Einer der Redner bei der Begräbnisfeier für Irans Staatsoberhaupt Ali Khamenei rief am Sonntag zur Ermordung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump auf. „Wir würden Schande über uns bringen, wenn wir nicht deinen Attentäter tötet würden“, rief der prominente Rezitator Mohammad Rasouli den Zehntausenden Iranern zu, die sich vor dem aufgebahrten Sarg des Obersten Führers versammelt hatten. „Wir schwören bei deinem Blut, dass uns die Ermordung Trumps obliegt.“Die Menschenmassen im Innenhof der Imam-Khomeini-Mosalla, des größten Gebetskomplexes in Teheran, antworteten mit „Tod Amerika“-Rufen. Manche der Trauernden wurden von Weinkrämpfen geschüttelt. Unter den Ehrengästen waren Angehörige der Schulkinder, die im Februar in der Stadt Minab durch einen amerikanischen Luftangriff getötet wurden.Auf Donald Trump schien die orchestrierte Massenschau Eindruck zu machen. Gegenüber der Plattform Axios zeigte er sich überrascht über die weinenden Trauergäste. Er habe geglaubt, die Iraner würden Khamenei hassen. „Vielleicht sind es falsche Tränen“, mutmaßte Trump. Mit dem Trauerspektakel will das Regime, das Amerika und Israel vergeblich zu stürzen versuchten, wohl demonstrieren, dass es noch immer fest im Sattel sitzt.SMS mit Aufrufen zur TeilnahmeVier Monate lang haben Ministerien und Behörden die mehrtägige Trauerfeier vorbereitet. Für die Koordination wurde ein eigenes Hauptquartier eingerichtet. Teilnehmer von außerhalb Teherans sind in Schulen und in Zelten in Parks untergebracht. Freiwillige und Regierungsmitarbeiter verteilen kostenlos Essen und Getränke. Telefonfirmen verschickten SMS mit Aufrufen zur Teilnahme.Das Staatsfernsehen gab Hinweise, wie man sich im Falle einer Massenpanik verhalten soll. Vor sechs Jahren waren bei der Beerdigung des Generals Qassem Soleimani 50 Menschen zu Tode gekommen. Vielen machte die Hitze bei Temperaturen von bis zu 36 Grad zu schaffen. Wassersprinkler wurden installiert, um etwas Kühle zu spenden. Staatskonzerne und Privatunternehmen verkündeten, dass sie einen Teil der Kosten der Mammutveranstaltung tragen.Trauernde Frauen stehen am Rande der Begräbnisfeier für Irans Staatsoberhaupt Ali Khamenei in einer Schlange, um eine kostenlose Mahlzeit zu erhalten.AFPLängst nicht alle Teheraner nehmen daran teil. Eine 24 Jahre alte Mitarbeiterin eines Kreditinstituts sagte der F.A.Z., sie empfinde weder Trauer noch Genugtuung über den Tod Khameneis. „Wir haben einen Punkt erreicht, an dem es für mich sehr schwierig ist, noch zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.“ Sie persönlich habe Khamenei nichts vorzuwerfen. Sie schätze an ihm, dass er belesen gewesen sei. Aber er sei auch nicht unfehlbar gewesen. Deshalb empfinde sie es als falsch, in der ganzen Stadt Poster von ihm aufzuhängen und öffentliche Gelder dafür auszugeben, seinen Sarg nach Qom, Irak und Maschhad zu transportieren.„Sie machen das, um zu demonstrieren, dass das System viele Unterstützer hat“, sagt die Frau, die sich selbst als tief religiös beschreibt. Sie schätzt die Zahl der Unterstützer auf zehn bis 15 der 90 Millionen Einwohner des Landes. „Wenn sich eine Minderheit an einem Ort versammelt, kann sie aussehen wie eine Mehrheit.“ Damit wolle das Regime auch diejenigen einschüchtern, die seit Langem ein Ende der Islamischen Republik fordern. Ihrer Meinung nach könne Iran ein besseres Land sein, wenn es aufseiten der Unterstützer und der Gegner des Regimes weniger Extremisten gebe.„Durch unsere Teilnahme senden wir eine Botschaft an den Feind“Ein 35 Jahre alter Mitarbeiter einer Ölfirma sagt, er gehe nicht zur Trauerfeier, „weil eine Teilnahme bedeutet, die Regierung zu unterstützen“. Die Herrscher würden nicht das Volk repräsentieren, sondern seien nur an ihrem Machterhalt interessiert. Ein anderer Teheraner meint, dass viele Regierungsmitarbeiter gezwungen worden seien, an den Zeremonien teilzunehmen.Ein 41 Jahre alter Militärangehöriger sagte der F.A.Z. dagegen, er nehme teil. „Ich verdanke der Islamischen Revolution und dem weisen Führer sehr viel. Durch unsere Teilnahme an dieser Zeremonie senden wir eine starke Botschaft an unsere Feinde.“ Der Führer Irans sei zugleich der Führer aller Schiiten weltweit, sagte der Soldat. Khamenei habe bis zum letzten Atemzug gegen Mächte gekämpft, die er als imperialistisch betrachtete. Als Symbol des Widerstandsgeistes wurde auf dem Revolutionsplatz von Teheran eine Statue einer geballten Faust aufgestellt. Sie ist Teil der Legendenbildung, wonach Khamenei im Moment des israelischen Luftangriffs die Faust ballte. Postum erreicht er damit mehr Wirkmacht, als er bei einem natürlichen Tod im Alter von 86 Jahren erreicht hätte.Der Soldat hätte sich einen Auftritt des neuen Führers Modschtaba Khamenei gewünscht, „um der Öffentlichkeit Mut zu machen und Gerüchte zu zerstreuen, wonach er nicht mehr lebt“. Aus Sicherheitsgründen sei sein Fernbleiben aber verständlich. Ein Mann aus Maschhad, der im Tourismussektor arbeitet, sieht in seiner Teilnahme an den Feierlichkeiten „eine Gelegenheit, meine Gefolgschaft gegenüber der neuen Führung zu bekräftigen“.Iran holte die Huthi-Delegation persönlich abLaut der „New York Times“ gibt es Erwägungen, dass Khamenei das Begräbnis seines Vaters am Donnerstag in Maschhad anführen könnte. Die anderen Söhne Khameneis traten am Sonntag erstmals seit Kriegsbeginn öffentlich auf. Einer ihrer Onkel sagte in einem Interview, dass er sie aus Sicherheitsgründen nicht besuchen könne. Ihr Auftritt in einer Reihe mit anderen Regimevertretern sollte ein Signal der Einheit senden. Doch mehrere Hardliner nutzten die Veranstaltung, um Irans Chefunterhändler in den Verhandlungen mit den USA als Verräter zu diffamieren.Die Iraner sind geübt darin, jedem Detail solcher Veranstaltungen Bedeutung beizumessen. Ihnen fiel auf, dass der ausgewählte Vorbeter in Qom für relativ gemäßigte Positionen bekannt ist. Abdollah Jawadi Amoli hält sich von der Politik fern. Dass die Wahl auf ihn fiel, soll wohl sicherstellen, dass die Machtkämpfe im Apparat nicht weiter angeheizt werden.Die Liste der ausländischen Gäste gab Hinweise auf die außenpolitische Lage nach dem Krieg. Saudi-Arabien und andere Golfstaaten, die Iran im Krieg angegriffen hatte, entsandten Delegationen nach Teheran, offenbar um ihren Willen zur Deeskalation zu bekunden. Iran wiederum bekräftigte sein Festhalten an der sogenannten Achse des Widerstands, indem es Abgesandte der Hizbullah und der Hamas empfing – und die Huthi-Delegation aus Sanaa sogar mit einem Flugzeug selbst abholte.