Die Fifa hebt die Spielsperre gegen den besten amerikanischen Stürmer auf – Trump bestätigt Infantino-Telefonat, Belgien und die Uefa protestieren vergeblichFolarin Balogun erhielt für den Achtelfinal eine Spielsperre. Trotzdem kann er gegen Belgien auflaufen. Die Fifa treibt ein unrühmliches Spiel mit den eigenen Regeln.06.07.2026, 19.58 Uhr5 LeseminutenFolarin Balogun musste nach seiner roten Karte im Spiel gegen Bosnien-Herzegowina den Platz verlassen – aber im Achtelfinal gegen Belgien kann der Amerikaner wieder spielen.Carlos Barria / ReutersSchliesslich meldete sich am Montagabend auch noch der Fifa-Präsident Gianni Infantino auf der Plattform X. Er habe mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump telefoniert und über den Platzverweis von Folarin Balogun gesprochen, schrieb Infantino. Er habe Trump erklärt, wie die «unabhängige Disziplinarkommission» arbeite.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Manchmal bin ich überrascht, manchmal einverstanden und manchmal nicht einverstanden – aber ich respektiere immer die unabhängigen Entscheidungen», schreibt Infantino. Übersetzt heisst das: Er habe nichts mit dem Entscheid zu tun, dass Balogun entgegen der gängigen Praxis gegen Belgien spielberechtigt ist. Am Montagabend bestätigte die Fifa auch offiziell, dass Balogun im Match gegen Belgien zum Einsatz kommen darf.Trump hielt sich an dieser Fussball-Weltmeisterschaft bisher zurück, er hat noch kein einziges WM-Spiel des amerikanischen Nationalteams im Stadion verfolgt. Vor dem Turnier hatten Kritiker vorhergesagt, der Präsident des Co-Gastgebers USA könnte die WM für seine Zwecke instrumentalisieren. Nun rückte sich Trump doch in den Fokus des Turniers. Und zwar in einem Fall, der weltweit für Empörung sorgte und sich zum veritablen Skandal entwickelte.Eigentlich hätte das amerikanische Nationalteam in der Nacht auf Dienstag (MESZ) seinen WM-Achtelfinal gegen Belgien ohne Folarin Balogun absolvieren müssen. Der Stürmer war am letzten Mittwoch im Sechzehntelfinal gegen Bosnien-Herzegowina (2:0) nach einem Foul des Feldes verwiesen und mit einer Spielsperre belegt worden.Doch am Sonntag teilte der Weltfussballverband (Fifa) plötzlich mit, er habe die Spielsperre gegen Balogun in eine Bewährungsstrafe umgewandelt; in Kraft tritt sie nur, sollte der 25-Jährige innert eines Jahres einen weiteren Regelverstoss «ähnlicher Art und Schwere» begehen.Warum hat die Fifa die Sperre aufgehoben? Wahrscheinlich, weil sich Donald Trump eingemischt hat. Der amerikanische Präsident hat am Montagnachmittag (MESZ) entsprechende Medienberichte bestätigt, wonach er den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino angerufen habe. «Ich habe lediglich um eine Überprüfung gebeten, weil ich nicht der Meinung war, dass es ein Foul war», sagte Trump vor den Medien im Oval Office. «Ich wusste nicht, was zur Hölle eine rote Karte ist, ich dachte, das sei nicht so schlimm. Später lernte ich, dass es eine Sperre bedeutet.»Die Fifa wandelt die Sperre in eine Bewährungsstrafe umInfantino und Trump sind ziemlich beste Freunde – nicht erst, seit der Walliser seinem Buddy im Dezember an der WM-Gruppen-Auslosung in Washington einen eiligst erfundenen Fifa-Friedenspreis überreicht hat. Trump rühmte die Fifa unmittelbar nach der Aufhebung der Sperre auf seiner Plattform Truth Social: «Vielen Dank an die Fifa, dass sie das Richtige getan und eine grosse Ungerechtigkeit rückgängig gemacht hat», schrieb er. Zuvor hatte bereits der amerikanische Aussenminister Marco Rubio die Fifa dazu aufgefordert, die Sperre zu widerrufen.Donald Trump forderte Infantino auf, Baloguns Sperre aufzuheben.Andrew Harnik / GettyDer belgische Fussballverband (RBFA) reagierte entrüstet auf die Aufhebung der Spielsperre. Am Montag hat er Rekurs gegen den Entscheid eingelegt, allerdings fehlte eine schriftliche Begründung der Fifa für ihren einsamen Beschluss. Man sehe «keine andere Möglichkeit, als die Spielberechtigung Baloguns für das bevorstehende Spiel anzufechten», hiess es in einer Stellungnahme. Man habe die Fifa schriftlich um eine Kopie der Entscheidung im Fall Balogun sowie um eine Erläuterung des angewandten Verfahrens gebeten.Als einzige Reaktion habe man ein Schreiben der Fifa erhalten, in dem diese erklärt habe, die Korrespondenz sei als Berufung zu werten, schrieb der RBFA. Zudem habe die Fifa mitgeteilt, dass bereits ein Richter bestellt worden sei und Belgien nur wenige Stunden blieben, um die Berufung zu vervollständigen.«Unabhängig vom sportlichen Ausgang dieser Partie ist der RBFA über den Verlauf der Ereignisse zutiefst besorgt», schrieb der Verband weiter. Man werde sich «auch in den kommenden Stunden, Tagen und Monaten weiterhin für die grundlegenden Prinzipien von Ethik, fairem Wettbewerb und die Interessen des Fussballs insgesamt einsetzen».Folarin Balogun, einer der besten Spieler des amerikanischen Teams.Phil Noble / ReutersDie Regel richtig ausgelegtNeben harscher Kritik aus Kreisen der europäischen Fussballprominenz flankierte auch der europäische Fussballverband (Uefa) Belgiens Protest mit Kritik an der Fifa. «Die Entscheidung, die automatische Spielsperre gegen Folarin Balogun für ein Jahr auszusetzen, hat eine rote Linie überschritten», schrieb der Verband. Die Rechtssicherheit sei nicht mehr gewährleistet, auch die Glaubwürdigkeit des Wettbewerbs werde untergraben. Die Uefa zeigte sich «fassungslos über diese beispiellose, unverständliche und nicht zu rechtfertigende Entscheidung».Balogun war dem bosnischen Verteidiger Tarik Muharemovic im Sechzehntelfinal unglücklich auf den Knöchel getreten. Der direkte Platzverweis war streng, absichtlich war der Tritt des Stürmers gewiss nicht. Aber die Videobilder der Szene sahen schlimm aus. Und weil sich der Gefoulte bei einer solchen Intervention schwer verletzen kann, blieb dem Schiedsrichter Raphael Claus nach Konsultation der Videobilder nichts anderes übrig, als sich strikt an die Regelauslegung zu halten. Und die sieht in solchen Fällen den Spielausschluss vor.Laut Artikel 27 der Disziplinarregeln darf die Fifa eine Rotsperre auf Bewährung aussetzen. Nur: Mitspielen trotz Sperre – das hätten sich vor Balogun schon andere Fussballer gewünscht; passiert ist es an einer WM seit 64 Jahren nicht mehr. Damals, 1962 in Chile, erlaubte der Weltfussballverband dem Brasilianer Garrincha trotz Rot im Halbfinal die Teilnahme im WM-Final, nachdem die brasilianische Regierung bei der Fifa interveniert hatte.Die Fifa macht es ihren Kritikern leichtDie Begnadigung Baloguns fügt sich in eine Reihe seltsam anmutender Regeländerungen und -auslegungen, mit denen die Fifa jüngst mehrfach Kontroversen ausgelöst hat.Begonnen hat es mit Cristiano Ronaldo. Der 40-jährige Star der portugiesischen Auswahl hatte sich im November im WM-Qualifikationsspiel gegen Irland ein Frustfoul geleistet. Er streckte seinen Gegner Dara O’Shea mit einem Ellbogenschlag nieder, sah nach Intervention des Videoassistenten die rote Karte und erhielt drei Spielsperren – womit er die ersten zwei WM-Partien Portugals in Nordamerika verpasst hätte. Doch die Fifa setzte die Spielsperren – wie nun im Falle Baloguns – kurzerhand auf Bewährung aus, was ihr den Vorwurf einbrachte, sie habe dem fünffachen Weltfussballer eine Vorzugsbehandlung gewährt.Während des laufenden WM-Turniers wurde die Kritik, wonach der Verband bestimmte Stars und Teams begünstige, noch lauter.Balogun trat im Sechzehntelfinal gegen Bosnien-Herzegowina dem Verteidiger Tarik Muharemovic auf den Fuss – und erhielt die rote Karte.Stephen Lam / San Francisco Chronicle via APAls der Paraguayer Miguel Almirón im zweiten Gruppenspiel gegen die Türkei seinen Mund mit der Hand verdeckte, stellte ihn der Referee mit Rot vom Platz. So will es die neue Regel, die Spieler sollen etwaige diskriminierende Äusserungen nicht mehr verschleiern können. Als Jude Bellingham, der Star des englischen Teams, gegen Ghana die gleiche Geste machte, passierte indes nichts.Und dann war da noch Lionel Messi. Der Superstar, mit sieben Toren gemeinsam mit Kylian Mbappé und Erling Haaland bis jetzt der Top-Torschütze der WM, schoss im Auftaktspiel der Argentinier drei Tore. Zum Zeitpunkt des zweiten Goals hätte er allerdings nicht mehr auf dem Platz stehen dürfen. Er hatte Algeriens Captain Aïssa Mandi von hinten in die Wade getreten – die Aktion glich jener von Balogun fast aufs Haar. Doch während dieser vom Platz flog, erhielt Messi nicht einmal die gelbe Karte. Eine konsequente Anwendung der Regel hätte auch da nur einen Schluss zugelassen: den Ausschluss Messis.Die Fifa erntet für die Praxis, ähnliche Vergehen unterschiedlich zu ahnden, breites Unverständnis. Sie bestärkt damit ihre Kritiker, die überall Wettbewerbsverzerrung wittern, und zwar ganz unabhängig von Trump. Der Verband könnte das vermeiden, indem er eine simple Einsicht weiterhin beherzigt: Regeln sollten für alle gleichermassen gelten – und sollten nicht hinterher abgeändert werden. Tut sie es doch, droht die Fifa der Integrität des Wettbewerbs zu schaden. Und damit sich selbst und ihrer Glaubwürdigkeit.Passend zum Artikel