsweisenden Terzett von Didone, Iarba und Enea am Ende des zweiten Akts fliegen Fetzen. Widersprüchliche Gefühle treffen hier gleichzeitig aufeinander und entladen sich in furios groovendem Musiktheater. Weil Enea dann plotbedingt schon vor dem Katastrophenschluss des dritten Akts (von allen verlassen stürzt sich Didone zu erschütternden Klängen in die Flammen) aus dem Geschehen ausscheidet, hat Jommelli ihm zum Abgang eine gloriose Bravourarie mit virtuosem Hornsolo beschert. Maayan Licht sang sie bei der Ludwigsburger Vorstellung spektakulär im freundschaftlich zelebrierten Duell mit dem phänomenalen Hornisten Milo Maestri. In schwarz-weiß funkelnder Robe sprang er dazu posierend auf eine Parkbank, absolvierte irrwitzig schwierige Koloraturattacken und atemraubende Endlostriller, schleuderte mit Aplomp triumphierende Spitzentöne heraus und zog dazu eine aufreizend lässige, den Ernst der Situation transzendierende Show als männliche Diva ab, um sich dann hüftwiegend davonzumachen.