«Die KI, die wir heute haben, ist die schlechteste, die es jemals geben wird»: Munich-Re-Chef setzt auf künstliche Intelligenz und will ihre Fehler versichernChristoph Jurecka erklärt, wie der Rückversicherer KI schon heute nutzt und wie er den Standort Deutschland sieht.08.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZHerr Jurecka, in den vergangenen Tagen war es ungewöhnlich heiss. Erleben Sie das als Versicherungsmanager anders als andere Menschen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zunächst einmal ist diese extreme Hitze über Tage hinweg für viele Menschen körperlich sehr belastend. Hitzewellen fordern Todesopfer und bringen nicht nur im Fall heftiger Unwetter Schäden für Unternehmen und Menschen sowie Einschränkungen in der Infrastruktur. Das kann konkrete Folgen für uns als Rückversicherer haben.Christoph JureckaPDSie sehen, dass es heiss wird, und fangen an zu rechnen?So direkt ist der Zusammenhang nicht, aber es stimmt schon, dass wir bei Munich Re die Nachrichten mit einem anderen Blick verfolgen. Denn egal ob Naturkatastrophe, Flugzeugabsturz oder grosse Haftpflichtklage – wir sind fast immer betroffen.Was ist das Risiko bei Hitze?Es kann mehr Krankheiten und auch mehr Todesfälle geben. Wenn es zugleich zu Dürre kommt, sinken die Erträge der Bauern, dafür gibt es vor allem in den USA Versicherungsdeckungen. Niedrigwasser in Flüssen behindert Lieferketten und kann zu Betriebsunterbrechungen führen. Und bei der Abkühlung drohen zum Beispiel Schäden durch Starkregen und Hagel. Der Klimawandel führt zu einer Fülle schwer zu berechnender Wetter- und Klimaphänomene. Sie bewirken, dass die Volatilität steigt und letztlich auch die Schäden zunehmen.Und daran müssen wir uns gewöhnen?Tatsächlich zeigen uns die Statistiken, dass solche Hitzewellen in Mitteleuropa heute wesentlich wahrscheinlicher und weniger aussergewöhnlich sind als vor dem Jahr 2000. Es ist sehr schwierig, ein einzelnes Ereignis auf den Klimawandel zurückzuführen. Aber die statistische Häufung ist genauso evident wie die globale Erwärmung.Bei potenziell höheren Schäden steigt auch die Nachfrage. Profitiert Munich Re wirtschaftlich vom Klimawandel?Der Klimawandel führt wissenschaftlich belegt zu höheren und sich verändernden Risiken. Diese Veränderung muss erst einmal konkret kalkuliert werden. Selbst wenn die Nachfrage steigt, stellt sich die Frage, zu welchen Preisen wir neue Verträge abschliessen können. Es ist nicht so, dass wir mit mehr Geschäft automatisch mehr Geld verdienen. Kurzfristig dominieren ohnehin die Schäden. Ich denke, insgesamt bewegen wir uns bis anhin in einer guten Balance. Auf Dauer müssen höhere Risiken mit höheren Preisen einhergehen. Im vergangenen Jahr sind die Preise in der Rückversicherung jedoch geringfügig gefallen.Warum?Unser Geschäft ist zyklisch. Langfristig geht der Trend bei den Naturkatastrophen nach oben: Weltweite versicherte Schäden von 100 Milliarden Euro pro Jahr wären vor einiger Zeit noch ein Spitzenwert gewesen und sind heute normal. Kurzfristig gibt es aber starke Schwankungen. 2025 sind die versicherten Schäden vergleichsweise gering ausgefallen. Das ist ein wichtiger Treiber für die Preise, die dann eben auch einmal fallen.Wenn die Schäden steigen, kann das aber auch daran liegen, dass höhere Summen versichert sind.Das ist richtig. Die Zahl der Schadenereignisse nimmt ebenso zu wie die Summe der versicherten Werte. Neben der Inflation liegt das auch daran, dass exponierte Vermögenswerte zunehmen und Menschen verstärkt in besonders riskanten Gebieten bauen, zum Beispiel an Gewässern.Gibt es Regionen, in denen Sie keinen Schutz für Erstversicherer mehr anbieten?Wir wollen die Risiken unserer Kunden decken. Solange die Konditionen das Risiko angemessen widerspiegeln, schliessen wir keine Region aus. Wir sind weltweit in rund 150 Ländern aktiv. Das ist kein Selbstzweck, sondern auch wichtig für unsere regionale Diversifikation. Es finden zum Beispiel selten gleichzeitig grosse Wirbelstürme in den USA und in Japan statt.Haben kriegerische Auseinandersetzungen in der Ukraine und Iran konkrete Folgen für Sie?Sehr begrenzt, weil Kriegsschäden in den meisten Versicherungsverträgen der Anbieter als Ursache ausgeschlossen werden. Wir haben im ersten Quartal eine Rückstellung von rund 90 Millionen Euro für direkte Schäden im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg gebildet. Das ist für uns eine überschaubare Summe und in erster Linie eine Vorsichtsmassnahme. Wesentlicher sind indirekte Folgen wie die höhere Inflation und die gestiegene Volatilität an den Kapitalmärkten.Haben Sie bei Ihren Anlagen darauf reagiert?Wir legen versicherte Gelder an und sind deshalb grundsätzlich ein konservativer Investor. Wir können sehr gut abschätzen, wann wir Liquidität brauchen, und Kapital deswegen über lange Zeiträume binden. Deshalb sind etwa Infrastruktur und andere alternative Anlageformen für uns sehr wichtig. Meag, unser Vermögensverwalter, investiert zum Beispiel intensiv in Wald, die bewirtschafteten Flächen sind insgesamt grösser als die Insel Mallorca. Den Anteil der alternativen Anlagen am Gesamtportfolio wollen wir weiter erhöhen.Um wie viel?Wir wollen ihn bis 2030 um rund 5 Milliarden Euro ausbauen. Wenn wir Immobilien dazurechnen, liegen wir gegenwärtig bei rund 40 Milliarden Euro bei Anlagen von insgesamt rund 238 Milliarden. Der Aktienanteil beträgt daran 3,3 Prozent.Munich Re ist der grösste Rückversicherer der Welt, auch die Allianz zählt zu den globalen Marktführern. Woran liegt es, dass Deutschland für Ihre Branche so ein guter Standort ist?Wir können uns über eine sehr starke Historie in einem stabilen Land mit gut ausgebildeten Mitarbeitern freuen. Bei Munich Re haben wir diese Position über Jahrzehnte aufgebaut, es steckt also viel Wissen und Erfahrung hinter dieser Marktposition. Sie ist aber nicht selbstverständlich. Wir müssen aufpassen, dass wir sie nicht durch Überregulierung gefährden.Wo sehen Sie die Gefahr?Einige Rahmenbedingungen sind in Deutschland und Europa schwieriger als an vielen anderen Standorten. Da geht es nicht nur um Bürokratie, sondern zum Beispiel auch um Kapitalbedarf. In anderen Regionen könnten wir oft das gleiche Geschäft mit weniger Kapital betreiben. Man sollte darüber nachdenken, auch die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit zur Aufgabe der europäischen Aufsicht zu machen. Wenn sie sich nur auf Vorsicht fokussiert, droht sie in diese Richtung zu übersteuern.Die Regulierung kann doch nicht so schlimm sein, wenn die Konzerne Jahr für Jahr Rekordergebnisse erzielen und die internationalen Wettbewerber abhängen.Auch hier gibt es keinen Automatismus. Gerade in den vergangenen Jahren hat es in Europa viele neue Regulierungen gegeben, dadurch hat sich unser Aufwand nochmals erhöht. Wir stehen im globalen Wettbewerb. Und wenn ein Wettbewerber aus China, den USA oder Bermuda mit uns konkurriert, ist er ganz klar im Vorteil. Jetzt ist die Zeit, um gegenzusteuern, um europäische Versicherer im Wettbewerb nicht unnötig zu belasten.Die Regulierung ist für Ihre Branche aber auch ein Vorteil. Der Aufwand verhindert, dass digitale Wettbewerber Ihr Geschäft im grossen Stil «disruptieren».Verstehen Sie mich nicht falsch: Regulierung ist sehr wichtig – sie muss aber ausbalanciert sein. Dass Technologieunternehmen bis anhin in der Versicherung eine eher geringe Rolle spielen, liegt vor allem daran, dass Versicherungsprodukte beratungsintensiv sind. Viele Kunden rufen nach wie vor ihren Berater an, statt selbst im Internet zu recherchieren.Der hohe Kapitalbedarf erschwert aber doch den Wettbewerb. Bilden die grossen Rückversicherer eine Art Kartell?Nein, der Wettbewerb ist intensiv. Selbst die grössten Anbieter wie wir haben nur einen relativ geringen Marktanteil. Zudem gibt es neben den traditionellen Rückversicherungen auch alternatives Kapital. Grossinvestoren bieten spezielle Instrumente an, die auch Versicherungsrisiken abdecken, vor allem bekannt für Naturkatastrophen, sogenannte «Cat-Bonds». Der Nachteil dabei: Wer in diese investiert, bekommt zwar bis zu 10 Prozent Rendite, muss im Versicherungsfall aber auch mit dem Totalverlust für das investierte Geld rechnen.Wie wird KI das Geschäftsmodell von Munich Re verändern?Im operativen Bereich spielt KI für uns eine grosse Rolle. Da geht es darum, effizienter zu werden, die Modellierung zu verbessern und Daten noch intensiver zu nutzen.Können Sie ein Beispiel nennen?Wenn jemand ein Restaurant versichern will, kann er zur Inspektion der Küche mit dem Handy dort durchlaufen. Dann sagt ihm die App beispielsweise, dass er auf den Feuerlöscher zoomen und das Label fotografieren soll. Dies ermöglicht den Abschluss einer Versicherung ausschliesslich mit dem Smartphone.Gibt es auch Beispiele aus der Rückversicherung?Wir bekommen sehr viele unstrukturierte Daten. Bei den Rechnungen, die wir von unseren Erstversicherungskunden bekommen, gibt es keine Standardisierung. Ähnlich ist es mit der Auswertung wissenschaftlicher Studien, etwa um Risiken im Bereich Leben und Gesundheit schneller und besser einzuschätzen. Hier hilft KI natürlich. Zudem beschäftigen wir uns damit, wie wir Risiken der KI versichern können. Wir haben bereits entsprechende Produkte im Angebot.Heisst das, dass Sie die potenziellen Fehler von KI versichern?Ja, einen solchen Schutz bieten Tochtergesellschaften von uns an, das Produkt heisst «aiSure». Ein Beispiel für dessen Einsatz wäre ein KI-Modell, das bei Kreditentscheidungen hilft. Wenn sich später herausstellt, dass die KI schlechter abschneidet als erwartet, wäre das versichert.Die Prämien für eine solche Versicherung dürften hoch sein. KI macht derzeit ja noch viele Fehler.KI wird naturgemäss immer Fehler machen, die Frage ist, mit welcher Fehlerwahrscheinlichkeit man rechnet. Wir prüfen die Modelle genau und haben das Know-how dafür. Zurzeit ist das noch ein Nischengeschäft. Aber es ist wichtig, solche neue Themen frühzeitig zu durchdringen, anzugehen und Potenzial zu entwickeln.Bei Ihrem Erstversicherer Ergo haben Sie wegen des Einsatzes von KI den Abbau von 1000 Stellen angekündigt. Fallen im Konzern noch mehr Arbeitsplätze weg?Wir sind froh über die gute Einigung mit allen Parteien. Ein weiterer Abbau ist nicht geplant.Gibt es denn Aufgaben, die aus Ihrer Sicht auch künftig unbedingt ein Mensch erledigen muss?Das ist eine schwierige Frage, denn die KI, die wir heute haben, ist die schlechteste, die es jemals geben wird. Niemand kann voraussagen, was in drei, fünf oder zehn Jahren möglich sein wird. Zurzeit setzen wir KI vor allem unterstützend ein. Das erleichtert administrative Tätigkeiten, so dass für komplexere Aufgaben mehr Zeit zur Verfügung steht. Zudem werden sich Erfahrung und Kundenverständnis auch künftig schwerlich ersetzen lassen.Für dieses Jahr haben Sie das Ziel eines Nettogewinns von 6,3 Milliarden Euro ausgegeben. Wie viel profitabler soll der Konzern noch werden?Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir das Ziel in diesem Jahr erreichen. Unsere Eigenkapitalrendite lag 2025 bereits bei 18 Prozent, das ist einer der höchsten Werte, die wir je erreicht haben. Das Niveau wollen wir im Rahmen unseres Strategieprogramms mindestens halten.Die Börse war in letzter Zeit nicht so euphorisch, der Kurs der Munich-Re-Aktie ist gefallen. Woran liegt das?Die Branche der Rückversicherer war insgesamt unter Druck. Zudem ist unsere Aktie davor sehr, sehr gut gelaufen.Christoph JureckaDer 1974 in Bergisch Gladbach geborene Jurecka steht seit Anfang des Jahres als Vorsitzender des Vorstands an der Spitze von Munich Re, einem der weltweit führenden Risikomanager. Seit 2019 ist er Mitglied des Vorstands des Konzerns und war bis Ende 2025 als dessen Finanzchef tätig. Zuvor war Jurecka ab 2011 Finanzchef des zu Munich Re gehörenden Erstversicherers Ergo, davor war er ab 2009 Mitglied der Geschäftsleitung und Finanzchef der Axa Schweiz in Winterthur. Studiert hat er in Graz technische Physik und anschliessend in Braunschweig promoviert.Passend zum Artikel