Herr Hein, was interessiert Sie an Deutschland gerade besonders? Und wovon würden Sie allmählich am liebsten gar nichts mehr hören?Die täglichen neuesten Ankündigungen, Versprechen und Drohungen von Trump.In Frankfurt haben Sie beim Festival „Literaturm“, das alle zwei Jahre in den Hochhäusern der Stadt stattfindet, Ihren Roman „Das Narrenschiff“ vorgestellt – 750 Seiten, einmal quer durch 40 Jahre DDR-Geschichte. Was hat Sie zu diesem Buch gedrängt?Mein Leben. Ich habe diese 40 Jahre fast vollständig erlebt. Und Schreiben ist die Arbeit in einem Steinbruch, der die persönlichen Erinnerungen birgt.Kann man Politik, Geschichte, Gesellschaft, ganze Staaten überhaupt literarisch in den Griff bekommen? Ihr ganzes Werk sagt Ja. Aber wie geht das?Nein, das geht wohl nicht. Sollte man nicht versuchen.Und wie wurden Sie zu dem Schriftsteller, der dieses Werk verfasst hat?Es war meine Biographie, mit den vielen Rissen, Mauern, Hemmnissen.„Literaturm“ widmet sich noch bis Sonntag deutsch-deutschen Selbstsichten. Autoren wie Dirk Oschmann und Jana Hensel haben zuletzt beklagt, der DDR werde zu wenig Beachtung geschenkt, andere warnen wie Ilko-Sascha Kowalczuk vor Vergangenheitsverklärung. Sagen Ihnen diese Sichten etwas?Verteufelung, Verärgerung – all das ist normal und hängt von den Erlebnissen ab.Wirkt die DDR überhaupt noch nach? Alle scheinen davon auszugehen. Aber ist das wirklich so?Vergangenheit ist wirksam, bleibt wirksam. Selbst die Kaiserzeit wie das Dritte Reich sind unvergessen.In der gesamten Bundesrepublik legt die AfD zu, in Sachsen-Anhalt könnte sie demnächst die Regierung stellen. Was geht Ihnen da durch den Kopf?Ängste entstehen. Hilflosigkeit macht sich breit.Viele Autoren sagen, sie läsen ihre Werke nicht noch einmal, sobald sie erschienen sind. Denken Sie an die Bücher zurück, die Sie geschrieben haben? Ihre Themen liegen Ihnen buchübergreifend am Herzen.Ab und zu muss man zu den alten Büchern greifen, zum Beispiel, wenn ein Übersetzer Fragen hat.Reagieren Ihre Leser in Ost und West auf Ihre Werke und auf Begegnungen unterschiedlich?Erstaunlicherweise kaum. Selbst nicht beim „Narrenschiff“.Von der DDR werde nichts bleiben, haben Sie nach der Veröffentlichung des „Narrenschiffs“ gesagt. Diejenigen ihrer Bürger, die sie miterlebt hätten, stürben gerade aus. Nach dem Motto „Der König ist tot, es lebe der König“ – lebt dann wenigstens die Bundesrepublik? Oder schwächelt auch sie?Sie schwächelt vielleicht nicht, aber schlingert kopflos.Etwas ganz anderes: Was lesen Sie gerne? Als Autor und Nichtautor, wenn sich das unterscheiden lässt.Gerne Neuerscheinungen. Meine große Liebe gilt den Autoren des 19. Jahrhunderts, von Spanien und Frankreich bis zu Polen und Russland.Zuletzt haben Sie „Das Havelberger Konzert“ veröffentlicht, es ging um Bach, dessen Musik Ihnen viel bedeutet. Das ist ebenfalls Geschichte, wenn auch schon etwas länger zurückliegende. Ist als Nächstes wieder das 20. Jahrhundert an der Reihe? Woran arbeiten Sie?Ein Kinderbuch wird dieses Jahr erscheinen. Ein weiterer Band mit Novellen zu Bach und ein Roman über eine deutsche Kleinstadt im nächsten Jahr.Zur PersonChristoph Hein wurde am 8. April 1944 im schlesischen Heinzendorf geboren und wuchs nach dem Krieg bei Leipzig auf. Er besuchte eine Schule in Westberlin, schlug sich nach dem Mauerbau mit unterschiedlichen Tätigkeiten durch, studierte in Leipzig und Berlin und wurde Dramaturg an der Volksbühne. In den letzten zehn Jahren der DDR wurde er mit Prosa und Theaterstücken zu einem der angesehensten deutschen Schriftsteller in Ost und West. Er ist es seitdem geblieben. Das Frankfurter Festival „Literaturm“ geht am 14. Juni zu Ende, Hinweise zum Programm unter literaturm.de.
Schriftsteller Christoph Hein: „Die Bundesrepublik schlingert kopflos“
Der Schriftsteller Christoph Hein schreibt über deutsch-deutsche Geschichte. Gerade hat er in Frankfurt gelesen, schon arbeitet er wieder an seinen nächsten Werken.










