GastkommentarVon Ansgar Rieks und Wolfgang KochDer Papst, KI und der Krieg: Wer legitime Verteidigung anerkennt, kann militärische Gewalt nicht pauschal ausschliessenDie erste Enzyklika von Papst Leo XIV., «Magnifica humanitas», mahnt zu Recht, dass KI kein Ersatz für menschliche Verantwortung sein kann. Aber das reicht nicht.08.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Papst Leo XIV. vor der Präsentation von «Magnifica humanitas», seiner ersten Enzyklika.Yara Nardi / ReutersIn «Magnifica humanitas» mahnt der Papst, dass Technik Entscheidungen über Leben und Tod nicht unpersönlicher machen darf. KI kann Menschen schützen, aber auch Gewalt beschleunigen, Verantwortlichkeiten verändern und den Gegner auf Daten reduzieren.KI-Systeme sind keine Personen, haben kein Mitleid, kein Gefühl, kein Gewissen. Sie können rechnen, klassifizieren, optimieren und Entscheidungen vorbereiten, aber nicht moralisch urteilen. Daraus folgt: KI kann menschliche Verantwortung unterstützen, aber nicht ersetzen. Bei tödlichen oder irreversiblen Entscheidungen darf Verantwortung nicht an variable oder vollautomatisierte Prozesse delegiert werden.Mahnung zum FriedenÜbersetzen wir das einmal in militärische Verantwortungsstrukturen. Hier nur die Handlung eines Operateurs zu betrachten, greift zu kurz. In modernen Sensor-, Führungs- und Wirkungsketten laufen Prozesse schnell und parallel ab. Verantwortung muss daher über alle beteiligten Elemente festgelegt werden. Das setzt voraus, den gesamten Lebenszyklus eines Systems zu betrachten: Systemdesign, Datenbasis, Training, Testen, rechtliche und operative Einsatzregeln, Überwachung oder Abbruchmöglichkeiten sind Leitplanken verantwortungsvollen militärischen Handelns. «Meaningful Human Control» ist deshalb an eine nachweisbare Architektur gebunden. Das klingt komplex, verbindet aber Verantwortung mit operativem Erfolg.Herausfordernd bleibt das Verhältnis zur Lehre vom «gerechten Krieg». Die Enzyklika will sie überwinden, weil sie zur Rechtfertigung von Kriegen auch missbraucht wurde. Zugleich hält sie am Recht legitimer Verteidigung und an Kriterien fest, um Verhältnismässigkeit, Friedensorientiertheit und den Schutz der Zivilbevölkerung sicherzustellen. Wer legitime Verteidigung anerkennt, kann militärische Gewalt nicht pauschal ausschliessen – das bleibt unausgedrückt.Aus europäischer Sicht bleibt die Perspektive bedrohter Staaten und legitimer Verteidigung unterbelichtet. Wer sich verteidigen muss, braucht dazu militärische Fähigkeiten, Bündnisfähigkeit sowie technische und wirtschaftliche Voraussetzungen. Das relativiert die Mahnung zum Frieden nicht, sondern ergänzt sie. Die Enzyklika ist also in den jeweiligen Kontext zu stellen.Damit steht die Warnung des Papstes vor einer Verbindung wirtschaftlicher Interessen, militärischer Empfehlungen und politischer Entscheidungen im Raum. Wer daraus eine pauschale moralische Diskreditierung ableitet, sieht nicht den Nachweisauftrag, zu zeigen, wie militärische Fähigkeiten legitimer Verteidigung, Schutz, Begrenzung und Verantwortbarkeit dienen.Das gilt auch für KI und die Bedingungen ihrer Anwendung. KI kann den Einsatz militärischer Gewalt erleichtern, ihn beschleunigen und entpersonalisieren. Sie liefert aber auch wichtige Beiträge zu Frühwarnung, Luftverteidigung, Drohnen- und Cyberabwehr, zum Schutz eigener Soldaten und kritischer Infrastruktur, zu präziseren Lagebildern und besseren Schadensabschätzungen.Die Enzyklika erreicht nicht die Tiefe dieser Betrachtung; sie setzt den Auftrag, die Gefahren zu berücksichtigen und die verantwortliche Anwendung von KI zu garantieren.Daher muss Ethik in überprüfbare Praxis übersetzt werden. Dazu gehört, KI in Szenarien zu testen, Einsatzgrenzen festzulegen und eine Ausbildung des Personals so sicherzustellen, dass KI verantwortlich und sicher zum Einsatz kommen kann. Verantwortliches Handeln beginnt mit der Konzeption und prägt andauernd alle Prozesse.Im militärischen Einsatz werden Sensoren gestört, Datenverbindungen angegriffen, Lagebilder manipuliert, Ziele getarnt und Systeme durch Täuschung oder gegnerische Angriffe herausgefordert. Verantwortbare militärische KI muss daher zusätzlich robust, begrenzt, überprüfbar und abschaltbar bleiben. Ihre Ergebnisse dürfen auch «im Nebel des Krieges» ihre Verlässlichkeit und Entscheidungsrelevanz nicht verlieren.KI ist kein Ersatz für menschliche VerantwortungPäpstliche Warnungen verantwortlich aufzugreifen, bedeutet, ethische Anforderungen nicht erst am Ende der Entwicklung mitzugeben. Sie müssen in Fähigkeitsforderungen, Lastenhefte, Prüfkriterien und Einsatzfreigaben eingehen. Genau hier liegt die Bedeutung von Technikverantwortung.Was folgt aus alldem? «Magnifica humanitas» mahnt zu Recht, KI nicht als Ersatz menschlicher Verantwortung, moralischen Urteils und rechtlicher Bindung zu behandeln. Sie warnt davor, dem Krieg allzu leicht eine Art von Rechtfertigung zuzubilligen.Eine solche Enzyklika ist notwendig. Sie nimmt den Krieg wieder in den Mittelpunkt, nachdem über viele Jahre eher nur die Rahmenbedingungen eines «gerechten Friedens» betrachtet wurden.Unbestimmt bleibt sie dort, wo politische, industrielle, technische und operative Voraussetzungen legitimer Verteidigung kaum ausbuchstabiert werden. Böses zu verhindern und das Gute zu schützen, ist kein technisches Programm. Ohne verantwortbare Technik und moderne militärische Fähigkeiten bleibt legitime Verteidigung jedoch abstrakt.Ansgar Rieks war der ehemalige Stellvertreter des Inspekteurs der Luftwaffe und ist Mitglied im Zentralkomitee deutscher Katholiken. Wolfgang Koch ist Chief Scientist des Fraunhofer-Instituts für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie und Professor für Informatik an der Universität Bonn.Passend zum Artikel