PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2009Der viel zu frühe Tod des letzten Königs der PopmusikStand: 07:00 UhrLesedauer: 5 MinutenMichael Jackson im März 2009, wenige Monate vor seinem TodQuelle: picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Joel RyanIm Jahr 2009 war Popstar Michael Jackson nur noch ein Schatten seiner selbst. Dennoch wollte er es noch einmal wissen, noch ein letztes großes Comeback wagen. Aber dazu kam es nicht mehr. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Vielleicht ist die besonders bittere Ironie vom Tod des Michael Jackson, dass der Anfang vom Ende des größten Popstars der Welt ausgerechnet mit einem Freispruch begann. Es ist der 13. Juni 2005, und vor dem Gerichtssaal in Santa Maria, Los Angeles, haben sich Hunderte von Menschen versammelt. So wie auch schon an den letzten 66 Prozesstagen. Auf der einen Seite stehen die Michael-Jackson-Superfans, einige von ihnen berichten, dass sie ihre Jobs gekündigt haben, um hier sein zu können und ihr Idol zu verteidigen. Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die Jackson in der Hölle brennen sehen wollen, für die Taten, die ihm vorgeworfen werden.Dann, um 14.15 Uhr, wird das Urteil live aus dem Gerichtssaal übertragen. Es ist totenstill auf dem Vorplatz. Der Richter verliest die Anklagepunkte einzeln. Sexueller Missbrauch an einem Kind unter 14 Jahren: nicht schuldig. Versuchter sexueller Missbrauch: nicht schuldig. Verabreichung von Alkohol an einen Teenager: nicht schuldig. Verschwörung zu Freiheitsberaubung und Erpressung: nicht schuldig. Jacksons Anwälte haben es geschafft, den Kläger, den zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Taten 13-jährigen Gavin Arvizo, und seine Familie so unglaubwürdig zu machen, dass die Geschworenen zu große Zweifel hatten.Lesen Sie auchJackson verließ das Gericht als freier Mann. Zumindest auf dem Papier. In der Realität war er von nun an ein Gefangener seiner selbst. Die Vorwürfe waren so schwerwiegend, dass das Bild von Jackson nachhaltig beschädigt war. Von dem einstigen „King of Pop“, der die 1980er- und 1990er-Jahre musikalisch dominierte, war nur noch eine verzerrte Hülle geblieben. Nicht nur sein Äußeres war durch Dutzende von Schönheitsoperationen regelrecht entstellt, auch sein Ruf hatte gelitten. Schon vor dem Prozess hatte Jackson dem britischen Klatschjournalisten Martin Bashir verstörende Einblicke in sein Privatleben auf seiner Neverland-Ranch gegeben, seinem fürstlichen Anwesen, das eher einem Freizeitpark als einer Wohnanlage glich.Ein Aktenkoffer voller PornosHier hatte Jackson fremde Kinder eingeladen, damit sie Zeit mit ihm verbringen sollten. In der Dokumentation sieht man, wie er mit Gavin Arvizo Händchen hält und davon erzählt, dass die Kinder in seinem Bett schlafen würden und er das ganz normal fände. Im Prozess erfuhr man dann zusätzlich, dass Jackson in diesem Zimmer auch einen schwarzen Aktenkoffer mit Pornos hatte, die er den Kindern gelegentlich gezeigt haben sollte. Und man wurde auch wieder daran erinnert, dass es bereits vorher Vorwürfe gegen Jackson gab. Im Jahr 1993 behauptete auch der damals 13-jährige Jordan Chandler, dass er von Jackson sexuell missbraucht wurde. Der Fall wurde außergerichtlich beigelegt. Chandler erhielt mehr als 20 Millionen Dollar für sein Schweigen.Nachdem Jackson freigesprochen wurde, verließ er seine Neverland-Ranch, die von diesem Zeitpunkt an für ihn als beschmutzt galt, und zog die nächsten Jahre wie ein Nomade durch die Welt, lebte in Hotels und versteckte sich weitestgehend vor der Öffentlichkeit, die mittlerweile den Spitznamen „Wacko Jacko“ für ihn hatte. In dieser Zeit litt Jackson bereits unter einer schweren Abhängigkeit von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Er nahm immense Mengen starker Opioide und Beruhigungsmittel wie Demerol und Xanax ein, um den extremen physischen und psychischen Belastungen standzuhalten. Seine schwere chronische Schlafstörung bekämpfte er zudem mit dem hochgefährlichen Narkosemittel Propofol, das ihm Ärzte abseits von Operationssälen als vermeintliche Einschlafhilfe verabreichten.Jackson war nur noch ein Schatten seiner selbst. Dennoch wollte er es noch einmal wissen, noch ein letztes großes Comeback wagen. Im März 2009 trat Jackson in London vor die Weltpresse und kündigte unter frenetischem Jubel eine Serie von Abschiedskonzerten in der O2-Arena an. Die Nachfrage war gigantisch, aus den ursprünglich geplanten zehn Shows wurden schnell 50, doch hinter den Kulissen der aufwendigen Proben in Los Angeles kämpfte der sichtlich abgemagerte und geschwächte Jackson verzweifelt gegen seine körperlichen Grenzen und eine unbezwingbare Schlaflosigkeit. Um dem immensen Druck standzuhalten, vertraute er sich vollends seinem Leibarzt Dr. Conrad Murray an. Dieser verabreichte ihm fortan fast allnächtlich das hochpotente Narkosemittel Propofol im privaten Schlafzimmer. Eine medizinische Grenzüberschreitung mit fatalen Folgen.Für WELT war das Wattenmeer wichtiger als der Tod JacksonsAm Morgen des 25. Juni 2009 injizierte Murray seinem Patienten eine erneute, dieses Mal tödliche Dosis des Anästhetikums, kombiniert mit einem Cocktail aus Beruhigungsmitteln. Wenige Stunden später erlitt Michael Jackson im Alter von nur 50 Jahren einen plötzlichen Herzstillstand. Als sich die Nachricht verbreitete, trauerte die Welt um den „King of Pop“, aber die WELT hielt den Ball lieber flach. Im Gegensatz zur restlichen Weltpresse wurde der Tod von Jackson in der Zeitung nicht zum Aufmacher erkoren. Der lautete „Ehrentitel für den Schatz der Weite“ und befasste sich mit dem Wattenmeer, das von der Unesco zum Weltnaturerbe ernannt worden war.Immerhin wurde Jackson eine Doppelseite gewidmet. Dort wurde er als „letzter König“ der Popmusik beschrieben, als Künstler, der sich konsequenter als jeder andere in eine öffentliche Figur verwandelt habe. Ein Autor argumentierte sogar, Jackson habe „im rechten Moment“ die Augen geschlossen – unmittelbar vor einer Comeback-Tour, die ihn erneut mit den Erwartungen seines Mythos konfrontiert hätte. Andere Texte beschäftigten sich mit seinem Verhältnis zu Ruhm, Fernsehen und Selbstinszenierung, mit den Schönheitsoperationen, seiner Verwandlung in eine globale Ikone und der Frage, wie sein Bild am Ende sein Werk überlagerte. Die wird heute ganz aktuell übrigens neu verhandelt.„Michael“, das Biopic über zumindest einen kleinen Ausschnitt von Jacksons Leben, brach im Frühjahr 2026 Kassenrekorde im Kino. Und der „King of Pop“ wird 17 Jahre nach seinem Tod von einer ganz neuen Generation wieder neu entdeckt. Genauso wie auch die Missbrauchsvorwürfe, die in einer großen Netflix-Doku aufgegriffen wurden und die Lager genauso spalten wie damals. Zumindest die Musik von Jackson ist bis heute über jeden Zweifel erhaben. Und sein Leibarzt Murray? Der wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, vorzeitig entlassen und arbeitet nun in Trinidad und Tobago wieder als Mediziner.Dennis Sand schreibt über Popkultur und Zeitgeist. Seine Bücher mit Bushido, Jan Ullrich und dem YouTuber Montanablack hielten sich monatelang auf Spitzenpositionen in den Bestsellerlisten.