«Investoren sitzen auf Beteiligungen, die sie nicht verkaufen können», sagt Joe Bae, Co-Chef der grössten Private-Equity-Firma der WeltPrivatmarkt-Anlagen boomen, trotzdem stecken ihre Anbieter in einer Vertrauenskrise. Der Co-Chef von KKR erklärt, warum Private Equity gut für die Altersvorsorge sein soll und was die Gründe für die Missstände in der Branche sind.06.07.2026, 08.25 Uhr6 LeseminutenJoe Bae hat 2021 mit Scott Nuttall die Führung von KKR übernommen.Tyrone Siu / ReutersPrivatmarktanlagen gelten als «Smart Money», als das intelligente Geld. Ihre Investoren haben exklusiven Zugang zu Deals und Informationen, die der Allgemeinheit verwehrt bleiben. Wer mit illustren Namen wie Blackstone, KKR oder in der Schweiz Partnersgroup anlegt, erwartet hohe Renditen und Prestige, muss aber auch mit Intransparenz und hohen Gebühren rechnen. Lange war Private Equity nur sehr Vermögenden und institutionellen Investoren vorbehalten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Heute sind die Anlagen auch für Private zugänglich, doch die Branche steckt in einer Vertrauenskrise. Das Aufkommen von Problemen bei privaten Kreditfonds und die Unsicherheit im IT-Sektor haben den Markt aufgeschreckt. Die Angst geht um, dass KI die Geschäftsmodelle vieler Softwarefirmen obsolet machen könnte; oft sind Private-Equity-Firmen dabei die Geldgeber. Kunden wollen Geld aus Privatmarkt-Fonds abziehen, die Aktien vieler Private-Equity-Anbieter sind getaucht.Joe Bae, Co-Chef von KKR, dem grössten Privatmarkt-Investor der Welt, sagt im Gespräch mit der NZZ: «Viele Investoren sitzen heute auf Beteiligungen, die sie nicht verkaufen können.» Sie haben diese 2021 nach der Pandemie zu teuer eingekauft und dabei zu viel Fremd­kapital eingesetzt. Die Akquisitionen seien mit hohen Bewertungen durchgeführt und mit billigem Geld finanziert worden. Heute, wo die Zinsen in den USA bei 4 bis 5 Prozent und nicht mehr bei null stehen, liessen sie sich kaum mehr refinanzieren.Er geht davon aus, dass sich die Schere zwischen den Anbietern öffnen wird: Wer seine Beteiligungen nicht verkaufen kann, dem werde kein neues Kapital anvertraut. Die starken Anbieter hingegen wachsen weiter und gewinnen Marktanteile. Dazu zählt laut ihm auch KKR, die weiterhin gute Finanzzahlen präsentiert.Bae sagt, dass man auch Beteiligungen aus den Hochpreisjahren ohne Mühe verkaufen könne. Die IT-Firma Onestream, 2021 auf dem Höhepunkt gekauft, habe beim Exit das Vierfache des Einsatzes gebracht. Der Vertrauensverlust hat bei KKR im Alltagsgeschäft kaum Spuren hinterlassen. Gemäss Bae dürfte 2026 bei den Exits das erfolgreichste in der 50-jährigen Geschichte des Unternehmens werden.Fragezeichen bei BewertungenDie Börse honoriert das nicht. Die Aktien von KKR haben seit Anfang Jahr ein Viertel verloren, jene von Partners Group ein Drittel. Bae erklärt die Unsicherheit im Sektor damit, dass Aktionäre einen anderen Zeithorizont hätten als Fondsinvestoren. Aktionäre kauften oder verkauften aufgrund der Stimmung im Markt oder wegen Schlagzeilen; sie wünschten Planbarkeit und Sicherheit.Doch nur mit fehlender Sicherheit lässt sich die schwache Aktienperformance nicht erklären. Für Unsicherheit sorgen auch die Bewertungen der Firmen, in die Private-Equity-Fonds investieren. Im Gegensatz zu kotierten Firmen sind für diese keine Finanzzahlen erhältlich. Bae sieht darin kein Problem: «Wir sind seit 50 Jahren in dieser Branche und liefern unseren Anlegern jedes Quartal Bewertungen und transparente Berichterstattung», sagt er.Bedenken kämen vielmehr von Einzelpersonen, die nicht in den Fonds investiert seien und keinen Zugang zu den Daten hätten. KKR habe erstklassige Reporting- und Bewertungsmethoden. «Wäre das nicht der Fall, würden uns unsere Investoren kein weiteres Kapital geben», sagt Bae. Bei den Kunden handle es sich um die versiertesten institutionellen Anleger und die reichsten Privatanleger der Welt.Den Vorwurf, Private-Equity-Firmen würden die Bewertungen selbst festlegen, will der 54-jährige Finanzmanager nicht gelten lassen: An den Bewertungen seien das Investmentteam, ein unabhängiges, internes Team, ein externes Unternehmen sowie Wirtschaftsprüfer beteiligt. Der Prozess umfasse mehrere Kontrollebenen, um sicherzustellen, dass er nach einem äusserst strengen Verfahren erfolge. «Ich bin von der Qualität unserer Bewertungen überzeugt», sagt Bae.Ängstliche PrivatkundenDie Rückzüge aus Private-Equity-Fonds, vor allem seitens Privatkunden, konnte das nicht verhindern. Viele Anbieter mussten die Rückzüge beschränken. Bei KKR war ein Fonds im Bereich Private Credit betroffen. Die Liquidität sei transparent auf 5 Prozent pro Quartal begrenzt – um die verbleibenden Investoren zu schützen und Notverkäufe zu verhindern, die Wertverluste zur Folge hätten, sagt Bae.Es werde immer Zeiten geben, in denen Anleger ihr Kapital zurückziehen möchten. Die Rücknahmebedingungen seien sinnvoll. Aber: «Die Kunden müssen verstehen, was sie kaufen.» Bae empfiehlt deshalb, klein einzusteigen und die Allokation mit wachsendem Vertrauen in die Anlageklasse schrittweise zu erhöhen.Family Offices investierten schon seit den 1980er Jahren in KKR-Fonds. Dass nun vermögende Privatanleger mitmachten, sei also nichts Neues. Neu seien sogenannte Evergreen-Fonds, die über Finanzberater oder eine Privatbank zugänglich seien. KKR hätte die Produkte schon vor 2023 lancieren können. Doch man wollte sicherstellen, dass die Struktur mit den institutionellen Fonds übereinstimme.Private investierten somit in dieselben Deals wie institutionelle Kunden – damit erhalte eine neue Anlegergruppe Zugang zu besserer Altersvorsorge, so glaubt Bae. Die Zahl der börsennotierten Unternehmen in den USA ist seit 2000 um die Hälfte zurückgegangen. Es gibt also viel weniger Aktien, in die man investieren kann. Die Konzentration auf die grossen Tech-Unternehmen ist mittlerweile extrem hoch. Daher ist es schwierig, an den Börsen ein diversifiziertes Portfolio aufzubauen.Man investiere sehr viel Zeit in die Schulung der Vertriebspartner, damit sie die einzelnen Produkte genau verstünden, sagt Bae. Private Wealth sei für KKR ein Wachstumsbereich, aber es gehe nicht darum, kurzfristig möglichst viel Neugeld zu gewinnen. Zudem sei das Geschäft von überschaubarer Grösse. Per Ende März verwaltete KKR rund 758 Milliarden Dollar, davon entfielen 38 Milliarden auf Private Wealth.Schweiz: in den AnfängenGemäss Bae vertreiben viele Schweizer Privatbanken die Produkte von KKR. Doch die Branche stehe diesbezüglich am Anfang. Die Banken erkennten das Wachstumspotenzial, Privatmarktanlagen seien in den Kundenportfolios untervertreten. Das Segment werde über die Zeit wachsen, glaubt er.Doch im Gegensatz zu den USA ist Private Equity in der Schweiz keine etablierte Anlageklasse. Bei Pensionskassen etwa hat sie sich bisher nicht durchgesetzt. Einzelne namhafte Vorsorgewerke haben sich gar wieder aus Private Equity zurückgezogen. Vor allem die hohen Gebühren und die Intransparenz machen viele skeptisch.KKR verwaltet seit 1987 Vermögen für Schweizer Kunden. 2007 hat man die erste Investition getätigt. Die Amerikaner waren mitunter bei Schweizer Unternehmen wie dem Automatenbetreiber Selecta, der IT-Firma SoftwareOne, der Inserateplattform Scout 24 oder der Apothekenbetreiberin Galenica beteiligt. Die Schweiz sei als weltweit führendes Zentrum in der Vermögensverwaltung strategisch bedeutsam. Deshalb habe man die Präsenz vor Ort ausgebaut, sagt Bae.Vertrautes FührungsduoKKR gehört zu den Pionieren von Private Equity. Die drei Gründer, Jerome Kohlberg Jr., Henry Kravis und George Roberts, die die Beteiligungsgesellschaft 1976 gegründet haben, sind Legenden der Wall Street. 2021 haben Bae und der Co-CEO Scott Nuttall die operative Führung von Kravis und Roberts übernommen. KKR gehöre in erster Linie den Mitarbeitern und den Gründern Henry Kravis und George Roberts.«Ich würde in Zukunft keine dramatischen Veränderungen erwarten, bei der Art und Weise, wie die Firma geführt wird», sagt Bae. Mitarbeiterbeteiligung sei sehr wichtig. «Ich habe 1996 als 23-jähriger Analyst bei KKR begonnen», erzählt er. Vom ersten Tag an habe er dem Erfolgsbeteiligungs-Pool angehört. Das gelte für alle – vom Sekretariat bis zum CEO.Heute als börsenkotiertes Unternehmen werde Interessengleichheit hergestellt, indem alle Mitarbeitenden über Aktien beteiligt seien. Für Bae hat sich das ausgezahlt, sein Vermögen wird auf mehr als 2 Milliarden Dollar geschätzt. Gemäss einer Börseneingabe trug ihm die Erfolgsbeteiligung für 2024 rund 73 Millionen Dollar ein.Bae führt KKR als Doppelspitze. Das Führungsduo hat aber mehr als den Job gemeinsam. Er und der Co-CEO Scott Nuttall haben 1996 als Analysten begonnen. Über die Jahre hätten sie an jedem Deal, den KKR gemacht habe, zusammengearbeitet. «Unsere Arbeitstage waren lang. Wir haben fast jeden Abend gemeinsam im Büro gegessen. Beim McDonald’s in unserer Strasse waren wir VIP-Kunden», erzählt Bae.Beide haben auch sehr jung geheiratet, noch bevor sie zu KKR gekommen sind. Die Kinder sind etwa im selben Alter, und die Familien haben mindestens einmal im Jahr gemeinsam Ferien gemacht: «Scott war derjenige, der uns aus dem Spital abgeholt hat, als unser erster Sohn geboren wurde.» Nuttall sei jemand, dem er voll vertraue.«Divide et impera»Privat machten sie vieles zusammen, doch in der Führung halte man sich an die Devise «Divide et impera»: Bae kümmert sich um Private Equity, Infrastruktur und Immobilien. Nuttall treibt die Expansion in die Kreditmärkte und ins Versicherungsgeschäft voran.Mit seiner ostasiatischen Herkunft fällt Bae an der Wall Street auf. Als seine Familie in den 1970er Jahren aus Südkorea in die USA gekommen sei, sei eine Karriere an der Wall Street nicht erstrebenswert gewesen, sagt er. Eine Ausbildung als Arzt, Anwalt oder – ganz stereotypisch – als Zahnarzt sei für Migranten aus Asien damals das Ziel gewesen.In der Finanzindustrie gab es wenige mit asiatischer Herkunft, insbesondere in Führungspositionen. Doch das ändere sich gerade. Man könne schliesslich auch nicht als Partner bei Goldman Sachs einsteigen, sagt Bae, der selbst kurz bei Goldman war. «Man muss sich hocharbeiten, und eine neue Generation ist gerade dabei, Karriere zu machen.»Passend zum Artikel