Wie die in Fragen der Hochkultur stets zuverlässig berichtende Allgäuer Zeitung weiß, soll in Kanada demnächst ein Stück des deutschsprachigen Theaterautors Vinzenz Neuner „groß raus“ kommen. Das Werk des 28-Jährigen aus der Verwaltungsgemeinschaft Buchloe habe im Frühjahr bereits in Graz erste Erfolge gefeiert, heißt es, nun möchte Neuner sein Drama „Auffälliger Bär“ auch ins „Land der Grizzlys“ bringen. Erste Gespräche liefen hier bereits. Das Stück befasst sich, klar, mit dem sogenannten Problembären Bruno, der vor 20 Jahren mal in Bayern erschossen wurde – weil er Bienenstöcke umwarf. Es befasst sich auch mit dem aus kanadischer Sicht zuweilen doch etwas irrealen deutschen Hype um Tiere insgesamt.Für kommenden Samstag dann, so ist in anderen Medien zu lesen, sei am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater eine „Buckelwal-Performance“ geplant: „Timmy – Die Hope stirbt zuletzt“ verspreche eine „Mischung aus Konzert, Messe und öffentlicher Selbstbefragung“, so heißt es in der Ankündigung. Mitwirkende seien neben einer Tierärztin, die sich vergeblich um die Rettung des bekannten Tieres bemühte, auch die Berliner Band Tulpe, welche durch den Song „Sprengt den Wal“ einen ganz anderen Blick auf das Thema eröffnete. „Zwischen Weihrauch, KI-Pop, dokumentarischen O-Tönen und religiösen Ritualen erzählt der Abend die Geschichte des Buckelwals Timmy als moderne Passionsgeschichte und hinterfragt dabei unsere Sehnsucht nach Bedeutung in einer überreizten Gegenwart.“Manchen Theatertieren ist meist eine deutlich längere Haltbarkeit beschieden als jedem Buckelwal vom OstseestrandAber neben Bruno und Timmy haben es auch schon andere reale Tiere auf die Bühne geschafft. Zuletzt war etwa der Hund Hachiko auf einer privaten Puppenbühne in Australien zu sehen. Dort kennen viele die Geschichte des treuen japanischen Vierbeiners, der noch jahrelang am Bahnhof Shibuya auf die Ankunft seines verstorbenen Herrchens wartete. Die russische Kosmonautenhündin Laika wiederum – das erste Tier, das die Erde umkreiste – landete auch schon am New Yorker Off-Broadway auf der Bühne, nicht weit davon, in der Carnegie Hall, die Brieftaube Cher Ami, die im Ersten Weltkrieg Dutzenden Soldaten das Leben gerettet haben soll.Im deutschsprachigen Raum war es dann eher Eisbär Knut, der das Publikum etwa in Berliner Kasperletheatern begeisterte, aber auch Hitlers Schäferhund Blondi durfte schon in Inszenierungen des Werkes „Schicklgruber“ im deutschsprachigen Raum eine tragende Rolle übernehmen. (Goethe übrigens gab einst die Leitung der Weimarer Hofbühne deshalb ab, weil er meinte, Hunde sollten bei Theateraufführungen gar nicht mitwirken.)Für die Hamburger Timmy-Performance jedenfalls erscheint Jungregisseur Alexander Klessinger wie prädestiniert: Er inszenierte auch schon „Ferdinand der Stier“ sowie Kafkas „Der Geier“. Wobei es sich bei Ferdinand und dem Geier freilich um fiktive Figuren mit allegorischem Hintergrund handelt. Also ähnlich wie bei „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco oder „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann. Solchen Theatertieren, das sieht man ja auch an Aristophanes’ „Die Vögel“ aus dem Jahr 414 vor Christus, ist in der Theatergeschichte meist eine deutlich längere Haltbarkeit beschieden als jedem Buckelwal vom Ostseestrand.