Für Tunesien war das eine sehr gebrauchte WM. Das Team hatte nur kurz an der Vorrunde partizipiert, als Prügelknabe für Schweden (1:5), Japan (0:4) und die Niederlande (1:3). Nach dem grässlichen Auftaktmatch wurde Nationalcoach Sabri Lamouchi gefeuert, Nachfolger Hervé Renard verwaltete die folgenden Niederlagen und trat dann ebenfalls ab, nach 18 Tagen im Amt. Ob die beiden Vegetarier sind, bleibt offen, gesichert ist aber, dass sie tüchtige Rindfleisch-Esser in der Truppe hatten: Gleich acht Spieler wurden bei der WM positiv auf Clenbuterol getestet. Das ist eine muskelaufbauende Dopingsubstanz, beliebt in Fitnessbuden, medizinisch wird Clenbuterol als Asthma-Mittel eingesetzt. Und mehr Muckis und mehr Luft, so ließe sich jetzt sagen, hätten die tunesischen Prügelknaben bei der WM gut brauchen können.Team Tunesien war im mexikanischen Monterrey stationiert. Dass sich die Enthüllung der Clenbuterol-Befunde keineswegs der Fifa, der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada oder anderen Sportverbänden verdankt, sondern Recherchen britischer Medien vor dem Achtelfinale ihrer Auswahl im 2300 Meter hoch gelegenen Aztekenstadion gegen Mexiko – das verstärkt den Eindruck konzertierter Schummelei. Auch danach äußerten sich Fifa oder Wada nicht offiziell.Hat die WM also ein Dopingproblem?Generelle Antwort: nicht weniger als sonst im Fußball-Business. Denn der Milliardenbetrieb kontrolliert seine Pappenheimer lieber selbst, im Falle der WM ist das also die Kontrolle des Geldeintreiber-Systems Gianni Infantino. Das Regelwerk besagt ganz unverblümt: „Bei einem von der Fifa kontrollierten Spieler hat allein die Fifa das Recht, die Resultate und die entsprechenden Maßnahmen zu veröffentlichen.“Alles bleibt in der Familie: Diese absurde Sonderrolle kann sich der reiche Fußball gegenüber allen anderen problemlos leisten, auch gegenüber der Wada. Denn er hat weder existenzielle Mittelkürzungen durch Staatsförderung noch durch den olympischen Sport zu befürchten wie fast jede andere Sportart. Und auch nicht den Rauswurf von den Olympischen Spielen: Die sind ohnehin nur Konkurrenz, die Fifa entsendet bloß ihre U23-Kicker dorthin.Deshalb ist Doping bis heute der größte blinde Fleck im Fußball. Obwohl die Profis rennen und sprinten und kämpfen, als gäbe es kein Morgen, befeuert durch die Aussicht auf ein- bis zweistellige Millionengagen im Jahr. Die Fifa kennt das Mindset der globalen Sportgesellschaft: Worüber nicht diskutiert oder berichtet wird, das existiert nicht. Über Doping spricht man also gar nicht.Dass den Fußballinstanzen nicht zu trauen sei, hat gerade erst Richard Pound in der ARD betont, der kanadische Gründungspräsident der Wada. Trotzdem verdient die tunesische Clenbuterol-Schwemme gesonderte Betrachtung. Die Werte sollen unterhalb der Dopingschwelle liegen, die es speziell für dieses Präparat gibt, weshalb der Wada-Befund nur auf „atypische Funde“ lautet – das ist eine Verdachtsstufe.Tatsächlich ist Clenbuterol ein Sonderfall – und ein mexikanisches Spezifikum. Denn dort wird das Muskelpräparat in der Rinderzucht eingesetzt, was schon oft spektakuläre Sportbefunde nach sich zog. Riesenaufregung herrschte beim Gold Cup 2011, der nordamerikanischen Kontinentalmeisterschaft, als gleich fünf Nationalkicker Mexikos mit Clenbuterol aufflogen. Sie wurden gesperrt, aber nach intensiven Analysen freigesprochen, weil alles auf eine Lebensmittel-Kontamination hindeutete. Den stärksten Beleg dafür lieferte die kurz darauf gleichfalls in Mexiko ablaufende U17-WM: Eine Reihenuntersuchung der Fifa ergab, dass 109 von 208 untersuchten Urinproben Clenbuterol-Spuren aufwiesen. Das Problem war (und ist) also offenbar eher eines der öffentlichen Gesundheit in Mexiko als eines des Sports. Jedenfalls, wenn es um derart geringe Mengen geht.Tunesiens Spieler sind zu Hause, ihre Klubs informiert, Konsequenzen wird es nicht geben. Der Vorfall offenbart jedoch ein tief wurzelndes Problem bei der WM, dem weltgrößten Kultur-Spektakel: Echte Betrugsfälle bekäme das Publikum eher nicht mit, schon gar nicht während des Events. Die Fifa schweigt schon bei mutmaßlich harmlosen Vorfällen – wie ginge sie erst mit echten Fällen zu dem ja höchst geschäftsschädigenden Thema um? Die größte Mär der WM muss gültig bleiben: Danach fand der letzte Dopingfall zwar in den USA statt – aber bei den Titelkämpfen vor 32 Jahren, als Argentiniens Superstar Diego Maradona mit einem Ephedrin-Mix aus dem Spielverkehr gezogen worden; übrigens unter fragwürdigen Begleitumständen.Seither gibt es nichts Offizielles mehr, nicht mal, wenn Dokumente auf dem Tisch liegen. So wie zur WM 2014 in Brasilien. Damals war im Zuge des russischen Staatsdoping-Skandals aufgeflogen, dass der gesamte 23-köpfige WM-Kader der Sbornaja auf einer internen Verdachtsliste stand – dazu kamen klare Hinweise auf ein Vertuschungssystem im Fußball, darunter Ausreisekontrollen vor der WM-Abreise. Es wurde ein bisschen untersucht, dann kam der Deckel drauf. Schließlich war 2018 die nächste WM: in Russland.Was aber die Gefahr durch mexikanische Rindersteaks angeht, reiste Team England übrigens gut vorbereitet ins WM-Land. Mit einem eigenen Küchenteam.
Fußball-WM: Acht Clenbuterol-Fälle bei Tunesien
Fußballern des tunesischen Teams werden Spuren des Muskelpräparats Clenbuterol nachgewiesen. Es sind die ersten positiven Dopingtests bei einer WM seit Maradona 1994. Warum den Tunesiern trotzdem keine Strafe droht.










