In München, im Haus der Kunst, gelegen in unmittelbarer Nachbarschaft zum berühmten Eisbach, hat eine kleine, aber feine Ausstellung eröffnet: „Tao Schirrmachers Sammlung. Eisbach Treasure“. Sie konzentriert, was Schirrmacher, bekannter Eisbachsurfer, sogar dreimaliger Europameister im Flusssurfen, aber eben auch passionierter Taucher, in mehr als 20 Jahren aus dem strömungsstarken Bach geholt hat. Die Schätze, deren materieller Wert zwischen null und einigen Tausend Euro changiert, erzählen mehr über München und die letzten Jahrzehnte als manche historische Abhandlung.Von wem stammt am Eisbach die Taschenuhr?Auf das, was Schirrmacher, der nicht mit dem ehemaligen Herausgeber der F.A.Z. gleichen Namens verwandt ist, bei seinen Tauchgängen am häufigsten gefunden hat, wäre man wohl noch gekommen: Finnen von den Surfboards, die sich zum Beispiel lösen, wenn sie irgendwo hängenbleiben, sowie, logisch, Sonnenbrillen. Auch Mobiltelefone – München-gemäß überwiegend iPhones – sind in der Ausstellung stark vertreten. Schirrmacher und die Kuratorin Sabine Brantl haben sie so angeordnet, dass man sich ihre Evolution noch einmal vergegenwärtigen und mithin den Gang ins Technikmuseum sparen kann.In der Ausstellung „Eisbach Treasures“: Von Ringen bis Handschellen ist alles dabei.Matthias SpringerAuch die allerjüngste Geschichte ist präsent, etwa durch Drohnen, die in den Bach gestürzt sind. E-Roller hingegen finden sich keine in der Ausstellung: Von denen hat Schirrmacher („Ich werde ganz oft nach Frank Schirrmacher gefragt – im Herzen ist er schon mein Bruder“) zwar schon geschätzt 200 aus dem Bach gezogen, im vergangenen Jahr aber kaum mehr welche, was auf eine gewisse Lernfähigkeit des Menschengeschlechts rückschließen lässt. Zur Sammlung, die bis zum 7. Februar gezeigt wird, gehören auch Taschenuhren, wie sie vor sehr langer Zeit in Gebrauch waren. Aber heißt das, dass sie auch schon so lange im Bach liegen, vielleicht aus Wut weggeworfen von Hitler, weil die Münchner sein Malergenie nicht erkennen wollten?Oder hat sie jemand viel später an den Bach gebracht, ein junger Mann etwa, zu dessen Style eine solche Taschenuhr passt, und der dann, betört von Schaumwein, beim Charleston-Tanzen in den Eisbach gerutscht ist? Und was ist mit dem von Schirrmacher sichergestellten Hakenkreuzrelief? Stammt es aus den dunklen Jahren, oder hat es ein übermotivierter Sympathisant der „Generation Deutschland“ dem Eisbach geopfert, als er Streifenpolizisten auf sich zukommen sah?Taucht in fremde Geschichten ein: Tao SchirrmacherMatthias SpringerWährend man sich bei Handys noch ganz gut vorstellen kann, unter welchen Umständen sie in das Gewässer gelangt sind (man denke nur an die momentanen Bilder vom Eisbach, wo sich Jugendliche zu Tausenden treiben lassen), ist das bei den ebenfalls ausgestellten echten Pistolen sowie täuschend echten Pistolen-Attrappen schon schwieriger – oder vielmehr beängstigender. Ähnliches gilt für die Geldbörsen, die laut Schirrmacher beim Auffinden oft kein Geld mehr enthalten und mithin die Mutmaßung zulassen, dass selbst das angeblich sicherste und wohlhabendste Bundesland Deutschlands vor Langfingern nicht gefeit ist, geschweige denn vor möglichen Beziehungstragödien.Eheringe, ein Dildo und ein Anal PlugDie Eheringe, die Schirrmacher im Bachbett gefunden hat, werfen, zumal wenn sie wegen Details und Gravur einander zugeordnet werden können, die Frage auf, ob hier möglicherweise in ritualisierter Form etwas beendet wurde, was einst am Eisbach unschuldig begonnen hatte. Für diese frühe Phase in einer Beziehung mögen der von Schirrmacher sichergestellte Dildo, die Plüschhandschellen sowie ein Anal Plug stehen. Ob auch eine Trillerpfeife in Penisform diesem Sinnzusammenhang zuzuordnen ist, werden spätere Historikergenerationen klären müssen.Noch fahrtüchtig: Auch Skateboards hat Schirrmacher aus der Eisbachwelle geborgen.Matthias SpringerNicht minder interessant sind die zahlreichen GoPro-Kameras, auf denen sich offenbar Material für viele Tage befand. Wer sich im Haus der Kunst auf den dort gezeigten jugendfreien Parts der Aufnahmen wiedererkennt, darf auch das dazugehörige, bisweilen sehr brisante Restmaterial an sich nehmen. Überhaupt geht es Schirrmacher, der den durch den Englischen Garten fließenden Eisbach bis zu dessen Einmündung in die Isar abtaucht, nicht darum, die Schätze zu horten oder gar Geld aus ihnen zu machen, Stichwort Gold, Stichwort Seltene Erden. Handys, auf denen Notfallkontakte gespeichert sind, gibt er zurück, Dokumente wie Ausweise oder Führerscheine reicht er an die Polizei weiter. Von allem anderen trennt er sich gerne, wenn der Besitzer auf ihn zukommt, am besten mit einer guten Story, die zum Objekt passt.Das Einzige, was Schirrmacher gerne wieder dem Bach zurückgeben würde, ist ein Brett oder Balken, mit dem die Surfer seiner Auskunft nach innerhalb von Minuten in der Lage wären, die zwischenzeitlich erstorbene Eisbachwelle in alter Pracht wiederherzustellen. Aber das erlaubt die Stadt nicht, aus Haftungsgründen. Offenbar erkennt sie den Schatz nicht, obschon er an der Wasseroberfläche ist.