Erbdynastie in der Steppe: Bei den Nomaden, die vor 2500 Jahren im heutigen Kasachstan lebten, blieb die Macht über Generationen in der gleichen FamilieDie Saken, eng verwandt mit den besser bekannten Skythen, bestatteten ihre Toten in Grabhügeln und teilweise mit viel Gold. Jetzt gibt es neue Hinweise auf die soziale Struktur dieser Gruppe – aus der Genetik.05.07.2026, 18.19 Uhr4 LeseminutenMächtige Saken wurden mit Goldobjekten und Schmuck wie diesem aus dem Kurgan Eleke Sazy bestattet. Die meisten Gräber wurden jedoch geplündert.Zainolla SamashevDie Idee, dass Macht vererbt werden kann, ist in heutigen westlichen Gesellschaften eher unpopulär. Früher war das Modell weit verbreitet – aber seine Existenz können Archäologen nicht so ohne weiteres erkennen. Jetzt haben genetische Analysen es ermöglicht, die Existenz einer herrschenden Elitedynastie in einer längst verschwundenen und nur ansatzweise erforschten Gesellschaft zu beweisen: im ersten Jahrtausend vor Christus in der Eurasischen Steppe, bei einer grösstenteils nomadisch lebenden Gruppe, den Saken, archäologisch eng verwandt mit den besser bekannten Skythen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ayshin Ghalichi vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (MPI) und eine Gruppe von Kollegen haben genetische Daten aus Saken-Bestattungen untersucht und festgestellt: Es gab an mehreren Orten enge Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Angehörigen der Elite; möglicherweise wurde hoher sozialer Status familiär vererbt – vielleicht auch an Frauen. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschafter in der Fachzeitschrift «Science Advances» publiziert.Saken und Skythen gehören zusammenDie Unterteilung zwischen Skythen und Saken ist vor allem eine geografische: Die Skythen sind in der heutigen Ukraine und in Südrussland verortet, die Saken im östlichen Kasachstan sowie in Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan.Skythen und Saken sprachen eine iranische Sprache, bauten mancherorts Siedlungen, betrieben Ackerbau und Viehzucht, blieben aber trotzdem, dem Ökosystem Steppe angepasst, grösstenteils nomadisch. Pferde spielten eine grosse Rolle, das zeigen sowohl Bestattungen mit diesen Tieren als auch viele Funde von verziertem Pferdegeschirr.Ebenfalls typisch für skythisch-sakische Gruppen sind Metallobjekte höchster Qualität, oft aus Gold, im sogenannten Tierstil. Sie zeigen zum Beispiel liegende Hirsche, Panther oder Bergziegen.Der Kurgan Shilikty 16 in Kasachstan vor der Ausgrabung.Rinat ZhumatayevDie Grabhügel haben bis zu 105 Meter DurchmesserGefunden haben Archäologen diese Objekte meist in Gräbern. In der Eurasischen Steppe erheben sich Tausende Grabhügel, sogenannte Kurgane, aus dem ersten Jahrtausend vor Christus. Viele sind weniger als 1 Meter hoch, kein Gang führt in die innere Kammer, die Toten bekamen nur wenige Objekte mit ins Grab. Manche Kurgane aber stechen heraus; sie sind höher und haben bis zu 20 Meter Durchmesser. Einzelne erreichen sogar 12 bis 15 Meter Höhe und 105 Meter Durchmesser.Den in diesen riesigen Hügeln Bestatteten hatte man nach dem Tod ein Loch in den Schädel gebohrt. Die Motivation für diese sogenannte Trepanation ist nicht bekannt; sie kommt jedoch nur in den grossen Hügeln vor. Die Toten lagen in hölzernen Särgen und mit reichen Beigaben in einer Art Blockhütte, um die herum eine Steinkammer gebaut wurde. Von aussen führte ein Gang hinein. Manchmal gab es auch noch Seitenkammern mit weiteren Bestattungen. Über Kammern und Gang schütteten die Menschen einen Hügel aus Erde auf und belegten ihn mit Grassoden und Steinen.Die allermeisten dieser Hügel wurden irgendwann in den vergangenen 2500 Jahren von Grabräubern geplündert, denn oft bestanden die Beigaben aus Gold. Eine von nur zwei ungestörten Bestattungen ist der sogenannte Goldene Mann, der berühmteste archäologische Fund Kasachstans und prägend für das Nationalbewusstsein: Entdeckt 1969 in einem Kurgan mit 60 Metern Durchmesser, etwa 50 Kilometer östlich von Almaty, hatte er mehr als 4000 Goldornamente bei sich, ein mit Greifenköpfen dekoriertes Eisenschwert, einen Bronzespiegel, Gefässe und eine Silberschüssel mit 26 Buchstaben, die erst kürzlich teilweise entziffert wurden.Rekonstruktion der Kleidung des sogenannten Goldenen Mannes.Gulmira MukhtarovaDie DNA zeigt: Elitestatus wurde über Generationen vererbtAus dem Skelett des Goldenen Mannes und weiteren Toten haben die Wissenschafter nun DNA extrahiert. Ausserdem haben sie bereits bekannte genetische Informationen aus anderen Gräbern ausgewertet. 38 der insgesamt 85 untersuchten Individuen rechneten sie aufgrund der Beschaffenheit des Grabes und der Objekte der Elite zu.Sie stellten fest, dass die Mitglieder der Elite eng miteinander verwandt waren. In einem besonders eindeutigen Fall konnten ein Grossvater und sein Bruder sowie zwei Enkelkinder identifiziert werden. Eines der Enkelkinder war im Alter von einem Jahr gestorben, das andere mit etwa 50 Jahren – und alle, auch das einjährige Kind, waren in riesigen Kurganen bestattet worden und hatten trepanierte Schädel. Diese Gräber lagen aber nicht alle am gleichen Ort, sondern bis zu 140 Kilometer auseinander. Die Familie, so schreiben die Autoren in ihrem Aufsatz, habe den hohen sozialen Status offenbar für mindestens drei Generationen gehalten.«Wir hatten nicht erwartet, dass sozialer Status von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Es zeigte sich jedoch eindeutig, dass Personen mit hohem Status enger miteinander verwandt waren – selbst wenn sie an unterschiedlichen archäologischen Stätten bestattet worden waren – als mit Personen niedrigen Status, die an denselben Orten wie die Eliten begraben lagen», wird Ainash Childebayeva, Genetikerin am MPI und am Institut für Genetik und Physiologie in Almaty, in einer Pressemitteilung zitiert.Beim sogenannten Goldenen Mann aus dem 4. oder 3. Jahrhundert vor Christus war bisher nicht klar, welches Geschlecht die Person wirklich hatte; mangels genetischer Analysen hielt man auch eine Frau für möglich. Nun können die Wissenschafter sagen: Es war wahrscheinlich tatsächlich ein Mann.In einem 2013 entdeckten Kurgan aus dem 5. oder 4. Jahrhundert vor Christus lagen vergleichbar reiche Objekte, darunter ein aufwendiger goldener Kopfputz mit Tierornamenten. Ausserdem fanden die Ausgräber einen Altar aus Stein und medizinisch nutzbare Pflanzen. Das könnte nach Meinung mancher Archäologen auf eine schamanistische Rolle der Person hindeuten, die mit Anfang dreissig gestorben war. Sehr viel eindeutiger ist aber etwas anderes: das Geschlecht. Es war eine Frau.Die genetische Analyse, erklärt die Wissenschafterin Ghalichi in der Pressemitteilung, zeige nun noch einmal: Frauen hätten in dieser Gesellschaft einen hohen sozialen Status innehaben können. Von den etwa vierzig untersuchten Elite-Personen war fast die Hälfte weiblich.Passend zum Artikel
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