Der milde Blick vieler Menschen in Istrien auf Josip Broz Tito liegt auch daran, dass der ewige Präsident von Jugoslawien dort seine Sommerresidenz hatte. Lange Sperrgebiet, sind die Brionischen Inseln heute ein Publikumsmagnet.Nicht nur Lanka erinnert an eine Zeit, die längst vergangen ist. Die uralte Elefantendame steht an diesem sonnigen Frühlingstag in ihrem Gehege auf Veli Brijun, der Hauptinsel der Brionischen Inseln, und kaut betulich ihr Futter. Es war im Jahr 1974, als Indiens Premierministerin Indira Gandhi ihrem Gastgeber Josip Broz Tito ein Geschenk für dessen Privatzoo auf der Insel machte: die damals zweijährige Lanka und ihren inzwischen verstorbenen Elefantengatten Sony.Drei Jahrzehnte lang, zwischen 1949 und Titos Tod 1980, waren die Brionischen Inseln nach der Hauptstadt Belgrad so etwas wie das zweite Machtzentrum der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. In dieser Zeit war Indira Gandhi nur einer von vielen mächtigen Gästen hier.Insgesamt 90 Präsidenten aus 60 Ländern, von Fidel Castro bis Leonid Breschnew, machten dem Staatschef in seiner Sommerresidenz ihre Aufwartung. Dazu kamen Königinnen wie Elizabeth II. des Vereinten Königreichs oder Juliana der Niederlande, und Filmstars wie Richard Burton, Elizabeth Taylor oder Sophia Loren. Bis zu sechs Monate im Jahr weilte Tito auf den Inseln, empfing Staatsgäste, veranstaltete Parteitreffen und stellte manchen Konkurrenten kalt. In angenehmem Ambiente wurde hier große und kleine Politik zelebriert.Tito gelang es, die Brionischen Inseln zu einem sagenumwobenen Ort des Vielvölkerstaates zu machen. Der Archipel in der Adria, 70 Seemeilen südöstlich von Venedig gelegen, beflügelte die Fantasie vieler Menschen – gerade weil niemand die Inseln betreten durfte – abgesehen von den berühmten Gästen und den Bediensteten (heute sind es 300 plus Saisonkräfte). Zwölf der 14 Eilande sind auch heute noch für Touristen tabu, weil sie militärisches Sperrgebiet oder in Staatsbesitz sind.Viele der Staatsgäste brachten Tito exotische Tiere aus ihrer Heimat mit: Schimpansen, Orang-Utans, Panther, Leoparden und Strauße. Die meisten Tiere, zumindest die wilderen, leben heute nicht mehr auf Veli Brijun. Auch Lanka wäre längst in einem „richtigen“ Zoo auf dem Festland, wäre sie mit 54 Jahren nicht zu alt für eine neue Umgebung. Und so ist sie immer noch die Attraktion des Safari-Parks auf der Hauptinsel, der außer ihr auch Zebras, Lamas, istrische Schafe und Esel beheimatet. Zugleich wirkt sie wie ein lebendes Denkmal einer Zeit, die auf der größten Brionischen Insel noch immer an vielen Stellen spürbar ist.Lesen Sie auchIm kleinen Souvenirshop in der Nähe des Hafens sind in einem Regal weiße Kaffeetassen aufgereiht. Sie tragen einen roten Stern, darunter steht in schwarzen Lettern: „If it’s good for Tito, it’s good for me“ – und man weiß nicht wirklich, wie ironisch das gemeint ist. Der einstige Partisanenführer Josip Broz Tito, ab 1945 Ministerpräsident und ab 1953 bis zu seinem Tod 1980 Präsident des Vielvölkerkonstrukts Jugoslawien, hatte sich bei seinem ersten Brioni-Besuch 1947 in die Inseln verliebt, obwohl viele Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört worden waren. Tito nutzte Veli Brijun als Sommerresidenz; die Gegend profitierte auch wirtschaftlich von der besonderen Zuneigung des Machthabers. Die wenige Kilometer entfernte Hafenstadt Pula auf dem Festland, berühmt für ihre spektakuläre, gut erhaltene Arena aus der Römerzeit, lebte unter Tito gut davon, dass sie ein wichtiger Standort der jugoslawischen Marine war.Gut fünf Kilometer entfernt von Pula liegt der Nacionalni Park Brijuni. So heißt heute der bis weit in die 1980er-Jahre vom Militär abgeschottete Archipel. Die kleinste und flachste der Inseln, gelegen unweit der Meerenge zwischen Veli und Mali Brijun (Groß- und Klein-Brioni), besteht nur aus ein paar Felsbrocken, die gerade mal knapp aus dem Wasser ragen.Seit Kurzem erst lässt sich Mali Brijun besuchen. Die kleine Insel beheimatet das Fort Brioni Minor, die größte Befestigungsanlage an der gesamten Adriaküste.Die Staatsvillen auf Veli BrijunHauptattraktion der Brionischen Inseln aber ist und bleibt Veli Brijun. Von Fažana aus, einem Fischerdorf an der istrischen Küste, geht die drei Kilometer lange Fahrt mit der Fähre auf die mit Abstand größte der Inseln. Sie ist die einzige, die touristisch umfassend erschlossen ist. Hier steht die berühmte „Weiße Villa“ (Bijela Vila), ab 1953 Titos offizielle Residenz und Hauptunterkunft für Staatsgäste. Zwei weitere Staatsvillen, genannt Jadranka und Brionka, wurden früher von Titos engsten Vertrauten genutzt.Bis heute sind diese Gebäude nicht öffentlich zugänglich. Im Jahr 1991 machte der erste kroatische Präsident Franjo Tuđman die drei Villen gleich wieder zu dem, was sie in Jugoslawien gewesen waren: Sommergästehäuser des Staates, nunmehr eben der Republik Kroatien. Auch der amtierende kroatische Präsident Zoran Milanović verbringt regelmäßig seinen Sommerurlaub auf Veli Brijun. Im Vorbeifahren mit der kleinen Inselbimmelbahn oder per geliehenem Rad lässt sich aber zumindest ein Blick auf die Rückseiten der drei direkt am Meer gelegenen Villen erhaschen.„In ihnen sieht es weitgehend so aus wie zu der Zeit, als Tito starb“, verrät Bonita. Seit vielen Jahren zeigt sie als Guide Touristen die Insel. „In den Räumen wurde seit 1980 fast nichts verändert.“ Ein Film, der im Bootshaus direkt am Hafen gezeigt wird, bietet dann aber doch Einblicke. In dem Haus mit seinen vier schmalen Schiffsanleger-Einfahrtschlitzen lebte einst der aus Wien stammende Inselarzt Otto Lenz. Heute gibt es hier eine Ausstellung über die Insel und ihre berühmten Gäste – Komponisten, Wissenschaftler, Schriftsteller. Gezeigt wird etwa der Briefwechsel zwischen Otto Lenz und Thomas Mann, der im Mai 1911 gemeinsam mit seiner Frau Katia und seinem Bruder Heinrich anreiste. Doch nach nur zehn Tagen fuhren die Manns wieder ab – getroffen von der Nachricht, dass der von ihnen bewunderte Komponist Gustav Mahler in Wien verstorben war. Aber auch das schlechte Wetter trieb die Urlauber weiter nach Venedig.Lesen Sie auchReise zurück ins 20. JahrhundertSchon bei der Einfahrt in den kleinen Hafen von Veli Brijun kann man den Eindruck haben, mindestens ein gutes Jahrhundert in die Vergangenheit gereist zu sein. An der Hafenpromenade steht das alte Hotel Neptun (heute „Istra-Neptun“). Vom Wiener Architekten Eduard Kramer im Jugendstil erbaut, ist es in Teilen auch heute noch so eingerichtet, als würden gleich Liz Taylor und Richard Burton um die Ecke schlendern. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens liegt das „Hotel Karmen“. 1908 erbaut, wurde es zwischen den Kriegen unter vorübergehender italienischer Herrschaft erneuert. Die rustikale Einrichtung stammt noch aus den 1930er- und 40er-Jahren. So wird hier jede Übernachtung zur ästhetischen Zeitreise. (Das zeigen auch die Bilder auf diesen Seiten, die aus dem Ende 2025 veröffentlichten Bildband „Brioni Islands“ stammen.)Direkt neben dem „Hotel Neptun“ wiederum rottet ein langer Bau vor sich hin. Einst Europas erstes beheizbares Meerwasser-Winterschwimmbad, erbaut 1913, soll das Gebäude bald restauriert werden. Das Bad ist eines jener vielen Relikte aus der Zeit, als der Österreicher Paul Kupelwieser Brioni zum mondänen Sommerurlaubsort für die europäische Oberklasse machte. Pula war damals von Wien aus bequem per zwölfstündiger Zugreise erreichbar.Kupelwieser, Generaldirektor einiger Stahlwerke, hatte die Inselgruppe 1893 für 75.000 Gulden erstanden. Der Kaufpreis entsprach drei seiner Jahresgehälter; heute entspräche das etwa 700.000 Euro. Zunächst machte er Brioni bewohnbar. Unweit des Insel-Museums erinnert an einem Steinbruch eine Jugendstil-Marmortafel an den Nobelpreisträger Robert Koch, der 1901 hier die Sümpfe trockenlegen ließ und Brioni von der Malaria befreite. Doch damit lange nicht genug: Neben einem Warmwasserpool verfügte Veli Brijun ab 1908 über eine Wasserversorgung – einer vom Festland durchs Meer verlegten Leitung sei Dank. Dazu kamen in den Folgejahren Tennisplätze, ein Golfplatz, Poloturniere und – in Kooperation mit dem Hamburger Tierparkunternehmer Carl Hagenbeck – ein Zoo.Den Golfplatz mit Greens, die auf der Insel aus Sand bestehen, gibt es bis heute. 1993 wieder eröffnet, wurde er 2007 von neun auf 18 Loch erweitert.Die Hauptinsel hat noch mehr zu bieten: etwa 300 versteinerte Saurierspuren, die Reste einer römischen Villa aus der Zeit von Kaiser Augustus oder eine Militäranlage aus byzantinischer Zeit. Allerdings besuchen die meisten Gäste Brioni in erster Linie wegen des Glanzes der Tito-Ära.Lesen Sie auchIhr lässt sich am besten nachspüren in einem kleinen, unscheinbaren einstöckigen Haus aus dem frühen 20. Jahrhundert. Unweit des Hafens wird hier mit der Ausstellung „Josip Broz Tito na Brionima“ dem Staatsmann im Urlaub auf eine Art gedacht, die den aus der Zeit gefallenen Charme der Insel perfekt spiegelt. Auf einer Etage begrüßt einen in einem halbrunden Vorraum ein großes Porträt Titos. Es zeigt ihn, den Sommerhut in einer Hand, mit der anderen winkend, auf einem roten Teppich am Anleger von Brioni. Flankiert wird das Tito-Foto von zwei Zitaten. Auf Kroatisch steht dort: „Zu leben bedeutet, kreativ in die Zeit und den Raum eingebettet zu sein, in der und in dem man lebt.“ Und: „Deine Taten sprechen für dich – du bleibst.“Was geblieben ist von Tito, das sind hier hauptsächlich alte Fotografien: eine schier endlose, zeitgeschichtlich interessante Abfolge von Schnappschüssen mit den Berühmtheiten der Nachkriegswelt. Filmstars, Präsidenten, Freunde – darunter auch Bundeskanzler Willy Brandt. Er kam 1973 als Staatsgast und kehrte später, weil es ihm so gut gefiel und er sich mit Tito verstand, als Privatmann mehrmals zurück, um hier Urlaub zu machen.Es sind Fotos, die den Herrscher Jugoslawiens in all seiner Macht aufs Podest der Geschichte wuchten: Tito beim Besuch einer Schiffswerft in Pula 1955. Tito auf seiner Jacht „Podgorka“, mit der er in der Adria umherschipperte. Tito mit Elizabeth Taylor und Richard Burton. Tito mit Gina Lollobrigida. Tito mit Fidel Castro, Zigarre rauchend. Tito, wie er einen seiner Leoparden krault. Tito mit Jagdgewehr neben einem Mufflon mit riesigen Hörnern (Bildunterschrift: „Auf Brioni hat sich Tito durchgehend um das Wohl der Tiere gekümmert“). Tito mit Sophia Loren bei der Eröffnung des Jugoslawischen Filmfestivals 1970 in Pula. Tito beim Empfang einer Delegation der italienischen Minderheit in Istrien 1965. Tito bei seiner ersten Ankunft auf Brioni 1947. Tito beim Abschied von Veli Brijun am 29. August 1979. Kaum acht Monate später starb er 87-jährig.Auf Brioni, in diesem Haus, ist der sozialistische Personenkult noch unironisch intakt. Der Landesvater selbst empfing seine Gäste zwar auf Veli Brijun, wohnte selbst aber in einem Haus auf der kleinen Nebeninsel Vanga. Dort gab es einen malerischen Hain aus Mandarinenbäumen, einen Gemüsegarten, ein Fotolabor und eine kleine Schlosserwerkstatt, in der Tito seinen Hobbys nachging. Er betätigte sich etwa als Farmer oder stellte selbst Werkzeuge her.Noch skurriler als in der Fotoausstellung wird es in der anderen Etage des Hauses: Die zeigt – noch ganz analog – Dioramen mit ausgestopften Tieren, die einst ihren Weg auf die Inseln fanden, inszeniert in kunstvollen Landschaften. Schneeleoparden, Schimpansenhorden, Straußenfamilien. Die Dioramen-Ausstellung (offiziell „Natural History Museum“ genannt) gibt es bereits seit 1987. Titos Insel-Zoo selbst wurde in den 90er-Jahren geschlossen. Wenn es aber etwas gibt, das unsterblich ist auf den Brionischen Inseln, dann ist es die Vergangenheit.Wie kommt man hin?Zum Beispiel mit Eurowings oder Croatian Airways nach Pula, weiter mit dem Bus nach Fažana, dann mit der Fähre nach Veli Brijun. Tickets sowie Touren auch in Deutsch und Englisch kann man in Fažana am Fähranleger buchen oder online unter shop.np-brijuni.hr/de. Wer die Insel ohne Guide erkunden will, kann dazu die kostenlose App „Brijuni Pocket Guide“ nutzen.Wo wohnt man gut?Veli Brijun: „Hotel Neptun“, Drei-Sterne-Haus am Hafen, Mischung aus modernem Interieur und k.u.k-Ambiente (DZ ab 100 Euro inklusive Fähre und Eintritt in den Nationalpark). „Hotel Istra Neptun“ direkt daneben (DZ ab 150 Euro; beide über: np-brijuni.hr/de/unterkunft). In Pula: „Park Plaza Histria“, modern eingerichtetes Familien- und Business-Hotel auf der Halbinsel Punta Verudela neben Jachthafen und Aquarium (DZ/F ab 160 Euro; arenahotels.com/de/hotel/park-plaza-histria).Tipps für PulaNicht verpassen: Pulas spektakulär gut erhaltene römische Arena, direkt am Hafen gelegen, in der im Sommer Konzerte stattfinden. Zudem lohnt die „Zero“-Straße, ein Labyrinth aus zum Museum umfunktionierten Luftschutztunneln, die unter der Altstadt entlangführen. Pula beherbergt zudem das größte Aquarium Kroatiens – spektakulär in eine österreich-ungarische Festungsanlage am Meer gebaut.Buchtipp:Bildband „Brioni Islands“, herausgegeben von Reiner und Sabina Opoku mit Essays von Historikern, Zeitzeugenberichten und großartigen Fotos von Tom Wagner (Skira, 2025, engl., 94 Euro).Weitere Infos:np-brijuni.hr/de; istra.hr; croatia.hr/de-de Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Istrien. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
Istrien: Auf Titos einstigen Privatinseln scheint die Zeit stehen geblieben - WELT
In Istrien haben viele Kroaten einen milden Blick auf Josip Broz Tito. Das liegt auch an den Brionischen Inseln, die der De-facto-Diktator von Jugoslawien drei Jahrzehnte als Sommerresidenz nutzte. Lange Sperrgebiet, sind sie heute ein Publikumsmagnet. Die Zeit scheint dort stehen geblieben








