Palantir-Chef Karp geht mit Europa hart ins Gericht. Deutschland könne die Nummer zwei der westlichen Tech-Welt sein. Stattdessen verbanne das Land die besten Produkte, ignoriere seine erfolgreichsten Köpfe. Im Umgang mit Putin spricht er eine Warnung aus.Alex Karp braucht keine Aufwärmphase. Kaum hat der Palantir-Gründer beim WELT-Sicherheitsgipfel das Wort ergriffen, wechselt er zwischen Englisch und Deutsch, zwischen Charme und Frontalangriff. Deutschland und die deutsche Kultur lägen ihm am Herzen, versichert der Sohn deutschstämmiger Auswanderer, ebenso wie seinem Mitgründer Peter Thiel. Dann folgt der Satz, der den Ton des Nachmittags setzt: „Ehrlich gesagt, wir sind apoplektisch.“Es ist ein ungewöhnliches Wort für einen ungewöhnlichen Auftritt. Empört zeigt sich Karp über ein Land, dem er nach eigenem Bekunden viel zutraut und das zu wenig daraus macht. Was danach kommt, ist eine strategische Abrechnung, vorgetragen mit der Wucht eines Mannes, der weiß, dass seine eigene Firma Teil der Debatte ist. Lesen Sie auchDer Vorwurf, den Karp im Laufe des Gesprächs entfaltet: Deutschland rede über Sicherheit, Souveränität und Zukunftsfähigkeit, handle aber so, als ließe sich all das mit Förderprogrammen, Grundsatzpapieren und politischer Distanz zu unbequemen Anbietern sichern.Wer Technologie ignoriert, verliert weit mehr als ProduktivitätDer Befund des Tech-Milliardärs ist schonungslos: Weder Geld noch Begabung fehlten Europa und besonders Deutschland. Es mangele an der Fähigkeit zu erkennen, was im Ernstfall trägt und was nur gut klingt.Der Krieg dient Karp dabei als ultimativer Maßstab. Auf dem Schlachtfeld zähle allein, ob eine Technologie Daten verbindet, Entscheidungen beschleunigt, Ziele erkennt und eigene Kräfte schützt. Ob sie politisch angenehm oder regulatorisch elegant daherkommt, spielt dort keine Rolle. In der Ukraine entscheide der Einsatz von Sprachmodellen und maschinellem Zielen längst mit über Verteidigung und Angriff. Lesen Sie auchDen Heroismus der Ukrainer bewundere er, doch der Erfolg beruhe auch auf einer klugen Beschaffungspolitik. Kiew habe schlicht die besten Produkte am Markt gekauft und operativ eingesetzt, darunter die von Palantir. In existenziellen Lagen, so Karps Lehre daraus, diskutiert niemand jahrelang über perfekte Eigenentwicklungen. Man nimmt, was funktioniert, integriert es und lernt schneller als der Gegner.Hinter dieser Härte steht ein größeres Bild: Künstliche Intelligenz beschreibt Karp als Machtinfrastruktur, die in Sicherheitsbehörden, in Cyberoperationen, in der Industrie und in der strategischen Abschreckung über Erfolg entscheidet. Wer diese Technologie beherrscht, sichert seine Souveränität. Wer sie ignoriert, verliert weit mehr als Produktivität.Dazu wählt der promovierte Philosoph eine bemerkenswerte historische Rahmung. Deutsch sei einmal eine der großen Sprachen der Wissenschaft, Technik und Geistesgeschichte gewesen; Physik, Mathematik und Ingenieurskunst seien ohne die deutsche Kultur kaum denkbar. Heute lasse sich die wirklich präzise Fachdebatte über künstliche Intelligenz fast nur noch auf Englisch führen. Ein Land, das die Sprache der technischen Moderne geprägt hat, läuft in seiner Lesart Gefahr, die Sprache der nächsten Revolution zu verlernen.Die Diagnose vor der TherapieFür Deutschland formuliert Karp ein ehrgeiziges Ziel. Das Land solle die Nummer zwei der westlichen Tech-Szene werden, hinter Amerika, vor allen anderen. Derzeit laute die Rangfolge Amerika, China, Israel. Gerade Israel empfiehlt er den Deutschen als Studienobjekt, weil Amerika politisch umstritten sei.Der Weg dorthin beginnt für Karp mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme. Nötig sei eine vertrauliche Diagnose durch jemanden, der selbst ein Unternehmen aufgebaut hat, deutsche Wurzeln besitzt und bereit ist, Regierungschefs unbequeme Wahrheiten zu sagen, auch gegen das eigene kommerzielle Interesse. Vier oder fünf solcher Menschen gebe es weltweit: ihn selbst, Peter Thiel, den Chef von Shopify.Lesen Sie auchWas dagegen sicher scheitern werde, sei der europäische Reflex, Geld auf das Problem zu werfen. „Jedes Mal, wenn ich mit europäischen Leadern spreche, sagen sie: Wir werden 50 Milliarden Dollar investieren“, berichtet Karp. Seine Rückfrage laute dann stets, wer dieses Geld kontrolliere, ob diese Person jemals eine Technologiefirma aufgebaut und ob sie Software je in einer Umgebung eingeführt habe, in der Scheitern Tote bedeuten kann und keine schlechte Pressemitteilung. Milliardenprogramme, verwaltet von Leuten ohne jede Umsetzungserfahrung, würden vor allem eines schaffen: eine Lobby von Empfängern, die liefern müssten, aber nie liefern.Karps Kernvorwurf lautet damit, Deutschland verwechsle Ausgaben mit Stärke und Förderlogik mit technologischer Macht. Einen europäischen Binnenvergleich lässt er als Maßstab nicht gelten; er verweist auf die Orte, an denen Systeme bestehen müssen: die Ukraine, Israel, die USA, China.Die Thiel-FrageGerade in Deutschland schlägt Palantir viel Skepsis entgegen. In vielen Bundesländern ist die Software der Datenanalysefirma faktisch verboten, der „Spiegel“ nannte das Unternehmen jüngst „Techno-Faschisten“, Mitgründer Peter Thiel gilt vielen als Antidemokrat. Karps Antwort gerät zur Verteidigungsrede. „Kann Deutschland es sich wirklich leisten, Peter nicht zuzuhören?“, fragt er. Der erfolgreichste Wagniskapitalgeber der Welt sei zufällig Deutscher und interessiere sich zufällig für Deutschland. Jeder Staat der Welt rufe Thiel an, um Technologien einschätzen zu lassen. „Ihr seid das einzige Land der Welt, das Peter nicht anrufen kann. Das ist verrückt.“Die Feindseligkeit gegenüber Palantir hält Karp ohnehin für das Symptom eines größeren Problems. Institutionen, die die besten Produkte der Welt aus dem Land drängten, verlören jeden Maßstab dafür, was technisch möglich ist. Die Palantir-Debatte dient ihm damit als Beleg für seine These, Deutschland verbräme schwindende technologische Urteilskraft moralisch. Unbequemen Figuren wie Thiel schreibt er in dieser Argumentation gerade wegen ihrer Polarisierung einen Wert zu: Sie erkennten blinde Flecken, die im deutschen Konsensbetrieb unsichtbar blieben.Als Gegenmodell zur Abschottung nennt Karp Frankreichs Atomprogramm. Paris habe sich einst mit der amerikanischen Industrie verbündet, gelernt, Fähigkeiten aufgebaut und die Technologie anschließend selbst beherrscht. Genau so müsse Europa bei KI und Sicherheitstechnologie vorgehen: mit den Besten arbeiten, operative Erfahrung sammeln und danach eigene Stärke entwickeln. Souveränität beginnt für Karp mit der Kenntnis des Weltstandards; in Europa werde sie dagegen häufig mit dem Ausschluss ausländischer Anbieter verwechselt. Für die Exportnation Deutschland sei Abschottung ohnehin ein Widerspruch in sich. Wer sein Land für Menschen und Produkte blockiere, könne die eigenen Produkte kaum in offene Märkte verkaufen.Deutschlands Einwanderungs-, Energie- und Technologiepolitik nennt Karp „so suizidal, wie man nur sein kann“. Er habe seit Jahren gewarnt, dass solche Politik starke nicht-demokratische Parteien an beiden Rändern hervorbringe. Sein eigentliches Problem in Deutschland seien übrigens keineswegs die Gegner. „Wir haben 15-mal mehr Fans als Anti-Fans. Und die Anti-Fans haben Angst, dass unsere Fans Rationalität nach Deutschland bringen.“„Glauben Sie, das erschreckt Putin?“Zum Schluss wird es sicherheitspolitisch konkret. Karp, der seit Kriegsbeginn regelmäßig in der Ukraine arbeitet und dafür auf einer russischen Sanktionsliste steht, erklärt, worin für ihn echte Abschreckung besteht: Frieden entstehe nur, wenn der Gegner wisse, dass ein Angriff ein Fehler wäre. Genau daran hapere es. Wer Milliarden an Akteure verteile, deren Technologie nie auf einem Schlachtfeld bestanden habe, dürfe keine Abschreckungswirkung erwarten. „Glauben Sie, das erschreckt Putin oder die Russen auch nur ansatzweise?“ Die Gegenseite verfüge über präzise Einschätzungen, was funktioniere und wie ernst es die Europäer meinten. Wirkungslose Milliardenankündigungen schreckten deshalb niemanden ab, sie könnten Gegner sogar ermutigen. Performative Verteidigungspolitik, bei der Papiere geschrieben würden, um weitere Papiere zu schreiben, nennt Karp „verblüffend verantwortungslos“. Fast jede Defense-Tech-Firma der vergangenen 20 Jahre sei verschwunden, weil ihre Produkte im Ernstfall versagten.Lesen Sie auchEine Prognose zur Kriegslage möchte der Palantir-Chef nicht abgeben. Die Situation sei „komplett in Bewegung“, sagt er, und nach allem, was er vor Ort sehe, spreche vieles dafür, dass die Karten gerade neu gemischt werden.Im Kern läuft Karps Appell auf eine Rückbesinnung auf Tugenden hinaus, die er als ursprünglich deutsch beschreibt: technische Ernsthaftigkeit, Präzision, industrielle Ambition, Souveränitätsbewusstsein. Über Fragen der Kontrolle und der Bürgerrechte spricht der Palantir-Chef auf dem WELT-Sicherheitsgipfel nicht. Palantir beschreibt er als Schutzmacht demokratischer Staaten. Kritiker, darunter Datenschützer und Teile der Landespolitik, sehen in genau solchen Systemen ein Risiko für die Freiheit und verlangen, dass neben der Funktionsfähigkeit einer Technologie auch geklärt wird, wer sie kontrolliert und wie Missbrauch verhindert wird.In Karps Logik ersetzen solche Bedenken keine Fähigkeit: Datenschutz schütze kein Stromnetz vor Cyberangriffen, Regulierung erzeuge keine Abschreckung. Dass er als Chef eines direkt betroffenen Unternehmens spricht, verschweigt er dabei nicht. Sein Schlussappell an das deutsche Publikum lautet, auch jenen zuzuhören, die dem Land nicht gefallen. Denn in der Welt, wie Karp sie beschreibt, gewinne am Ende, wessen Systeme funktionieren, wenn es ernst wird.