Sie hat erneut gewonnen: E. Jean Carrolls jahrelanger Kampf gegen Donald Trump landete vergangene Woche vor dem Supreme Court. Doch die Obersten Richter weigerten sich, Trumps Antrag auf Berufung zu verhandeln. Damit schuldet der Präsident der Journalistin nun 5,8 Millionen Dollar. Carroll hatte geklagt, weil Trump sie Mitte der Neunzigerjahre vergewaltigt habe und weil er nach Bekanntwerden der Vorwürfe eine Diffamierungskampagne gegen sie gestartet hatte. Ihre Geschichte erzählt die 82 Jahre alte Autorin dieser Tage in einem Dokumentarfilm von Ivy Meeropol und in ihrem neuen Buch „Not My Type“.In zwei Zivilverfahren war 2023 und 2024 festgestellt worden, dass Carrolls Vorwurf, der nicht strafrechtlich verhandelt wurde, glaubwürdig sei. Als Trump nicht aufgehört hatte, die Autorin zu beschimpfen, und sie täglich Morddrohungen seiner Anhänger erhielt, waren ihr noch einmal mehr als 83 Millionen Dollar Entschädigung zugesprochen worden. Auch die hat Carroll bislang nicht erhalten.Und während so zu den Millionen noch Millionenzinsen kommen, denkt E. Jean Carroll in ihrem Haus in den Wäldern von Upstate New York darüber nach, was sie mit dem ganzen Geld machen wird. Sie will eine Stiftung für Opfer sexualisierter Gewalt gründen, und einen Toaster werde sie wohl auch kaufen, sagt Carroll in Meeropols Film „Ask E. Jean“.Das Versprechen der FreiheitEs ist der trockene Humor einer Frau, die mindestens zwei Emanzipationsgeschichten hinter sich hat: die von einer eher konservativen ländlichen Herkunft und die von einem Feminismus, der vor allem auf individuelle Freiheit und Stärke setzte. Trumps mutmaßliche Gewalttat steht heute oft im Zentrum von Carrolls Geschichte, aber ihr Leben lässt sich auch als das einer Vorläuferin jener „Girlbosse“ erzählen, die heute mit ähnlichen Zweifeln aus ähnlichen Träumen aufwachen.Geboren 1943 in Detroit, wuchs Carroll als ältestes von vier Kindern in Fort Wayne, Indiana, auf. Ihr Vater managte ein Möbelgeschäft, die Mutter, an die sie sich als rothaarig, durchsetzungsstark und lebensfroh erinnert, war in der republikanischen Lokalpolitik aktiv. Carroll war als Teenager Cheerleader, dann Miss Indiana University und Miss Cheerleader USA. Sie wuchs in einer Welt auf, in der Weiblichkeit vor allem dekorativ und unterstützend sein sollte. Später lernte sie, diese Qualitäten für ihre eigene Freiheit einzusetzen. Die Schönheitstitel brachten ihr ein Stipendium, aber sie zeigten ihr auch, dass Öffentlichkeit für Frauen bedeutete, bewertet und sortiert zu werden. In ihrer späteren Karriere tat Carroll mit guter Laune und strahlendem Lächeln einiges, um dieses Prinzip zu stören: Statt Objekt zu sein, wollte sie bei den Männern mitspielen.Nach einer kurzen ersten Ehe in Montana erregten ihre Texte die Aufmerksamkeit von New Yorker Magazinen. Aus „Betty Jean“, wie sie wegen ihres ersten Vornamens Elizabeth als Kind genannt wurde, wurde E. Jean. Sie kam nach New York und arbeitete mit Begeisterung für die Titel der alten Hochglanzmagazinwelt: „Esquire“, „Playboy“, „New York Magazine“, später „Elle“. Diese Redaktionen waren männerdominiert und journalistisch ehrgeizig. Mit politischen wie sexuellen Themen, liberal-lässig angepackt, machte man Auflage.E. Jean Carroll als junge Frau im Film „Ask E. Jean“ von Ivy Meeropol.Falco Ink.Gonzo-Journalismus in weiblichIn New York habe sie sich an der Spitze angekommen gefühlt, sagt Carroll im Film, und noch heute setzt ihr das Reden über die Stadt und den Job diesen Glanz in die Augen. „Wissen Ihre Leser eigentlich, was ein Magazin war?“, fragt sie die Filmemacherin einmal. Einer ihrer ersten Aufträge war ein Campingtrip mit Fran Lebowitz, später schrieb sie ein Buch über Hunter S. Thompson, mit dessen Gonzo-Journalismus ihr Stil manchmal verglichen wurde. Sie habe eine angeborene Unfähigkeit, langweilig zu sein, sagte einer ihrer Kollegen.Mit Thompson sei sie durch Stripclubs und Livesexshows gezogen, erzählt sie, dann wieder habe sie sich mit lesbischen Pornoregisseurinnen an der Westküste getroffen oder sei ins Haus einer Studentenverbindung gezogen, um herauszufinden, wie wild das Leben dort wirklich war. Immer wurden daraus Magazinstücke, die nach dem Prinzip funktioniert hätten: „Ich gehe in einen Raum und lasse das Geschehen um mich herumwirbeln.“ Das Ich in der Begegnung mit neuen Umständen war oft das treibende Motiv der Geschichte. Diese Form von Journalismus hatten bisher vor allem Männer gemacht.Im Film spricht Carroll auch mit ihren 82 Jahren schnell, in diesem resoluten, etwas heiseren Ton, wenn sie von ihren Abenteuern erzählt, von der jungen Frau, die sie einmal war. Von den unterschiedlichen Phasen ihres Lebens erzählen auch Carrolls Frisuren. Brav liegen die Wellen als Cheerleader im Mittleren Westen, als junge Reporterin lacht sie stupsnasig und gewinnend unter langen blonden Locken. Ein zackig zurechtgeföhnter goldener Bob passt in den Neunzigern dann zu ihrer eigenen Fernsehsendung. Inzwischen war sie beim „Elle“-Magazin zur landesweit bekannten Ratgeberkolumnistin geworden. In ihrer Show bei NBC ermahnte sie Frauen mit strahlendem Lächeln und aufmunterndem Tätscheln, sich einfach nichts gefallen zu lassen.Feminismus mit GrenzenDas wirkte auf viele Leserinnen tatsächlich befreiend. Aber Frauenmagazine verkaufen Freiheit immer neben Diätregeln und Datingtipps. Die Leserin soll unabhängig sein, aber vor allem schön; sexuell offen, aber nicht zu sehr. Lange bevor der Begriff Girlboss populär und dann unpopulär wurde, lange bevor die Kritik schwarzer Feministinnen am weißen Selbstermächtigungsfeminismus breiter gehört wurde, lebte Carroll eine Variante des Girlbosstraums.Auch unter den Medienerfolgsmenschen der Achtziger und Neunziger galt für Frauen: Sei stärker, sei witziger, sei schwer zu verletzen und leicht zu mögen. Carroll sagte ihren ratsuchenden Zuschauerinnen immer wieder, breit lächelnd: Mach dich zur Autorin deines Lebens. Genau wie beim „Lean in“-Feminismus Jahrzehnte später konnte da, wer nicht weiß, laut, gebildet und finanziell stabil war, leicht für selbst schuld am Misserfolg erklärt werden.