Wimbledon ist eine Fashion-Show, der Rasen wird zum Laufsteg. Die Japanerin Naomi Osaka erscheint alle zwei Tage in einem ausladenden Kimono auf dem Platz. Die Ukrainerin Marta Kostjuk spielt in einem Kleidchen mit Spitze, das von ihrem Hochzeitskleid inspiriert ist. Und manche Herren tragen Jackett, wenn sie den Tennisplatz betreten oder verlassen.Novak Djokovic sieht darin weniger aus wie ein Grand-Slam-Rekordchampion, wenn er beim Siegerinterview steht, sondern eher wie ein Konfirmand, der nicht weiß, wohin mit seinen Händen. Dagegen erscheint Taylor Fritz wie ein Topmodel, wenn er im weißen Freizeitanzug seinen Walk-in in Wimbledon zeigt. Das Outfit des Amerikaners erinnert sehr an die gute alte Zeit im Londoner All England Club. Wenn da nur nicht dieses Bandana am Kopf wäre.Er sieht gut aus und spielt auch soNun zum Wesentlichen: Der Weltranglistensiebte sieht nicht nur gut aus, er spielt auch so. Im Match – wie gewohnt in kurzen Hosen und Shirt – hat er sich seinen alten Stil bewahrt: schneller Aufschlag, starke Vorhand, solider Return. Auch sonst bringt er alles mit, um auf Rasen erfolgreich zu sein. Man frage nach bei Alexander Zverev, der die zurückliegenden drei Begegnungen auf dem natürlichen Untergrund gegen seinen Angstgegner verloren hat. Unter anderem vor zwei Jahren im Achtelfinale von Wimbledon nach einer 2:0-Satzführung. Für die Niederlage 2024 gibt es im Zverev-Lager eine Erklärung, nämlich einen Schienbeinkopfbruch. Zuletzt unterlag der Hamburger im ostwestfälischen Halle dem Mann, den er im Innern zu fürchten scheint.Nun bietet sich dem Hamburger an diesem Mittwoch die nächste Chance auf Londoner Rasen. Nachdem Zverev am Dienstag sein am Vorabend beim Stand von 6:4, 7:5, 3:3 unterbrochenes Achtelfinalmatch gegen den Tschechen Jiri Lehecka erfolgreich zu Ende gebracht hatte, muss er nun gegen Fritz allen Mut zusammennehmen. Nachdem der Weltranglistendritte zügig den dritten Satz 3:6 verloren hatte, zog er nach einem anschließenden 7:6 (8:6) erstmals in die Runde der letzten Acht von Wimbledon ein. Gleich am nächsten Tag wieder gegen Fritz anzutreten, sei „mental schwieriger als körperlich“, sagte Zverev. Angesichts der Aufschlagstärke beider sagte er voraus: „Es wird wohl nicht viele Ballwechsel geben.“Zverev zitiert bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen Spruch, der ihm auch als frischgebackener French-Open-Sieger helfen soll: „Im Tennis brauchst du ein Kurzzeitgedächtnis, ob im Guten oder Schlechten.“ Guter Vorsatz hin oder her, die Bilanz gegen Fritz hat der Deutsche natürlich im Kopf: fünf Siege, zehn Niederlagen, die zurückliegenden sieben Matches verloren.Tommy Haas und die „Kopfsache“Irgendeinen Angstgegner hat jeder Tennisstar. Für Boris Becker war Andre Agassi die Nemesis (Bilanz 4:10 Siege), für Marija Scharapowa war es Serena Williams (2:20). Der Russe Nikolai Dawidenko wurde in den Nullerjahren zum Kollegenschreck für den Grand-Slam-Champion Rafael Nadal (5:6) und den früheren Weltranglistenzweiten Tommy Haas (1:4). „Solche Gegner haben dann das Gefühl, gegen so einen verliere ich einfach nicht“, erklärte Haas am Dienstag im Gespräch mit der F.A.Z., was einen Angstgegner ausmacht.Weißer Riese: Taylor Fritz (vorne) bei seinem Walk-in zum Achtelfinalmatch in WimbledonReutersWie man gegen so viel Selbstvertrauen auf der anderen Seite ankommt? „Man versucht, etwas in seinem Game-Plan zu ändern. Aber wenn das nicht funktioniert, und man geht zurück zu dem, was man gewohnt ist, und das auch nicht funktioniert – dann kann man nur hoffen, dass der Gegner mal nicht so stark spielt in den wichtigen Momenten“, sagte der Achtundvierzigjährige.Setzt sich ein Spieler allzu sehr unter Druck, den Angstgegner endlich zu bezwingen, hat dies Folgen für seine Körperfunktionen. Der Muskeltonus erhöht sich, Handlungsschnelligkeit, Koordination und Kreativität sinken. Die fehlende Lockerheit erklärt, warum schiefgeht, was gegen andere Spieler schier mühelos gelingt. „Das hat mit den Schlägen nicht mehr viel zu tun, das ist letztlich nur eine Kopfsache“, sagte Tommy Haas.Fritz: „Für die Leute ziemlich nervig“Taylor Fritz zeigt derzeit kaum Schwächen. Von seiner Sehnenentzündung im Knie, die den Amerikaner seit dem vergangenen Herbst belastet und zu einer Auszeit gezwungen hat, ist nicht mehr viel zu spüren. Seine Matches gewinnt Fritz recht souverän. Besonders beeindruckend geriet am Montag gegen den Weltranglistenelften Alexander Bublik sein Achtelfinalsieg, der mit 98 Minuten kaum länger und spannender war als ein ARD-„Tatort“ am Sonntagabend. Fritz macht kein Geheimnis daraus, dass er vor Selbstbewusstsein strotzt. „Ich übe mit meinem Aufschlag konstant Druck aus und returniere mit Chip-Bällen“, sagte der Amerikaner: „Damit umzugehen, ist für die Leute ziemlich nervig.“Diese Spielweise kommt Fritz vor allem in Wimbledon sehr zupass. Auch wenn der Rasen in der zweiten Turnierwoche abgenutzt und damit nicht mehr so rutschig ist: „Der Ball kommt über den Platz geschossen und gibt mir Tempo, mit dem ich arbeiten kann“, erklärte Fritz. Da er sich nahe an die Grundlinie stellt, um den Aufschlag so früh wie möglich abzublocken, gerät der Gegenüber unter Zeitdruck. „Das macht es schwer, mich mit dem ersten Schlag anzugreifen.“ Ein wenig leichter haben es Kracher wie Zverev. Dessen ersten Aufschläge sind zu 56 Prozent nicht kontrolliert zu retournieren; bei Fritz sind es 54 Prozent. In dieser Statistik liegen beide in Wimbledon weit vorne. „Immer wenn sich zwei starke Aufschläger gegenüberstehen, bleibt wenig Spielraum“, sagte Fritz.Die Hälfte seiner zehn Titel auf der ATP-Tour hat der Amerikaner auf Rasen gewonnen. Damit ist er unter den aktiven Spielern der zweiterfolgreichste Rasenplatzspieler nach Djokovic mit seinen acht Triumphen. Für den großen Coup hat es auf noch keinem Belag gereicht. In wenigen Wochen bei den US Open werden es 23 Jahre, seit Andy Roddick als letzter Mann einen Grand-Slam-Titel für die USA gewonnen hat. Die bohrende Frage, wann es denn wieder so weit ist, können die US-Boys um Fritz, Ben Shelton und Frances Tiafoe nicht mehr hören. Fritz war vor zwei Jahren in New York nahe dran, unterlag im Finale aber Jannik Sinner. „Wenn mein Körper es zulässt und ich mich gut fühle, dann habe ich noch einige Jahre, um hoffentlich um die Titel mitzuspielen“, sagte der Achtundzwanzigjährige.Den Grand-Slam-Titel sind ihm die Altersgenossen Daniil Medwedew und Alexander Zverev voraus. Für Tommy Haas, der dreimal bei den Australian Open und einmal in Wimbledon das Halbfinale erreichte, könnte genau dies den Unterschied zu Zverevs Gunsten ausmachen. „Er konnte bei den French Open damit umgehen, nach dem Sinner-Aus plötzlich der Turnierfavorit gewesen zu sein, und hat souverän gewonnen. Man ist dann in einer anderen Liga und zieht daraus Selbstvertrauen.“