MeinungChinas Staatschef Xi Jinping strebt nicht nur nach regionaler Macht, sondern nach Weltmacht. Der von US-Präsident Donald Trump forcierte Iran-Krieg spielt ihm dabei in die Hände.Daniel Woker07.07.2026, 03.48 UhrChina setzt seine Politik der beharrlichen politischen und wirtschaftlichen Schritte Richtung Dominanz im medialen Schatten des Iran-Kriegs fort. Staatspräsident Xi Jinping helfen dabei das Fehlen einer Alternative zur pazifischen Pax Americana, Indiens kriegsbedingte Schwierigkeiten sowie der global angeschlagene Führungsanspruch Washingtons unter Präsident Donald Trump. Die Exportsubventionswelle Pekings wirkt sich auf asiatische Schwellenländer noch verheerender aus als in Europa. Zusätzlich punktet China mit der Ausweitung seiner Währung und seiner Rohstoffe. Xi ist einer der wenigen, aber sicher der grösste Gewinner des Iran-Kriegs; Europa wird sich vorsehen müssen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das geopolitische Schachbrett im IndopazifikDie Achse der vier Diktaturen – China, Russland, Nordkorea, Iran – wird mit gegenseitigen Besuchen und tatkräftiger Hilfe öffentlich gefeiert: Ohne chinesische Grosskäufe von russischem und iranischem Öl, nordkoreanischen Soldaten zur Unterstützung der Aggression von Wladimir Putin in der Ukraine im Gegenzug für russisches Know-how für Nuklearwaffen und Kim Jong-uns Weitergabe davon für iranische Nuklearambitionen sähe die Welt heute besser aus. Das scheint nicht Trumps Meinung zu sein, dessen denkwürdigste Worte nach seinem Besuch in Beijing fehlenden Beistand für Taiwans Überlebenskampf gegen die Volksrepublik signalisierten.Das alarmiert nicht nur Taipeh, sondern den gesamten südost- und ostasiatischen Raum. Im Gegensatz zu Europa, wo bestehende Strukturen, sei es eine europäische Nato, sei es die EU, den Schock eines amerikanischen Rückzugs mittelfristig auffangen können, existiert in Asien kein Plan B zur bislang dominierenden Pax Americana. Bestehende antichinesische Strukturen in der Region wie die Quad (USA, Japan, Indien, Australien) oder Aukus (Australien, Grossbritannien, USA) wurden um den Hauptpfeiler USA gebildet; zieht sich Washington daraus zurück, sind sie nicht mehr funktionsfähig.In Südost- und Nordasien und im Pazifik ist US-Militär stationiert, das zum ersten (Philippinen, Japan, Korea) und zweiten (Australien) Verteidigungsgürtel der USA im Pazifik gehört. (Den dritten bilden die pazifischen Besitzungen der USA wie Guam, Amerikanisch-Samoa und de facto auch Hawaii). Dass Trump beginnt, die dortige militärische Präsenz auszudünnen, wie er das bereits in Deutschland tut, ist zu einer Hauptsorge der betroffenen Regierungen geworden. Sie haben begonnen, untereinander Sicherheitsabsprachen zu treffen und schauen sich auch nach europäischen Partnern um, sei es, dass diese historisch präsent sind, wie UK und Frankreich, oder wie Deutschland rüstungstechnisch Mehrwert versprechen.Indien als Ausgleich zu China?Von Grösse und Bevölkerung her, aber auch mit Blick auf das politische System, sollte Indien eigentlich die Rolle des grössten asiatischen Gegenspielers von China sein. In den letzten paar Jahren lagen die indischen Wachstumsraten deutlich über jenen Chinas. Allerdings sind die Ausgangszahlen von einer Dimension, die den effektiven Abstand trotz höherer Zunahme im Moment noch vergrössert. Ein Richtwert sagt alles: China liefert rund ein Drittel der globalen Bruttoindustrie-Produktion, Indien rund 3%.Auch wenn die indischen IT-Fachleute überall in der Welt äusserst präsent sind, wird das Land weiterhin dominiert durch eine kleinräumige Agrarwirtschaft, während die aufstrebende Industrieproduktion durch regionale, speziell chinesische Konkurrenz bedrängt wird. Premierminister Narendra Modi hat mit Reformen das Land weitergebracht und bringt zugleich mit seinem immer autokratischer werdenden Regierungsgebaren dessen wichtigste Grundlage in Gefahr, die global grösste Demokratie zu sein. Dass diese aber weiterhin funktioniert, zeigt das explosionsartige Aufkommen der Protestpartei Cockroach Janata Party, mit der Millionen von un- oder unterbeschäftigten jungen Inderinnen Modi direkt herausfordern. Welch wohltuender Kontrast zu China, wo der Jugend die Lektüre der zweiten Auflage des Roten Büchleins von Mao aufoktroyiert wird, diesmal mit den gesammelten Plattitüden von Xi.Der «China-Squeeze» in AsienDie chinesische Überflutung der Weltmärkte mit billigen Konsumgütern seit Jahrzehnten wird seit einigen Jahren ergänzt durch den ebenfalls subventionsgetriebenen Export von Gütern im gesamten Bereich der alternativen Energien wie Solarpanels, aber auch bei Automobilen und im Schiffbau. Beides wirkt sich negativ auf asiatische Schwellenländer aus, so etwa Indonesien und Malaysia, die ihre Industriekapazität rasch auszubauen planten. Experten nennen das den China Squeeze, bei dem auch die Produktion in Ländern mit tieferen Löhnen als in China sowohl im Binnenmarkt als auch in Drittmärkten verdrängt wird. Ein oft zitiertes Beispiel ist der malaysische Plastikhersteller MPI, der schliessen musste, da der Betrieb wegen subventioniertem Export aus China nicht mehr rentabel war. Ähnliches gilt für indonesische Textilhersteller, die traditionell die japanische Marke Uniqlo beliefert hatten und nun aufgrund chinesischer Dumpingpreise verdrängt werden.Die Frage steht im Raum, ob die chinesische, vom Staat mit Subventionen und billigen Krediten geförderte Exportdampfwalze künftigen industriellen Mitbewerbern in Asien den Weg in die Weltmärkte nachhaltig versperrt. Trumps Zölle, auf die er mit Blick auf seinen durch die Kosten des Iran-Kriegs mehr denn je in Schieflage geratenen Staatshaushalt angewiesen ist, trüben die Exportaussichten von Schwellenländern weiter. Nicht zu reden von der pessimistischen Aussicht, dass der Iran-Krieg Auslöser einer Krise der Weltwirtschaft sein könnte, wie das die frühere Chefökonomin des IMF, Gita Gopinath, heute Professorin an der Harvard University, voraussagt.Währung und Rohstoffe als HebelChina drängt seit einiger Zeit darauf, dass bilateraler Wirtschaftsverkehr in chinesischer Währung, also Renminbi, abgewickelt wird. Das hat sich im Zuge des Iran-Kriegs verstärkt – paradoxerweise speziell nach der teilweisen Aufhebung amerikanischer Sanktionen gegenüber Öl aus dem Iran und Russland. Indien beispielsweise, das wieder legal grosse Mengen davon kaufen kann, muss den entsprechenden Zahlungsverkehr in Renminbi abwickeln, da der Gebrauch von Dollar mit diesen beiden grossen Ölproduzenten weiterhin verboten bleibt.Noch ist der Renminbi weit davon entfernt, zu einer der führenden Weltwährungen aufzusteigen. Letzte Zahlen sehen ihn lediglich auf dem fünften Platz. Solange Beijing die freie Konvertibilität nicht einführt, wird sich daran nichts ändern. Aber auch hier führt China seine Politik der kleinen Schritte beharrlich fort.Schon vor dem Iran-Krieg, ausgelöst als Retorsionsmassnahme gegen Trumps Zollschock, hat Xi Kontrollen über den Export und die Verwendung von zahlreichen kritischen Rohstoffen eingeführt. Bekanntlich bleibt China bei weitem der grösste Produzent von verschiedenen Metallen, die zur Produktion von Hightech-Produkten unverzichtbar sind. Die entsprechenden Produzenten in den USA und in Europa sind hier in einem Abhängigkeitsverhältnis. Mit seinen Kontrollen gelingt es Beijing, nicht nur eine Übersicht über die westliche Fertigung dieser Produkte zu erlangen und deren Kosten zu erhöhen, sondern gleichzeitig auch Industriespionage zu betreiben.Schwachstelle: HybrisBeim Gipfel in Beijing im Mai ging Xi nicht auf die Avancen Trumps ein, exklusive Einflusssphären zu bilden. Er will Weltmacht und einen globalen Führungsanspruch für China und glaubt sich mit dem schwächsten Präsidenten der Geschichte in Washington auf dem Weg dorthin. Sein grösstes Hindernis ist die eigene Hybris. Zum ersten Mal seit Mao steht in China ein Mann an der Spitze, dessen Macht von keinem Kollektiv mit entsprechendem Ausgleich gebremst wird. Alle potenziellen Widersacher werden laufend ausgeschaltet. Als marxistisch-leninistischer Ideologe – so der ehemalige Premierminister von Australien und Chinakenner Kevin Rudd – blendet Xi die grundlegenden Schwächen der chinesischen Planwirtschaft aus.Selbstverständlich werden auch die beiden internationalen Hauptwidersacher, die USA und Europa, ihren Teil zur Abwehr von Xis Grossmachtträumen beitragen müssen. Die in Europa als «Chinashock 2.0» bezeichnete Exportsubventionswelle war als wichtigstes Gesprächsthema am G-7-Gipfel in Evian vorgesehen. Tatsächlich stand nun der Iran-Krieg zuoberst auf der Agenda. Immerhin sieht EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gezielte Zölle von rund 30% auf Importe aus China vor.Eine Einigung über die langfristige Nutzung der Strasse von Hormuz und zu Irans Nuklearwaffen, geschweige denn eine Eindämmung des unheilvollen Einflusses der Gotteskrieger – Revolutionsgardisten im Innern sowie iranisch finanzierte Milizen in Irak, Syrien, Jemen und Libanon bis nach Gaza – bestehen im Moment höchstens in den alternative facts von Donald Trump.Daniel WokerDaniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Frühere diplomatische Posten umfassten Paris (Ministre Conseiller), Stockholm (stv. Missionschef) sowie Wirtschaftsrat an der Uno-Mission in New York. Heute arbeitet er als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.
Geopolitische Verschiebung: Chinas Aufstieg im Schatten des Iran-Kriegs
Geopolitische Verschiebung: Staatschef Xi Jinping strebt nicht nur nach regionaler Macht, sondern nach Weltmacht. Trumps Iran-Krieg spielt ihm in die Hände.






