Untier des Jahres: Der Igel stinkt zum Himmel und ist ein StalkerDer Igel wird zum Botschafter für eine intakte Umwelt hochstilisiert. Dabei hat er einen ganz und gar flegelhaften Charakter. Die Kolumne «Wild und wundersam».Atlant Bieri07.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenWer einem Igel im Garten begegnet, wird von einem Parfum begrüsst, das an faule Eier erinnert: Rund 5 Wochen alter Tier auf einer Auffangstation.Severin Bigler / CH MediaPro Natura hat den Igel zum Tier des Jahres 2026 gekürt. Und so wird der spitznasige Insektenfresser romantisiert, was das Zeug hält. Was dem Igel nützt – also Hecken, Asthaufen und Trockensteinmauern –, das ist auch gut für uns Menschen. Der Igel wird zum Botschafter für eine intakte und gesundheitsfördernde Umwelt hochstilisiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dies mag ja im Grunde eine gute Sache sein, aber fairerweise muss ebenso die andere Seite erwähnt werden. Denn der mit medialem Zuckerguss überpinselte Kleinsäuger besitzt einen ganz und gar flegelhaften Charakter.Beginnen wir einmal beim Geruch. Es lässt sich nicht anders sagen, aber diese Viecher stinken zum Himmel. Wer einem Igel im Garten begegnet und sich näher als einen Meter an ihn heranwagt, wird von einem Parfum begrüsst, das an eine Mischung aus faulen Eiern und vergorener Kotze erinnert. Einfach abartig. Wer eine Kostprobe möchte, braucht nur einen Schritt in die nächste Igel-Auffangstation zu machen.Wild und wundersamIn dieser Kolumne schreibt der Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern Atlant Bieri regelmässig über die Wunder der Natur.Dass Igel dermassen stinken, hat unter anderem mit einem Verhalten zu tun, das sich Selbsteinspeichelung nennt. Die Tiere sammeln jeglichen neuen Geruch, indem sie den «duftenden» Gegenstand zerkauen und dann mit viel Speichel auf ihr Stachelkleid auftragen. Das kann mitunter auch Hundekot sein. Warum genau sie das tun, ist noch nicht geklärt.Wenn es um die Paarung geht, werden Igel als hoffnungslose Liebhaber dargestellt, die ihre Angebetete oft stundenlang umkreisen, bevor es endlich zur Sache geht. Dieses Verhalten wird mit dem niedlichen Wort «Igelkarussell» beschrieben.Die Wahrheit sieht aber anders aus. Igel-Männchen sind geradezu penetrant aufdringlich. Dies, obwohl die Körpersprache des Weibchens in vielen Fällen ein klares Nein signalisiert. So faucht es und stellt gar seine Stirnstacheln auf. In der Igelsprache bedeutet dies: «Zisch ab!» Das stundenlange Umkreisen seitens des Männchens würde man bei uns Menschen als Stalking bezeichnen; ein Delikt, das mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft werden kann.Komplett verschwiegen in der Lobpreisung des Igels wird das Kapitel Krankheiten und Zoonosen. Denn unter den vielen Bakterien, Viren, Würmern und Pilzen, die den Igel befallen, können nicht wenige auf uns Menschen überspringen. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2023 hat siebzehn Erreger identifiziert, die für uns zum Problem werden könnten.Am häufigsten kam das Bakterium Anaplasma phagocytophilum vor, das von Zecken übertragen wird und beim Menschen zu Fieber führt. Ebenso wäre da der Pilz Trichophyton erinacei, der in Igeln weit verbreitet ist und die entzündliche Ringelflechte beim Menschen verursacht.Häufig sind Igel auch Träger von sogenannten Erinaceus-Coronaviren. Diese haben eine grosse Ähnlichkeit mit den Mers-Coronaviren, die bei Menschen zu Atemwegserkrankungen führen. China hat Fledermäuse als Virenschleudern und unsere Vorgärten den Igel, das Untier des Jahres 2026.Atlant Bieri ist Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern. Die meiste Zeit lebt er in Pfäffikon (ZH).Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Faulige Düfte und Stalker-Allüren: die dunklen Seiten des Igels
Der Igel wird zum Botschafter für eine intakte Umwelt hochstilisiert. Dabei hat er einen ganz und gar flegelhaften Charakter. Die Kolumne «Wild und wundersam».









