Wer wissen wollte, wohin sich humanoide Robotik entwickelt, musste in den vergangenen Jahren nach Nordamerika oder Asien schauen. Auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas zeigten Unternehmen ihre neuesten Maschinen, und auf der Nvidia GTC im kalifornischen San José stellte der Chipkonzern die KI-Modelle und Softwareplattformen vor, auf denen die nächsten Robotergenerationen entstehen sollen. Und in Shanghai demonstrierte China auf der World Artificial Intelligence Conference mit großer Show seinen Anspruch, bei humanoiden Robotern die Führung zu übernehmen. Europa kam dabei eher am Rande vor.Das soll sich ändern. In Paris beginnt nun die „Machina“ – Europas erste große Konferenz, die sich ausschließlich der humanoiden Robotik widmet. Das Debüt findet in „Station F“ statt, einem ehemaligen Bahndepot im Süden von Paris – und dem weltweit größten Start-up-Campus. Der ist in den vergangenen Jahren zum Zeichen für Europas Tech-Ambitionen geworden, durch Programme, die künstliche Intelligenz fördern und führende KI-Unternehmen mit Start-ups zusammenbringen, darunter das französische Softwareunternehmen Mistral AI. Nun soll hier auch Europas Antwort auf die nächste KI-Evolutionsstufe entstehen: humanoide Robotik.Neura Robotics erreicht Rekordfinanzierung„Es ist die Ära der humanoiden Robotik, die wir gerade erleben“, sagt Tamim Asfour, Sprecher des Robotics Institute Germany (RIG) und Professor für humanoide Robotik am Karlsruher Institut für Technology (KIT). In den letzten Jahren habe die Technologie große Fortschritte gemacht – auch weil immer mehr Geld in die Branche fließt.Deutsches Roboter-Start-up Neura Robotics sammelt bis zu 1,4 Milliarden Dollar ein Milliardenschub für Neura Robotics: Mit Unterstützung von Amazon, Nvidia und Co. will das Start-up humanoide Roboter massentauglich machen. Was steckt dahinter? Anders als in manchen anderen Zukunftsfeldern gibt es hier auch einen deutschen Player mit Star-Potenzial: David Reger. Der Chef des Metzinger Unternehmens Neura Robotics gilt als große Hoffnung der europäischen humanoiden Robotik. Zuletzt sammelte Neura 1,4 Milliarden Dollar ein und sicherte sich damit die größte Finanzierungsrunde, die ein deutsches Start-up bisher abgeschlossen hat. Unter den Geldgebern sind mit Nvidia und Amazon Schwergewichte, aber auch deutsche Industriekonzerne, etwa Bosch und Schaeffler, glauben an die Vision. Und die ist groß: Humanoide Roboter sollen die nächste große Stufe künstlicher Intelligenz werden und die Brücke von der digitalen in die reale Welt schlagen. „Physical AI“, also „physische KI“, wird das genannt.Noch größer sind nur die Versprechen der Unternehmen, an die das Geld geht. Neura etwa spricht von „mehreren Millionen Robotern bis 2030“. Allerdings weiß Neura-Chef Reger auch, wie der Weg dahin noch ist: Der „Financial Times“ sagte er zuletzt, dieses Jahr plane sein Unternehmen die Produktion von 6000 Einheiten, im kommenden Jahr dann Zehntausende. Bis zur Millionenmarke ist es selbst dann noch ein großer Sprung – und nicht viel Zeit.Humanoide Roboter noch Jahre vor der MarktreifeViele Forscher zweifeln daher an den Zeitplänen der Robotik-Unternehmen. „Das Geld läuft den Robotern gerade weit voraus“, sagt RIG-Sprecher Asfour. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Mehrheit der Experten rechnet zwar in drei bis zehn Jahren mit der Marktreife humanoider Roboter. Doch selbst dann dürften die Roboter noch lange kein Massenprodukt sein. Laut Alin Albu-Schäffer, Direktor des Instituts für Robotik und Mechatronik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), kann es nach der Produktreife mehrere Jahre dauern, bis die Roboter in großer Stückzahl produziert werden. Die Robotik-Forscher sind sich daher einig: Die Versprechen eines Massenprodukts in den nächsten Jahren seien realitätsfern.Grund dafür sind nicht nur die Schwierigkeiten bei der Skalierung, sondern auch die Problemchen der Roboter selbst. Zurzeit seien die Roboter längst noch nicht zuverlässig genug, besonders über eine längere Zeit, erklärt Albu-Schäffer. Eine Welt, in der die Humanoiden ganze Schichten in Fabriken übernehmen oder acht Stunden am Tag Pakete austragen? Das sei in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren nicht vorstellbar.
KI-Industrie: Welches Potenzial haben humanoide Roboter für die Wirtschaft?
Der deutscher Hersteller Neura Robotics will bis 2030 Millionen Humanoide im Einsatz sehen. Doch kann die europäische Industrie im Rennen mit den USA und China mithalten? Und die Technologie ihre Versprechen einlösen?







