U-Boot-Auftrag an TKMS: Kanada, Deutschland und Norwegen schmieden eine neue maritime AllianzWährend die Nato an ihrem Gipfel in Ankara über mehr militärische Schlagkraft berät, schafft Kanada Fakten. Ein milliardenschweres U-Boot-Geschäft mit TKMS in Kiel demonstriert, wie eine Lastenteilung ohne die USA aussehen kann.07.07.2026, 17.00 Uhr5 LeseminutenComputeranimation des U-Boot-Typs U-212 CD von TKMS.ThyssenKrupp Marine SystemsMark Carney hat am Montagabend den Ton für den Nato-Gipfel am Dienstag und Mittwoch gesetzt. Bevor der kanadische Premierminister das Flugzeug nach Ankara bestieg, gab er auf dem Atlantik-Stützpunkt der Royal Canadian Navy in Halifax eine wichtige Entscheidung bekannt. Sein Land, verkündete Carney, werde zwölf konventionelle U-Boote der Klasse 212 CD bei der deutschen Werft ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) in Kiel kaufen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Entscheidung Kanadas über den milliardenschweren Auftrag war schon länger erwartet worden. Neben TKMS konkurrierte noch die südkoreanische Hanwha-Gruppe um den Auftrag. Aus Sicht der Nato und vor allem Deutschlands ist der kanadische Beschluss ein Signal zur rechten Zeit: Die Allianz kann auch Projekte ohne die USA vorantreiben und gemeinsame strategische Fähigkeiten aufbauen.Seit Jahren ringt die Nato um höhere Verteidigungsausgaben. Im vergangenen Jahr verständigten sich die Mitglieder, bis 2035 3,5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für das Militär auszugeben. Auf dem Gipfel in diesem Jahr steht nun eine andere Frage im Mittelpunkt: Wie lässt sich aus mehr Geld auch mehr militärische Schlagkraft machen?Kanada hat seine Antwort auf diese Frage am Montag gegeben. Es plant die grösste Rüstungsausgabe in seiner Geschichte. Um wie viel Geld es genau geht, hat die Regierung in Ottawa bisher nicht verlauten lassen. Die Rede ist von etwa 20 Milliarden Euro für die Boote und bis zu 40 weiteren Milliarden für Wartung, Service und Ersatzteile.Drei Länder und eine gemeinsame U-Boot-FlotteDie Entscheidung reicht weit über Kanada hinaus. Deutschland, Norwegen und Kanada bauen künftig eine gemeinsame U-Boot-Flotte auf. Auch die deutsche und die norwegische Marine wollen bis Ende der 2030er Jahre jeweils sechs U-Boote des Typs U-212 CD kaufen. Damit werden die drei Staaten nicht nur die gleiche Plattform betreiben, sondern auch Ausbildung, Logistik, Software, Sensorik, Reparatur, Instandhaltung und Ersatzteilbeschaffung gemeinsam betreiben.Im Prinzip entstehen keine drei nationalen Flotten, sondern eine gemeinsame Fähigkeit. Das deutsche Verteidigungsministerium nutzte in einer Mitteilung am Montag den Begriff des «maritime burden shifting». Das heisst, die USA bleiben mit ihren Nuklearwaffen der strategische Garant der transatlantischen Sicherheit. Aber die Verbündeten übernehmen den konventionellen Teil. Das ist die neue Lastenteilung in der Nato. Die U-Boote sind das jüngste Beispiel.Bemerkenswert ist, dass Kanada erstmals überhaupt fabrikneue U-Boote kauft. Die bisherigen vier Boote der Victoria-Klasse hatte das Land Ende der neunziger Jahre gebraucht in Grossbritannien erworben. Nach wiederholten Pannen entschied sich die Regierung 2021 für die Ausschreibung von zwölf konventionellen Booten.Die alten Boote verbrachten zuletzt mehr Zeit im Reparaturdock als auf dem Meer. Es ist allerdings nicht allein dieser Umstand, der in Ottawa zu der gigantischen Investition führt. Unter dem Eindruck der russischen Konfrontation gegenüber dem Westen und angesichts des amerikanischen Teilrückzugs aus der Nato hat sich Kanada entschieden, mehr für seine Sicherheit zu tun.Ein praktisch unsichtbares U-BootDie Verteidigung des Landes findet vor allem zur See statt: in der Arktis, im Atlantik und im Pazifik. Kanada ist der Staat mit der längsten Küste der Welt. Jüngst hat das Land besonders seine strategischen Interessen in der Arktis betont. Deshalb sollen die neuen U-Boote speziell für Einsätze im hohen Norden und unter dem Eis ausgelegt sein.Die U-Boote der Klasse 212 CD gehören zu den modernsten konventionellen U-Booten der Welt. Der rautenförmige Rumpf besteht aus nichtmagnetischem Stahl, wodurch das Boot nur eine geringe magnetische Signatur unter Wasser erzeugt. Das macht das Boot praktisch unsichtbar, weil es durch magnetische Ortungsgeräte über Wasser nicht aufzuspüren ist.Ein südkoreanisches U-Boot der KSS-II-Klasse. Das ist die Vorgängerklasse des Kanada angebotenen KSS-III.ImagoAusserdem bewegt sich das U-Boot durch seinen Brennstoffzellenantrieb sehr leise. Das ist ein weiterer Grund, weshalb es unter Wasser schwer aufzuklären ist. In den Brennstoffzellen reagieren Wasserstoff und Sauerstoff miteinander. Dabei entsteht elektrischer Strom für den Antrieb, für den, anders als bei Dieselmotoren, kein Luftsauerstoff benötigt wird. Dadurch können die Boote wochenlang unter Wasser bleiben.Kanada hat sich für die Nato entschiedenMit seiner Auftragsvergabe nach Deutschland traf Kanada keine Entscheidung für TKMS oder gegen Hanwha. Premierminister Carney bewertete den Beschluss am Montag als «difficult, close», also als schwierig und eng. Hanwha war zuletzt «all in» gegangen und hatte neben hohem Tempo bei der Auslieferung auch Industriebeteiligung, Ausbildung und ein einsatzerprobtes Boot angeboten.Vor allem Letzteres kann TKMS in dieser Form nicht bieten. Während das südkoreanische Boot vom Typ KSS-III bereits im Dienst steht, befinden sich die ersten Boote der gut 74 Meter langen U-212 CD für Deutschland und Norwegen noch in der Fertigung. Sie sind aber eine Weiterentwicklung der einsatzerprobten Klasse 212 A.Entscheidend dürfte für die Kanadier allerdings die Nato-Karte gewesen sein: Interoperabilität im Bündnis, gemeinsame Interessen der drei Partner im Atlantik und Hohen Norden sowie der Aufbau einer trilateralen Flotte.Gegen diese Argumente konnte Hanwha am Ende mit seinem KSS-III-Boot nicht gewinnen. Das südkoreanische Unternehmen erklärte am Montag, es habe die «barrier posed by Nato alliances» nicht überwinden können, den Auftrag also nicht wegen mangelnder Technologie, sondern aus bündnispolitischen Gründen verloren.Kanada entschied sich für Vertrautes. Die Zusammenarbeit mit Deutschland und Norwegen ist eingespielt, die drei Staaten nutzen schon seit Jahrzehnten ihre Häfen, Werften und Ausbildungsstützpunkte gemeinsam. Dieses Nato-Ökosystem ist aus kanadischer Sicht sicherer und praktischer als der Aufbau einer neuen, isolierten Lieferkette über den Pazifik hinweg nach Südkorea.U-Boote sind wieder wichtig, weil der Nordatlantik, die Arktis sowie die Nord- und Ostsee erneut umkämpfte Gebiete geworden sind. Russland und China operieren vor allem mit Atom-U-Booten in diesen Gebieten. Atom-U-Boote dienen vor allem der nuklearen Zweitschlagsfähigkeit. Zudem verfolgten Nato-Kräfte in den letzten Jahren wiederholt russische U-Boote in der Nähe von Unterseekabeln und Pipelines.Noch ist nichts beschlossenFür TKMS bedeutet die kanadische Entscheidung den grössten Einzelauftrag in der Firmengeschichte. Das erste kanadische Boot soll dem Unternehmen gemäss im Jahr 2033 ausgeliefert werden. Der grösste Teil der Herstellung erfolgt auf den Werften in Kiel (Schleswig-Holstein) und Wismar (Mecklenburg-Vorpommern). Sie sind damit für Jahrzehnte ausgelastet.Ein Modell der U-Boot-Klasse 212 CD steht auf der TKMS-Werft in Wismar, Mecklenburg-Vorpommern. Neben Kiel sollen vor allem dort die neuen Boote gebaut werden.Morris MacMatzen / GettyKanadische Werften sollen vor allem an der Instandhaltung der Boote beteiligt werden. Zudem soll Kanada deutsche Lizenzen, Baupläne, Fachwissen und Technologie erhalten, um eine autarke logistische Kette für die Boote an der eigenen Küste aufzubauen.Der Vertrag der Kanadier mit TKMS ist allerdings noch nicht verhandelt, der Abschluss soll spätestens Ende nächsten Jahres erfolgen. Bis dahin kann sich das Geschäft noch zerschlagen.Vor zehn Jahren hatte Australien der französischen Naval Group den Auftrag für zwölf konventionelle U-Boote erteilt. Fünf Jahre später kippte die Regierung in Canberra den Vertrag und stieg in ein gemeinsames Projekt mit den USA und Grossbritannien für den Bau von Atom-U-Booten ein.Passend zum Artikel