Wer letztlich die Verantwortung für diesen Spitznamen trägt, ist nur noch schwer festzustellen. Eine Spurensuche führt in die Social-Media-Abteilung von Borussia Dortmund, die am 20. November 2018 eine animierte Grafik teilte: Christian Pulisic, im Look des Marvel-Superhelden Captain America, des ersten Avengers. Mit Schild, Kostüm und wehender US-Flagge bildete der BVB den damals erst 20 Jahre alten Pulisic ab, es war ein Glückwunsch zu seinem Debüt als Kapitän der US-Nationalmannschaft. Daraus wurde ein Spitzname, der Pulisic seitdem begleitet.Der ehemalige Stürmer Olivier Giroud, der mit Pulisic später beim FC Chelsea und bei der AC Milan zusammenspielte, hat erst letztens wieder erzählt, dass Pulisic von seinen Mannschaftskollegen stets „Captain America“ gerufen wurde. Auch intern also ist der US-Amerikaner ein Superheld, genauso wie in den sozialen Medien, in Zeitungsartikeln, in Fernsehsendungen, auf Werbebanden. Überall findet man die Assoziation wieder, sie verkauft sich bestens.Nun sind solche Zuschreibungen im Fußball wahrlich keine Seltenheit, mal sind sie mehr, mal weniger treffend. Ronaldo, der echte, wurde als „Fenomeno“ bezeichnet, Lionel Messi ist „La Pulga“, der Floh. Der Mexikaner Javier Hernandez mochte „Chicharito“, die kleine Erbse, so gerne, dass er es sich aufs Trikot drucken ließ. Die Sache im Fall von Christian Pulisic ist allerdings: Er mag seinen Spitznamen nicht besonders.Insbesondere dann, wenn seine Mitspieler ihn so rufen, habe er Schwierigkeiten, sagte Pulisic einmal dem Magazin GQ. Aus gutem Grund: Das Dasein als Superheld mit Schild und Rüstung und wehender US-Flagge passt nicht zum Charakter des heute 27-Jährigen, der am Montag das vermutlich bedeutendste Fußballspiel seiner Karriere bestreiten wird.Wie schon in den bisherigen vier Spielen der WM wird sich die Aufmerksamkeit im Achtelfinale gegen Belgien in Seattle auf Pulisic richten. Wenn auch nicht ganz so extrem wie zunächst angenommen: Eigentlich hätte nach einer roten Karte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina sein Sturmpartner Folarin Balogun gesperrt fehlen müssen. Doch die Fifa sprach die Sperre nachträglich auf Bewährung aus – ein bemerkenswerter Akt der Bevorzugung des Gastgebers USA. Balogun ist also dabei, und doch bleibt es in nicht unerheblichem Umfang Pulisic, der die Sache richten soll. Wie so oft in der vergangenen Dekade.Seit er 17 ist, spielt Pulisic für die US-Nationalmannschaft. Er musste das harte Los des Frühstarters erleben, mit allen Konsequenzen, positiv wie negativ. Im Herbst 2017 erlebte er im Alter von 19 etwa auf einem holprigen Fußballfeld in Couva in Trinidad und Tobago, wie die USA zum ersten Mal seit 1986 eine Fußball-WM verpassten. „That night“ nennen sie diese 1:2-Niederlage in den US-Medien, die Nacht damals. Sie wurde zu einem Tiefpunkt. Und doch war Pulisic erst einmal ausgenommen von der massiven öffentlichen Kritik: Er verkörperte die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Erst recht, als er von Jahr zu Jahr neue Superlative lieferte in einem Land, das Superlative liebt.Schwer zu stoppen: Christian Pulisic gegen Bosniens Verteidiger Sead Kolasinac. Julio Cortez/AP PhotoDie US-Amerikaner bilanzieren es bis heute freudig in ihren Rankings und Bestenlisten: Pulisic war in einer Vielzahl von Kategorien der jüngste (Debütant, Torschütze, Kapitän, Spieler mit 50 Scorerpunkten …); und er wurde auch der teuerste US-Spieler, als er für kolportierte 64 Millionen Euro aus Dortmund zu Chelsea wechselte. Anschließend war er der erste US-Spieler, der ein Champions-League-Finale spielte und gewann. Und der Amerikaner, der am schnellsten mehr als zehn Tore in der Premier League erzielte. Und nicht zu vergessen: Er war der erste, der in einem FA-Cup-Finale traf.So rasant drehte sich die Spirale, dass Pulisic irgendwann zum ersten US-Fußballspieler wurde, der in einer Biografie mitten in seiner Karriere von Depressionen berichtete.Beim FC Chelsea, so erzählte er es in „My story so far“, habe er durch mehrere Trainerwechsel und wiederkehrende Verletzungen inmitten der Corona-Pandemie eine Phase der Depression erlebt. Er suchte Hilfe bei Therapeuten und seiner Familie, bemerkenswert offen erzählte er davon. Das Buch dokumentiert neben vielen Interviews, dass es sich bei Pulisic um eine Person handelt, die nicht gerne hervorsticht – weshalb ihm die Stilisierung als Superheld fremd vorkommen muss.Als „low-key“ gilt Pulisic: als zurückhaltend, bisweilen schüchtern, als bodenständiger Amerikaner aus Pennsylvania, der selbst im modebewussten Mailand, wo er heute spielt, lieber Sweatshirts trägt. Pulisic fährt mit dem Roller, er spielt gerne Golf und Schach. Und als er vor der WM permanent gefragt wurde, wie sehr ihn das Heimturnier beschäftige, sagte er irgendwann halb resignierend, er freue sich sehr, aber es sei „eben auch nur ein großes Turnier“. Und er ist eben auch nur ein Spieler: Das Amt als Kapitän gab er zurück, bei der WM werden die USA vom 38-jährigen Tim Ream angeführt. Pulisic ist nicht mehr überlastet mit der Doppelrolle als Spielgestalter und Anführer.Lautsprecher war er ohnehin nie. Als er sich im vergangenen Jahr mal vernehmbar zu Wort meldete, fiel das sofort auf: Der frühere US-Profi Landon Donovan hatte Pulisic hart kritisiert; er war „angepisst“, weil dieser den Gold Cup freiwillig ausließ, um Kraft zu sammeln für die neue Saison. Pulisic sagte dazu in einer Dokumentation, die Experten hätten ihn „in vielerlei Hinsicht missachtet und völlig vergessen, was ich in den letzten zehn Jahren für diese Nationalmannschaft geleistet habe“. Die Problematik allerdings war, dass er diesen Worten zu wenige Taten folgen ließ.Seit 2023 ist Milan die sportliche Heimat von Pulisic, er hat dort mehr Krisenjahre als Glücksmomente erlebt. Etwa in der abgelaufenen Saison: Der Defensivfußball von Trainer Massimiliano Allegri drehte sich nicht um Freigeister, die Tore schießen. Also musste Pulisic teilweise als Schienenspieler verteidigen. Er erzielte zwar acht Tore, aber keines davon im Kalenderjahr 2026, was die Experten in den USA beunruhigte. Diese Sorge verstärkte Allegri mit den Worten, Pulisic sei „ein sensibler Charakter, weshalb ihn die fehlenden Tore besonders betreffen“. Pulisic sagte vor der WM dazu nur, Allegri kenne ihn „vielleicht gar nicht so gut“.Pulisic-Werbung für den Schokoladenhersteller Hershey in Los Angeles. Chris Pizzello/AP PhotoAber das liegt in der Vergangenheit. Allegri ist seit Ende Mai nicht mehr Trainer in Mailand, was die Chancen deutlich erhöht, dass Pulisic dort bleibt. In den Vorstellungen des US-Eigentümers Gerry Cardinale, der bei Milan wieder mal alles erneuern möchte, spielt er ohnehin eine wichtige Rolle: Das internationale Marketing des Klubs baut auf Pulisic auf. Erst recht, falls er als WM-Held zurückkehren sollte, als Spieler vielleicht, der die USA erstmals seit 2002 ins Viertelfinale geleitet hat. Ob mit oder ohne Fifa-Geleitschutz, das wird im Nachhinein eher niemanden mehr interessieren.Pulisic wird die Rolle des Posterboys dann wieder einnehmen. So wie er es gewohnt ist. Er wird freundlich darüber hinweglächeln, wenn ihn jemand „Captain America“ nennt. Dabei gäbe es bessere Wege, ihn zu charakterisieren.Zur WM läuft ein brillanter Werbespot in den USA. Ein Chocolatier der Firma „Hershey“ aus der gleichnamigen Stadt in Pennsylvania ist darin zu sehen, wie er die berühmten braunen Schokoladentafeln herstellt, die in den USA seit über 130 Jahren an jedem Kiosk verkauft werden. Vom „Stolz von Hershey“ erzählt der Mann, von einem „kleinen Jungen, der ein Fußballstar wurde“. Von Christian Pulisic, keinem Superhelden. Sondern einem Fußballer aus einer Schokoladenstadt.Hinweis der Redaktion: In einer ersten Fassung des Textes hatte es geheißen, die USA hätten ihr Sechzehntelfinale gegen Belgien gewonnen, tatsächlich war der Gegner Bosnien-Herzegowina; die USA treffen im Achtelfinale auf Belgien. Den Fehler haben wir korrigiert. Außerdem wurde der Text nach der Entscheidung der Fifa, die rote Karte gegen den Stürmer Folarin Balogun aufzuheben, nachträglich aktualisiert.
Christian Pulisic bei der WM 2026: „Captain America“, will kein Kapitän sein
Im WM-Achtelfinale der USA gegen Belgien wird von Christian Pulisic Besonderes erwartet. Nur einem ist das zu viel des Guten: ihm selbst.













