Nicht Ideologie, sondern kühle Ökonomie: warum der Brexit die britische Wirtschaft belastetMit wachsender zeitlicher Distanz zum Brexit-Entscheid steigen auch seine wirtschaftlichen Kosten. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Trotzdem steht ein Wiedereintritt in die EU nicht bevor.08.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenZehn Jahre nach dem Erfolg des Brexit-Politikers Nigel Farage (auf dem Poster) gibt es viel Kritik in Grossbritannien wegen enttäuschter wirtschaftlicher Versprechungen.Dan Kitwood / GettyViele europäische Medien haben es zum zehnten Jahrestag der Brexit-Abstimmung in Grossbritannien mit Häme vermeldet: Die Wirtschaft sei seither auf der Insel deutlich schwächer gewachsen als in den meisten Ländern auf dem Kontinent. Der Brexit sei also ein Misserfolg gewesen – man habe es ja schon immer gewusst, dass die Briten besser im Schoss der Europäischen Union geblieben wären.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was verdächtig nach ideologischer Voreingenommenheit klingt, verlangt nach einer wissenschaftlichen Überprüfung. Und diese gibt es dutzendfach. Etliche Studien sind seit dem Volksentscheid vom 23. Juni 2016 publiziert worden, welche die Auswirkungen des Austritts aus der EU untersucht haben. Und praktisch alle kommen zum gleichen Schluss: Der Brexit hat die britische Wirtschaft mehr belastet als befruchtet. Der Effekt ist erheblich.Aber wie kann man diesen Nachweis erbringen? Schliesslich lässt sich nur die tatsächliche Entwicklung der Wirtschaft mit Daten nachzeichnen, während die alternative Entwicklung ohne den Brexit naturgemäss hypothetischer Natur ist. Erschwerend für jede Analyse kommen zwei Effekte hinzu: Grossbritannien kämpfte schon vor dem Brexit-Entscheid mit den Folgen der Finanzkrise von 2008/09, durch die das Land mit seinem riesigen Londoner Finanzplatz schwer getroffen wurde. Und die Covid-Pandemie von 2020/21 lähmte die britische Wirtschaft erneut just zum Start der Unabhängigkeit von der EU. Beide Effekte machen die Einordnung von wirtschaftlichen Problemen schwieriger.Eindeutige ErgebnisseEine Analyse von mehr als einem Dutzend Studien von Universitäten, Think-Tanks, der Regierung oder dem Parlament lässt grundsätzlich zwei Vorgehensweisen erkennen. Die einen Studien vergleichen das tatsächliche Wirtschaftswachstum Grossbritanniens mit demjenigen einer Auswahl vergleichbarer Volkswirtschaften. Sie stellen regelmässig ein Auseinanderdriften der Wachstumsraten ab 2016 fest. Die Differenz wird als Verlust durch den Brexit identifiziert. Das ist ein eher grobes Vorgehen, die unterschiedlichen Wachstumspfade könnten auch andere Gründe haben. Da die Ergebnisse verschiedener Studien und Vergleichsgruppen aber stets sehr ähnlich sind und auch die Vergleichsstaaten von der Finanzkrise und der Pandemie betroffen waren, geben diese Studien durchaus brauchbare Hinweise.Die anderen Studien untersuchen die Entwicklung auf der Ebene einzelner Unternehmen, die vor dem Brexit unterschiedlich intensive Beziehungen zum europäischen Binnenmarkt hatten. Es wird untersucht, welche Auswirkungen die unmittelbar durch den Brexit-Entscheid ausgelöste Unsicherheit und die darauf folgende Abkoppelung von der EU auf Umsatz, Kosten, Investitionen, Produktivität, Mitarbeiter und andere Kennziffern der Unternehmen hatten. Die dort festgestellten Effekte werden akkumuliert und auf das Wirtschaftswachstum hochgerechnet.Als Ausgangspunkt der Studien wird in der Regel der Volksentscheid von 2016 und nicht der effektive Austritt aus der Union im Januar 2020 genommen. Das mag auf den ersten Blick irritieren, ist aber vernünftig. Da der Volksentscheid damals politisch als unumkehrbar wahrgenommen wurde, haben sich Unternehmen, Arbeitnehmer und Migranten schon ab diesem Zeitpunkt auf die neue Realität einzustellen begonnen. Und da bis zu dem tatsächlichen Austritt die Ausgestaltung der künftigen Beziehungen zur EU höchst umkämpft und unklar war, herrschte lange Zeit erhöhte Unsicherheit für alle Wirtschaftssubjekte. Diese war Gift für die Investitionen und das Wirtschaftswachstum – der Brexit beeinflusste die Wirtschaft also sofort nach dem Referendum.Der Brexit wird immer pessimistischer beurteiltSchon vor dem Referendum warnten die meisten Studien vor negativen wirtschaftlichen Effekten des Brexits. Rückblickend wird deutlich, dass diese Studien die kurzfristigen Effekte eher überschätzten und die mittelfristigen Folgen eher unterschätzten. Je jünger eine Studie ist und je mehr reale Daten sie dafür verarbeiten konnte, desto höher fallen tendenziell die berechneten negativen Effekte aus.Das dem Finanzministerium angegliederte unabhängige Amt für Budgetverantwortung (OBR) kam im März 2025 zu dem Schluss, dass der Brexit die langfristige Produktivität der britischen Volkswirtschaft um 4 Prozent geschwächt habe. Der Aussenhandel falle um 15 Prozent geringer aus, als wenn Grossbritannien noch EU-Mitglied wäre. Eine 2026 aktualisierte Studie von Goldman Sachs schätzt den Verlust der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandprodukt) auf 4 bis 6 Prozent, basierend auf Vergleichen mit einer Gruppe westlicher Volkswirtschaften. Die Bankökonomen gehen davon aus, dass 2 bis 4 Prozentpunkte davon durch den Rückgang im Aussenhandel mit Gütern und Dienstleistungen und 2 Prozentpunkte durch geringere Investitionen wegen der Brexit-Unsicherheit verursacht wurden.Andere 2026 veröffentlichte Studien orten den Verlust des Bruttoinlandprodukts im Jahr 2025 wegen des Brexits eher zwischen 6 und 8 Prozent. Besonders differenziert geht eine im Juni 2026 publizierte Studie des amerikanischen National Bureau of Economic Research (NBER) vor. Es berechnet sowohl einen Makroansatz, der Grossbritannien mit 33 Ländern vergleicht, als auch einen Mikroansatz, der die Daten eines Panels von über 7000 britischen Unternehmen analysiert. Die Ergebnisse fallen bei beiden Ansätzen verheerend aus. Mit dem Makroansatz kommt das NBER auf ein 8 Prozent tieferes Bruttoinlandprodukt pro Kopf im Jahr 2025, mit dem Mikroansatz auf 6 Prozent weniger. Die Investitionen sind 12 bis 13 Prozent, die Beschäftigung und die Produktivität jeweils 3 bis 4 Prozent tiefer. Der Mikroansatz dürfte den Brexit-Verlust eher unterschätzen, da negative Spillover-Effekte etwa wegen der geringeren gesamtwirtschaftlichen Nachfrage dabei nur ungenügend berücksichtigt werden.Kein Wiedereintritt trotz UnzufriedenheitDie Ergebnisse sind eindeutig und können nicht einfach als ideologische Verzerrung durch die Autoren wegdiskutiert werden: Der Brexit hat dem Land bisher hohe wirtschaftliche Kosten aufgebürdet. Sie machen das Leben der Bürger sowie das Regieren der Politiker schwerer. Dies reflektiert sich auch in regelmässig erhobenen Meinungsumfragen, die schon bald nach dem Volksentscheid ins Negative kippten und sich seither akzentuiert haben. Eine deutliche Mehrheit der Briten empfindet den Brexit heute als Fehler.Dennoch steht eine Rückkehr Grossbritanniens zur EU nicht wirklich auf der politischen Agenda. Die derzeit besonders populäre Protestpartei Reform UK ist mit ihrem Anführer Nigel Farage die eigentliche Brexit-Partei, die den Austritt weiterhin als grossen Erfolg feiert. Die Konservativen könnten eine Rückkehr zur EU nicht glaubwürdig versprechen, da unter ihrer Regierung das Referendum abgehalten und umgesetzt wurde. Aber nicht einmal die derzeit regierende Labour-Partei hat sich in ihrem Wahlprogramm 2024 für eine Rückkehr ausgesprochen; sie will bloss die Beziehungen zur EU pragmatisch verbessern.Nur die Grünen wollen das Königreich offiziell wieder in die EU führen, doch sie werden dafür keine Parlamentsmehrheit erhalten. Die Liberaldemokraten wünschen sich die Rückkehr in den Binnenmarkt und die Zollunion. Und die schottischen Nationalisten sehen ein unabhängiges Schottland in der EU, doch auch dafür ist eine Mehrheit nicht in Sicht.Die staatstragenden Parteien wissen, dass ein Wiedereintritt politisch und wirtschaftlich extrem schwierig wäre. Innenpolitisch wäre ein bitterer Kampf zu erwarten. Die europäischen Hauptstädte dürften sich wenig kooperativ zeigen und harte Forderungen stellen. Der Prozess würde sich erneut über Jahre hinziehen und enorme Unsicherheit erzeugen. Das würde noch mehr Gift für die britische Wirtschaft bedeuten.Am Vogelscheuchen-Festival 2016 im mittelenglischen Dorf Heather werden zwei Figuren präsentiert, die den ehemaligen britischen Premierminister David Cameron (links) und den damaligen Aussenminister Boris Johnson darstellen.Darren Staples / ReutersStatt eines Wiedereintritts wäre eine pragmatische Annäherung an die EU durch bilaterale Abkommen, wie das bisher die Schweiz praktizierte, einfacher und für alle Seiten sinnvoller. Auch die EU kann nur von einem guten Verhältnis zu Grossbritannien profitieren.Liberalisierung ist nicht populärAllerdings ging es beim Brexit nicht nur um die Wirtschaft, sondern ganz zentral um Werte wie Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, das sollte nicht vergessen werden. Diese Werte dürfen auch einen Preis haben.Klar ist auch, dass die Rettung der britischen Wirtschaft nicht einfach in einer möglichst engen Annäherung an die EU liegen kann. Schliesslich gab es auch gute Argumente für den Brexit: die Hoffnung auf einen Befreiungsschlag durch die Abschaffung vieler unnötiger EU-Regularien, welche die Wirtschaft belasteten. Davon ist bis jetzt leider kaum etwas zu sehen. Viele Branchen müssen stattdessen mit zusätzlicher Bürokratie etwa im Aussenhandel oder der Beschäftigung europäischer Mitarbeiter kämpfen.Jede britische Regierung hätte es heute grundsätzlich in der Hand, die Bedingungen für die heimische Wirtschaft zu verbessern. Warum ist das nicht längst geschehen, insbesondere während der Regierungszeit der Tories, die seit dem Referendum acht Jahre Zeit dafür hatten?Die Wahrheit liegt in der mangelnden Unterstützung einer radikalen Liberalisierungsagenda durch die britischen Wähler. Die EU war für britische Politiker lange Zeit ein beliebter Sündenbock, wenn es darum ging, einen Schuldigen für den schleichenden Ausbau von Sozialstaat, Konsumentenschutz, Arbeitnehmerschutz, Umweltschutz und all den anderen Regulierungen, welche die Wirtschaft belasten, zu finden. Am Ende hat bis heute niemand den Mut gehabt, diese teuren, aber oft auch bequemen staatlichen Polster wieder abzubauen und von den Bürgern mehr Eigenverantwortung zu verlangen.Nur die nationalkonservative Protestpartei Reform UK liebäugelt heute mit klaren Einschnitten in den Staat. Das lässt sich allerdings aus der sicheren Distanz der Opposition leichter sagen als in Regierungsverantwortung, wo fiskalische Widersprüche schneller an Grenzen stossen. Die letzte Premierministerin, die das Land mit einer radikalen Reformagenda aufrütteln wollte, war die Konservative Liz Truss. Sie scheiterte im Herbst 2022 nach 49 Tagen im Amt.Passend zum Artikel
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