Messi war schon wieder überall gleichzeitig. Wie ein Schwarm Heuschrecken es vermag, den Himmel zu verdunkeln, so tauchten am Dienstagmittag Zehntausende Trikots mit der Nummer zehn und dem verspielten Messi-Schriftzug erst die Straßen rund um das Stadion von Atlanta und dann das Stadion selbst in hellblau und weiß. So ist das immer, wenn die Argentinier bei der Weltmeisterschaft antreten, diesmal im Achtelfinale gegen Ägypten: unten auf dem Rasen der echte, der einzigartige Lionel Messi, Fixpunkt im Spiel des Noch-Weltmeisters. Und auf den Tribünen lauter Messi-Klone, die zwar nicht alle das Spiel mit dem Ball beherrschen, aber als Sänger der Mission Titelverteidigung den feierlichen Rahmen geben.Womit wohl keiner dieser Zehntausenden Messis gerechnet hatte, auch nicht der echte: mit der Möglichkeit, an diesem Dienstag in Atlanta einem historischen Moment beizuwohnen, dem letzten Spiel ihres Idols im hellblau-weißen Trikot bei einer Weltmeisterschaft. Und so kam es dann auch nicht, aber es war denkbar knapp. Mit 2:0 lagen die Ägypter bis zur 79. Minute in Führung. Ehe das Unglaubliche geschah: Angetrieben von ihrem Messi gewannen die Argentinier noch mit 3:2 - und mussten damit noch nicht mal in die Verlängerung.Lionel Messi:Der beste Spaziergänger der FußballgeschichteMit zwei Treffern gegen Österreich bricht Argentiniens Genie den WM-Torrekord. Im Vorruhestandsalter könnte er auf dem Weg zum besten Turnier seiner Karriere sein – dank seiner ökonomischen Spielweise.Die Messi-Fixierung hat den Argentinien bisher nicht geschadet. Anders als etwa der mit Portugal schon ausgeschiedene Cristiano Ronaldo hat sich der 39-jährige Kapitän der Albiceleste für diese WM noch mal in eine beachtliche Spätform gebracht. Deshalb war es nur folgerichtig, dass Lionel Messi in der 21. Minute dieses Spiels nun auch am Elfmeterpunkt auftauchte, nachdem Schiedsrichter François Letexier nach einem Foul von Haissem Hassan an Nicolas Tagliafico Strafstoß für Argentinien gepfiffen hatte.1:0 stand es zu diesem Zeitpunkt schon für den Außenseiter. Das Team hatte die Ankündigung seines Trainers Hassan Hossam in die Tat umgesetzt und von Anfang an mutig mitgespielt. Und nach einer präzisen Flanke von rechts war im Duell zweier Innenverteidiger Yasser Ibrahim höher gesprungen als Lisandro Martínez und hatte den Ball mit dem Kopf ins argentinische Tor gesetzt (15.). Aber schon kurz darauf gab es ja jetzt den Elfmeter für Argentinien. Messi, wer sonst, trat an.Doch Messi schoss dann eher so halbrechts, eher so halbhoch und eher so mittelstark. Mostafa Shoubeir parierte. Und von nun an war klar, dass das heute ein ungemütlicher Nachmittag werden könnte. Wie ungemütlich zunächst, wie erlösend dann aber am Ende – das ahnte wohl niemand.Messi ist jetzt nicht nur WM-Rekordschütze, sondern auch WM-RekordelfmeterfehlschützeNatürlich schießt Lionel Messi die Elfmeter bei Argentinien. Er war ja über zwei Dekaden der beste Fußballer der Welt! Wenn auch nicht der beste Elfmeterschütze. In der Vorrunde gegen Österreich hatte er auch schon einen Strafstoß verschossen, danach traf er zweimal aus dem Spiel heraus, Argentinien gewann 2:0. Und nun also diese Kuriosität: Durch den zweiten vergebenen Elfmeter im Turnier ist Messi in den USA nicht nur der (möglicherweise vorläufige) Rekordtorschütze (21 Treffer), sondern auch der Rekordelfmeterfehlschütze der WM-Geschichte geworden. Insgesamt vier hat er nicht verwandeln können. Platz eins.Zunächst wirkten die Argentinier allerdings nicht beunruhigt. Aus ihrem kompakten Mittelfeld heraus trugen sie Angriff um Angriff vor das ägyptische Tor. Der Ausgleichstreffer schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Doch der ägyptische Torwart Shoubeir hielt mit überragenden Paraden mehrmals die Führung fest, etwa mit einem sensationellen Reflex gegen Julián Álvarez (39.). Doch mit zunehmender Spieldauer schlich sich der Zweifel ins Spiel der Argentinier. Und dann brauchten sie zweimal Glück.Zunächst, als Leandro Paredes im Mittelfeld den Ball an Mo Salah verlor, woraufhin der Kapitän der Ägypter allein aufs argentinische Tor zusprintete. Da pfiff Letexier ein Foul, das eher keines war – und bewahrte die Argentinier vor Schlimmerem. Und erneut nach einem fantastischen Solo des Stürmers Hassan von Real Oviedo: Fast an der eigenen Eckfahne eroberte er den Ball, führte den Ball auf so wundersame Weise über den gesamten Platz wie einst Mose die Israeliten durchs Rote Meer und passte schließlich auf Mostafa Ziko, der nur noch einschieben musste (60.). Wegen eines Fouls ganz am Anfang des Spielzugs, bei der Balleroberung, wurde der Treffer korrekterweise allerdings storniert.Doch die Ägypter waren nicht gebrochen, im Gegenteil. Hassan versuchte es einfach erneut, wenn auch nicht ganz so spektakulär, wieder traf Ziko, diesmal regelkonform (67.), 2:0. So stand es auch noch in der besagten 79. Minute. Und nun schien sich hier in Atlanta tatsächlich der WM-Abschied des Allergrößten anzubahnen, Messis Abschied in Tränen.Der Sensation ganz nah: Mostafa Ziko und Haissem Hassan bejubeln das 2:0. Chris Carlson/AP PhotoUnd tatsächlich: Lionel weinte dann nach dem Abpfiff, er heulte Rotz und Wasser wie wohl selten zuvor nach einem Fußballspiel. Aber aus Erleichterung.Der Anschlusstreffer fiel in der 79. Minute, und mit ihm kam der Glaube zurück. Messi sandte aus dem rechten Halbraum eine Hereingabe auf den Kopf des aufgerückten Innenverteidigers Cristian Romero, dessen Kopfball Shoubeir zwar noch berührte, aber nicht mehr entscheidend ablenken konnte – 2:1. Fünf Minuten später war dann schon der Ausgleich geschafft, diesmal war Messi selbst der Torschütze. Vom eingewechselten Gonzalo Montiel bekam er der Ball zugesteckt und schloss direkt ab mit einem Gewaltschuss an die Unterkante der Latte (84.). Und dann schließlich die zweite Minute der Nachspielzeit: ein Ballgewinn von Álvarez, ein weiter Diagonalball auf Lautaro Martínez, eine perfekte Flanke auf den Kopf von Enzo Fernández, 3:2.Lionel Messi bleibt doch im Turnier. Und die Zehntausend Messis dürfen weiterziehen nach Kansas City, wo Argentinien das Viertelfinale bestreitet.
WM 2026: Argentinien dreht das Spiel gegen Äypten, Messi weint vor Erleichterung
Lange sieht es aus, als würde Argentinien im Achtelfinale gegen Ägypten ausscheiden. Dann dreht der Weltmeister ein 0:2 in ein 3:2.










