Da war weniger Stolz in der Stimme des Siegers, eher anhaltende Verwunderung. „Wer hätte das gedacht“, fragte Ferrari-Pilot Charles Leclerc nach dem Großen Preis von Großbritannien in die Runde. Ein mindestens verwunderter George Russell antwortete ehrlich: „Ich nicht!“ Worauf der siegreiche Leclerc dem zweitplatzierten Mercedes-Fahrer gestand: „Ich auch nicht!“ Der Große Preis von Großbritannien endete vor einer Rekordkulisse von 180 000 Zuschauern nach einer chaotischen Schlussphase zwar im Bummeltempo hinter dem Safety-Car, aber der neunte WM-Lauf zeigte, dass in dieser ersten Saison mit den Hybrid-Motoren noch reichlich Energie steckt.Plötzlich rückt Ferrari dem anfänglich einsamen Branchenführer Mercedes immer näher und darf sich erstmals wieder reale Hoffnungen auf einen echten Titelkampf machen. Allerdings auch deshalb, weil die technisch auf die Spitze getriebenen silbernen Rennwagen vergleichsweise unzuverlässig sind.George Russell in der Formel 1:Neue Trümpfe im TitelquartettNach einem Durchhänger gewinnt George Russell das Rennen in Österreich vor seinem ungeliebten Konkurrenten Max Verstappen. Die extremen Temperaturen und die mentale Stärke der Fahrer werden immer mehr zu bestimmenden Parametern.Im Rennen war WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli kurz davor, mit frischen Reifen dem vom Start weg führenden Charles Leclerc dessen ersten Grand-Prix-Erfolg seit dem Oktober 2024 streitig zu machen, als aus dem Cockpit des Silberpfeils panische Meldungen kamen, dass etwas am Auto gebrochen sei. Beim Boxenstopp wurde sicherheitshalber die Fahrzeugnase gewechselt; dann stellte sich heraus, dass eine der Radabdeckungen bei der Fahrt über die Randsteine etwas abbekommen hatte. Das Auto war kaum auf der Piste zu halten, mehrfach wurde dem Italiener vom Kommandostand zur Aufgabe geraten.Aber der wollte kämpfen, und wenn es auch nur um ein WM-Pünktchen ging, nachdem Antonelli durch den Extra-Halt auf Rang zehn zurückgeworfen worden war. Doch durch zu häufiges Überfahren der Streckenbegrenzungen kassierte er eine Zeitstrafe und landete nur auf dem 15. Rang – seine zweite Nullnummer in den vergangenen drei Rennen. Teamchef Toto Wolff reagierte konsterniert: „So etwas können wir uns nicht leisten. Nicht dann, wenn Ferrari zu einem echten Gegner geworden ist. Die verlorenen Punkte summieren sich. Wir können den Titel nur holen, wenn wir das in den Griff bekommen.“ Zwei der vergangenen drei Rennen gingen an Rot, auch Russell war schon von Ausfällen geplagt.Der Rennausgang weckt allerorten BegehrlichkeitenDer Österreicher Wolff machte vor den Sky-Kameras zwischen den beiden Wörtern eine Kunstpause, als er seinen Gemütszustand als bitter und süß bezeichnete. Am Ende wurde noch der zwischendrin chancenlos wirkende Russell auf den zweiten Rang gespült. Zum ersten Mal überhaupt bei seinem Heimrennen stand der Engländer auf dem Podium. Ihm half dabei ein technischer Defekt an Max Verstappens Red-Bull-Rennwagen, der für eine Neutralisierung des Rennens sorgte. So war die Nummer zwei bei Mercedes plötzlich Zweiter, auf der Piste und in der Gesamtwertung.Nur noch die 25 Punkte, die es für einen Grand-Prix-Sieg gibt, liegt er nun hinter Antonelli. Lewis Hamilton, der eigentlich den Ferrari-Doppelerfolg hätte nach Hause fahren sollen, legte in der Safety-Car-Phase einen Risiko-Boxenstopp ein, verpokerte sich und rutschte noch hinter Russell.Diese Weltmeisterschaft, die noch nicht ihre Halbzeit erreicht hat, wird damit zu einem Vierer-Duell, nachdem Leclerc, wenn auch unter für ihn glücklichen Umständen, den Anschluss wieder gefunden hat. Der Monegasse, Ferraris scheinbar ewiger Kronprinz, hatte sich in Mittelengland zu einem radikalen Schritt entschlossen und zwischen dem Sprint (in dem er bloß Fünfter geworden war) und dem Rennen seine Fahrzeugabstimmung auf eigene Faust verändert. Bislang war er beim Set-up Hamilton gefolgt. Damit war der 250. Grand-Prix-Erfolg in der Ferrari-Geschichte ausgerechnet auf britischem Boden psychologisch doppelt wichtig – für Leclerc als Ausdruck der Emanzipation, für die Scuderia als Manifestation der eigenen Ansprüche.„Wir müssen alles maximieren“, gibt George Russell (li.) das Motto für sich und seinen Mercedes-Teamkollege Andrea Kimi Antonelli aus. Clive Mason/Getty ImagesDer Rennausgang weckt nun allerorten Begehrlichkeiten: Hamilton will seine Führungsrolle zurück, in Silverstone hatte er zu verstehen gegeben, so lange weiterfahren zu wollen, bis es mit dem achten Titelgewinn doch noch klappt. Antonelli, der nach seinem rasanten Aufstieg die Kuriositäten und Grausamkeiten dieses Sports zu spüren bekommen hat, muss sein Kämpferherz zum vollen Volumen aufpumpen. George Russell und Charles Leclerc, die Abgestempelten, setzen auf ihr Durchhaltevermögen.Entschieden wird dieser Mehrkampf auch in den Rennfabriken, Ferrari und Mercedes verfolgen derzeit unterschiedliche Upgrade-Strategien. Die Italiener setzen dabei auf gezielte Schritte bei der Leistungssteigerung der Motoren. Einen kleinen Abstand sieht Lewis Hamilton noch auf Mercedes, „aber es ist phänomenal, was in Silverstone passiert ist. Das haben wir so nicht erwartet.“ Auch Sieger Leclerc zeigte sich freudig überrascht, bleibt aber abwartend, was den Trend angeht. Er muss sich erst vorsichtig wieder herantasten.Eine zweite Ausbaustufe aus Maranello soll alsbald für einen noch größeren Schub sorgen. Das deutsch-britische Team lässt sich nicht in die Karten schauen, muss aber bei der Batterienutzung nachlegen und standfester werden. Antonellis Probleme mit dem kleinen Teil aus Karbon, das sich gelöst hatte, zeigte die großen Auswirkungen auf das Titelrennen. Die Parole gab der erfahrenere Kollege Russell aus: „Wenn ich um die Meisterschaft kämpfen will, müssen die Leistungen besser werden. Ich muss besser werden. Ich muss besser mit meinem Team zusammenarbeiten. Wir müssen alles maximieren.“ Spitzenreiter Antonelli nahm den Rückschlag hin, um seine Resilienz zu beweisen: „Ich kann zeigen, zu was ich mit diesem Auto fähig bin. Das Momentum ist immer noch da.“