Ihre Fußballer sind bei der Weltmeisterschaft noch vor den Deutschen ausgeschieden, aber den Titel des Bierweltmeisters nimmt den Tschechen so schnell niemand. Mit 121 Litern pro Kopf und Jahr liegen die Biertrinker in Böhmen und Mähren im internationalen Ranking ganz vorn, weit vor Österreichern und Deutschen, die im vergangenen Jahr 98 und 84 Liter Bier pro Kopf tranken.Dennoch ist Tomáš Slunečko, der Chef des tschechischen Brauerei- und Mälzereiverbands, nicht froh. Denn die Tschechen trinken immer weniger Bier. Die Zahl der Kneipen sinkt, die Preise steigen. Niedriger als 2025 sei der Bierkonsum nur im Pandemiejahr 2021 ausgefallen, sagt Slunečko.Die Zahl der Gaststätten schrumpft schnellDamals waren Kneipen wochenlang geschlossen. Viele haben sich davon nicht mehr erholt. Michal Voldřich, Verbandsvorsitzender der Mikrobrauereien, deren Zahl sich mit Zu- und Abgängen konstant über 500 hält, klagte im Frühjahr: „Das Gastgewerbe schrumpft viermal schneller als andere Wirtschaftszweige.“Jetzt schwächelt auch noch der Export tschechischer Biere. Dabei war das früher immer eine sichere Bank. Im vergangenen Jahr brach die Ausfuhr um 8,2 Prozent ein. Knapp 30 Prozent der Produktion von zuletzt 20 Millionen Hektolitern ging ins Ausland. Auch Tschechiens Brauer bekommen die veränderten Trinkgewohnheiten auf der ganzen Welt zu spüren.Biermarkt in einer „Phase langfristig struktureller Stagnation“Die Ratingagentur Scope sieht die globale Brauindustrie „in einer Phase langfristig struktureller Stagnation“, was sich in jährlichen Absatzrückgängen von einem bis zwei Prozent ausdrückt. Wachstum gebe es nur noch bei alkoholfreiem Bier und aromatisierten Varianten, sagt Slunečko vom tschechischen Brauerverband. Doch das gilt längst nicht für alle.Zum Beispiel nicht für Adam Matuška. Der 36 Jahre alte Brauer kommt der Nachfrage nach ungefiltertem und nicht pasteurisiertem Craftbier wie dem beliebten „Desítka“ kaum hinterher, obwohl er, wie Matuška lächelnd zugibt, eine Hochpreisstrategie fährt: „Wir sind eines der teuersten Biere auf dem Markt, aber die Leute mögen und trinken es.“ Hohe Preise kann er sich leisten, gelten seine Biere mit feiner Hopfen- und Bitternote doch als die besten Craftbiere im Land.Tchechiens bekanntester Craftbierbrauer, Adam Matuška, meldet: „Wir sind ausverkauft.“Andreas MihmBeim renommierten World Beer Cup in den USA hat Matuška zwei Jahre nacheinander Spitzenpositionen belegt. Mehr für sein Ego als gut fürs Geschäft sei der Bierbrauer-Oscar, sagt er grinsend in der Brauerei in Broumy, einem 1000-Seelen-Nest, eine Autostunde westlich von Prag. Dort stehen die Stahltanks, in denen er zweimal täglich Sud ansetzt und Bier braut. Hochbetrieb im Hinterhof. Matuška sagt: „Wir sind ausverkauft.“Matuškas Craftbierbrauerei ist nicht die einzige Ausnahme vom Trend. 150 Kilometer weiter südlich in Budweis (České Budějovice) laufen die Geschäfte der gleichnamigen Großbrauerei im ersten Halbjahr „viel besser, als wir erwartet haben“, berichtet Direktor Petr Dvořák. Mit einem strahlenden Gesicht sagt er: „Der Juni war wohl der erfolgreichste Monat in der Geschichte der Brauerei.“Zwei Bierbrauer gegen den TrendZwei Bierbrauer gegen den Trend. Dabei könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Die Mikrobrauerei Matuška, im Jahre 2009 von Adams Vater in einer Hinterhofgarage als Familienunternehmen gegründet, produziert mit 15 Leuten gerade einmal 900.000 Liter im Jahr, verkauft ihr Bier ab Hofkneipe in Literflaschen und setzt ganz auf den heimischen Markt.Die Matuškas mussten sich in einem schrumpfenden Markt etablieren und Kneipen als Absatzmarkt gewinnen – inzwischen sind es 80 im Land. In Prag hat er eigene Restaurants als Vertriebskanal gegründet. Geld habe das Braugeschäft von Anfang an abgeworfen. Matuška hat Brauwesen studiert, sein Vater das ganze Leben in der Branche gearbeitet. „Wir mögen Bier und brauen es gern“, sagt der Sohn.Budweis: 130 Jahre BrautraditionDen Satz würde auch Budvar-Direktor Dvořák unterschreiben. Und doch ist seine Ausgangslage eine völlig andere. Die Budvar-Brauerei hat 130 Jahre Geschichte und einen jahrzehntelangen Marken- und Namensstreit mit der amerikanischen „Budweiser“-Brauerei auf dem Buckel, gehört dem Staat und ist in der ganzen Welt bekannt.Nahezu drei Viertel der jährlich 200 Millionen Liter „Budweiser/Budvar“ werden in 75 Länder exportiert. Das meiste davon geht in die Nachbarstaaten der Tschechischen Republik, abgefüllt in Flaschen und Dosen, von denen jede Stunde Zehntausende vom Band laufen.Budweiser gibt’s jetzt auch alkoholfrei. Brauereidirektor Petr Dvořák präsentiert stolz eine Dose.Andreas MihmIm Ranking der tschechischen Brauereien liegt Budvar auf Platz vier, hinter Pilsner Urquell (Plzeňský Prazdroj), Staropramen und den Bieren des niederländischen Heineken-Konzerns. Weil Pilsner und Staropramen auch ausländischen Unternehmen gehören, dem japanischen Asahi-Konzern und der amerikanischen Molson Coors Beverage Company, erklärt Dvořák sein Unternehmen selbstbewusst kurzerhand zur „größten tschechischen Brauerei“. Und dass es in Staatshand ist (und vermutlich noch länger bleiben wird), wird auch nicht versteckt, im Gegenteil: „Owned by the Czech Republic“ steht auf jeder Dose und jeder Flasche.Verbraucher zahlen für Premiumprodukte höheren PreisSo groß die Budweiser-Brauerei lokal ist, international spielt das Unternehmen keine führende Rolle. Das sei ganz okay, sagt Dvořák. In der Nische der hochpreisigen Premium-Biere fühlt er sich ganz wohl. In seinen Worten klingt das so: „Die Verbraucher suchen nach authentischen, hochwertigen Produkten, und die können wir liefern.“ Wobei der Gebrauch des Plurals hier ein wenig in die Irre führt.Während Budweiser zu Hause an einer Verbreiterung des Marktauftritts probt und Kooperationen mit Mikrobrauereien eingegangen ist, gibt es im wichtigen internationalen Geschäft vor allem ein Produkt: das klassische Budweiser/Budvar. Seit März kommt das „Original Czech Lager“ auch in einer alkoholfreien Variante daher, mit blauer statt roter Banderole. Daran haben sie lange getüftelt, bis die Qualität stimmte.Was macht ein gutes Bier aus?Qualität schreiben alle groß. Doch was macht ein gutes Bier aus? Die Kriterien der Brauer sind unterschiedlich. Dvořák will zwar im Vertrieb und Marketing an der Spitze des Fortschritts stehen, von der Werbekampagne auf Tiktok bis zur Verdreifachung der Gästezahl im hauseigenen Besucherzentrum mit neuem Skywalk.Im Brauprozess ist er dagegen ganz Traditionalist. Den Premiumhopfen aus dem tschechischen Saaz (Žatec) lagert er im eigenen Kühlhaus, das Wasser kommt aus dem hauseigenen, 300 Meter tiefen Brunnen, die Gerste stammt von heimischen Bauern, die Hefe vom sorgfältig gepflegten Ursprungsstamm aus dem Jahr 1895. Selbst die Mälzerei, in der die Gerste keimt und deren Röstung die Bitternoten bestimmt, haben sie bis vor ein paar Jahren selbst betrieben. Jeder Biertrinker kann sicher sein: Sein Budvar kommt aus Budweis.Kreativität des Brauers, Routine im AblaufDer Craftbierbrauer Matuška ist nicht so ein Purist. Bei ihm darf der Hopfen in Amerika oder Australien gereift, die Gerste im Ausland gewachsen sein. Die Hefe besorgt er sich bei Budvar oder den bayerischen Staatsbrauern von Weihenstephan. „Man kann das alles zukaufen; den Unterschied machen die Menschen“, sagt Matuška. Die Kreativität des Brauers und die Routine im Ablauf nennt er die entscheidenden Faktoren für die Qualität seiner Biere.Er selbst entwickelt neben neuen Biersorten auch Restaurantkonzepte. So müssen sich bei ihm die Gäste ihr Bier selbst an der Theke holen wie im britischen Pub – wenn auch mit mehr Schaum im Glas. Dessen Festigkeit und Geschmack bleiben in tschechischen Kneipen Qualitätsmerkmale.Niedergang der deutschen BierkulturBier sei „ein hochkomplexes, durchdachtes Produkt, das als solches gewürdigt werden muss“, verlangt Budvar-Chef Dvořák. Er verbirgt seine Zweifel daran nicht, dass man das jenseits der Grenze in Deutschland offenbar zunehmend anders sehe. Noch vor wenigen Jahren hätten die deutschen Brauer allen anderen auf der Welt den Weg gewiesen. Doch jetzt werde das Bier dort zur reinen Ware, „irgendeine Flüssigkeit“, die zu 9,99 Euro im Kasten verramscht werde.Auch tschechische Premiumbrauer mischen da mit. Mit einiger Empörung notierten tschechische Zeitungen im vergangenen Jahr, dass tschechisches Bier in Berliner Supermärkten billiger angeboten werde als im Ursprungsland – wo zudem die Einkommen niedriger sind.„Für mich ist das, was auf dem deutschen Markt passiert, eine riesige Warnung“, sagt Dvořák und setzt hinzu: „Die Bierbrauer stehen am Scheideweg.“
Tschechiens Biermarkt: Craftbier gegen den Abwärtstrend
Auch Tschechiens Bierbrauer stecken in einer Absatzkrise, aber manche haben ein Rezept gegen den Abwärtstrend. Deutschland dient als abschreckendes Beispiel.








