Ein Festival zur antifaschistischen Literatur veranstaltet das Literaturforum im Brecht-Haus. Es geht um die Reaktion von Literaten auf das Terrorregime der Nationalsozialisten seit 1933, in unterschiedlichen Formaten. Am Dienstag sprechen Ronya Othmann und Domenico Müllensiefen über ihre Leseerfahrungen. Wir fragen Domenico Müllensiefen, Autor heutiger Romane wie „Manchmal muss man sich entscheiden“: Die Veranstalter gaben Ihnen das Buch „Dein unbekannter Bruder“ von Willi Bredel. Was konnten Sie damit anfangen?

Domenico Müllensiefen: Als ich 2006 nach Leipzig kam, war eine meiner Baustellen in der Willi-Bredel-Straße. Das ist in Leipzig-Lößnig im Plattenbaugebiet, eine ziemlich durchmischte Gegend mit damals schon hohem Migrationsdruck und Problemen mit Rechtsradikalismus. Durch die Willi-Bredel-Straße bekam ich meine ersten Eindrücke von Leipzig – das hat uns verbunden. Es war so ein typischer DDR-Straßenname, aber er war geblieben, anders als manch andere.

Und dann tauchte der Name Bredel jetzt wieder auf als Vorschlag, ihn als antifaschistische Literatur zu lesen. Das Buch hat keine Veröffentlichungsgeschichte in einem freien Deutschland. Es ist 1937 erschienen, wurde damals von Exilverlagen gedruckt, in Ländern, wo die Nazis keinen Zugriff hatten zu jener Zeit. Es gab mehrere Auflagen in der DDR. Im Vorwort meiner Ausgabe heißt es, dass es nur einen Teil Deutschlands gibt, wo der Faschismus mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden sei. Da liest sich etwas seltsam, wenn man weiß, was doch so alles los war.