Im Jahr 1804 schnaufte erstmals eine Dampflokomotive erfolgreich über Gleise, sie holte tonnenweise Eisen aus einem walisischen Bergwerk. Erst gut zwanzig Jahre später fuhren Menschen in einem Zug – vom britischen Stockton ins vierzehn Kilometer entfernte Darlington. Es war der Beginn einer jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte, die sich infolge von Privatisierung und neoliberalem Spardruck vielerorts längst in eine Geschichte des Niedergangs verwandelt hat.Was die im 19. Jahrhundert gelegten Gleise mit der bedrückenden Gegenwart zu tun haben, führt die tschechische Autorin Radka Denemarková in ihrem neuen Roman „Schokoladenblut“ eindrucksvoll vor Augen. Die Bahn spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn wir Leser sitzen in einem Zug, der als „erzählender Rapper“ quer durch das neunzehnte Jahrhundert zuckelt. Man schaut auf die sich vor dem Fenster ausbreitende Textlandschaft, in der sich an einigen zunehmend vertrauten Schauplätzen unterschiedliche Szenen abspielen.

Drei Menschen auf Zeitreise

Es ist ein bisschen wie Kino. Die Passagiere sehen bewegte Bilder mit drei Figuren im Zentrum: die tschechische Autorin Božena Němcová, die französische Schriftstellerin George Sand und der amerikanische Unternehmer John D. Rockefeller. Mit jeder Szene gewinnen ihre Geschichten an Kontur, Rhythmus und Schärfe – und fügen sich, ganz gegenwärtig, zu einem Ganzen.