Die Igel sollen unter Haselnuss und Schneeball eine neue Heimat finden. Noch sind die acht Tiere in vier Kartons verpackt, übereinandergestapelt im Schatten neben dem Gartenhaus. Die Sonne steht hoch an diesem Sommermittag im hessischen Taunus. Erst in der Dämmerung sollen die Igel die Umzugskisten verlassen. Am Abend wird Gartenbesitzer Stefan Krasz die Klebestreifen abziehen und die Türen öffnen, die in die Pappe geschnitten sind. Die Kisten sind am Morgen aus der Wetterau gekommen, im Auto von Otto Luzius. Der Mann nennt sich Igelvadder, weil er sich um Igel kümmert, die Leute gefunden und bei ihm abgegeben haben.Krasz lockert die Erde unter den Sträuchern mit dem Spaten. Klopft eine Fläche fest. Darauf stellt er zwei Igelhäuser. Die stabilen, schwarzen Boxen mit den Eingangsklappen sind zum Fressen gedacht und zum Schlafen. Für beides aber bietet das Grundstück noch viel mehr Plätze. Jedenfalls hofft Krasz das. Rund 40.000 Quadratmeter misst das Stück Land, das der Königsteiner nach einem Berufsleben in der Finanzbranche vor einer Weile im Nachbarort Glashütten-Oberems gekauft hat. „Ich bin halt ein Naturfreak.“ Etwas Wald gehört dazu, vor allem aber besteht die neue Heimat der Igel aus Streuobstwiese.Krasz mäht in diesen Tagen mit der Handsense. Und er schafft Strukturen für Tiere, wie er das nennt. So will der Garteneigentümer auch Zauneidechsen ansiedeln. Die Hügel aus Steinen sind schon aufgeschichtet. Grashüpfer fühlen sich in der Gegend wohl, weil eine Schäferin regelmäßig ein paar Tiere über das Grundstück stapfen lässt. Meint jedenfalls Krasz, der auch eine Ausbildung als Landschafts- und Obstbaumpfleger macht. Der Dung locke alle möglichen Insekten an. Bestes Igelfutter.Eingekuschelt: Die Igel sind zwischen Zeitungsschnipseln in den Taunus gereist.Lando HassFür das Projekt Auswilderung hat Krasz Kontakt zum Igelvadder aufgenommen, und Luzius ist aus Bad Nauheim mit den Igeln gekommen. „Er war der Meinung, dass das hier ein guter Ort ist, um Igel auszuwildern“, sagt Krasz.In die Näpfe kommt KatzennahrungDer Igelvadder öffnet eine der Pappkisten neben dem Gartenhaus. Es riecht etwas streng. Die acht Tiere sind in den Kartons etwa 40 Kilometer im Auto bis zum Taunus gefahren worden. Luzius nimmt einen Igel auf die Handfläche, streicht mit dem Strich über die Stacheln. Die Knopfaugen blicken ins Tageslicht. Dann setzt er das Tier zurück zwischen die Zeitungsschnipsel. Noch ist nicht Abend.Vor der Auswilderung: „Igelvadder“ Otto Luzius trägt eine Kiste mit Igeln, Garteneigentümer Stefan Krasz einen Sack Tierfutter.Lando HassKrasz, in Arbeitshosen und Trekkingstiefeln, auf dem Kopf einen Schlapphut, schleppt einen Sack Tiernahrung in den Garten. Vorne ist ein Katzenjunges abgebildet; „Kitten“ steht daneben. Das Futter besteht laut Verpackung aus Huhn und Preiselbeere. Der Igel-Auswilderer aus dem Taunus hat in jedem der beiden Igelhäuser Näpfe bereitgestellt. In die schüttet er das Fressen. Jetzt ist alles für die Igel bereit.Streicheleinheit: Ein Igel sitzt zwischen den Händen von Otto Luzius.Lando HassFrüher lebten schon einmal Igel in den Wiesen. Das hat Krasz vom Naturschutzbund erfahren, wie er sagt. Dem NABU habe das Grundstück früher nämlich einmal gehört. Aber auch in Hessen haben es Igel zunehmend schwer. Als Gründe nennt das Landesamt für Naturschutz Straßen, Schottergärten und Mähroboter. In der Landschaft fehlten Hecken und Säume. Die Weltnaturschutzunion hat die Art vor zwei Jahren erstmals auf der Roten Liste der bedrohten Arten als „potentiell gefährdet“ eingestuft.In der Nähe des Taunusdörfchens Oberems sollen es die Tiere angenehm haben. Als Krasz abends gegen 20 Uhr zurückkehrt, die Kartons vor den Igelhäusern platziert und die Türen öffnet, dauert es etwa eine Dreiviertelstunde, bis der erste Igel herauskrabbelt. Davon berichtet der Naturfreund vier Tage nach der Auswilderung.Als Krasz den Garten gegen 21.30 Uhr verlässt, sind drei Igel draußen, und als er am nächsten Morgen wiederkommt, sind die Kisten leer. In der Nacht darauf lauscht er in die Natur und hört so einiges in den Büschen. Er sieht aber keinen der acht Igel mehr. Die Näpfe mit dem Kitten-Futter in den Igelhäusern erscheinen ihm unberührt. Krasz deutet das als gutes Zeichen. „Es gibt da draußen wirklich viel zu fressen.“