Herr Präsident, Sie haben bei Ihrem Besuch am Freitag im Kanzleramt darauf hingewiesen, dass Lettland mit seinen baltischen Nachbarn sofort in einer direkten Konfrontation mit Russland stünde, sollte es einen Angriff geben. Fürchten Sie, dass Moskau bald NATO-Artikel 5 testet?Wir leben in einer Welt, in der es unverantwortlich wäre, irgendein Szenario auszuschließen, auch nicht das schlimmste. Wir müssen aber auch die Fakten betrachten, und dann würde ich sagen: Auch wenn in der Ukraine ein vollumfänglicher Krieg herrscht, ist eine direkte militärische Invasion der baltischen Staaten durch Russland gerade nicht sehr wahrscheinlich. Das kann sich aber ändern, und das kann sich auch sehr schnell ändern. Auch darüber habe ich mit meinen baltischen Kollegen und dem Bundeskanzler geredet: Wir dürfen nicht vergessen, dass es nicht nur ein Problem von Lettland, Litauen oder Estland wäre, wenn Russland bei uns Artikel 5 austestet. Es ist ein Problem der ganzen NATO. Es muss klar sein: Wenn die NATO angegriffen wird, reagiert die NATO angemessen.Ist die NATO überhaupt in der Lage, angemessen zu reagieren?Es wird besser, aber wir sind noch nicht am Ziel.Was meinen Sie?Wir beginnen endlich in der NATO, unsere Beschlüsse auch umzusetzen. Die Verteidigungsausgaben steigen, wir haben Air Policing an der NATO-Ostflanke und eine multinationale Brigade in unserem Land. Das war alles vor einigen Jahren noch nicht absehbar. Aber wir müssen uns auch mit den Defiziten befassen, das meint die Luftverteidigung, Drohnenabwehr und Elemente der hybriden Kriegsführung. Wir bauen die baltische Verteidigungslinie auf. Das braucht Zeit, erfordert Anstrengungen, und wir müssen auch berücksichtigen, dass sich die Lage ständig weiterentwickelt – was im Jahr 2023 vielleicht noch gut war, reicht 2026 nicht mehr aus.Vor einigen Jahren war aber auch kaum absehbar, wie sehr die Europäer zweifeln müssen, ob Amerika im Ernstfall an ihrer Seite steht.Wenn ich mir unsere praktische bilaterale Zusammenarbeit anschaue, läuft zwischen Lettland und den Vereinigten Staaten alles wie vereinbart weiter. Wir haben auch amerikanische Truppen im Land stationiert, die wie besprochen rotieren. Aber dann gibt es leider ernsthafte Probleme in unseren transatlantischen Beziehungen, die wir anerkennen müssen. Die Verteidigungsausgaben waren eines davon. Iran und die Straße von Hormus sind ein weiteres. Ich hoffe, dass der NATO-Gipfel in Ankara zumindest in einem gewissen Maße diese Risse kittet. Wir sind bereit, in der Straße von Hormus zu helfen. Bei den Verteidigungsausgaben haben wir das Fünfprozentziel fast erreicht. Dass nicht alle Verbündeten bereit sind umzusetzen, was wir vereinbart haben, sehe ich allerdings auch mit Besorgnis.Haben nicht alle NATO-Verbündeten verstanden, wie ernst die Situation ist?Je näher man an Russland liegt, desto besser versteht man die Herausforderungen und die Bedrohungen. Aber es muss jedem NATO-Alliierten klar sein, dass wir das hier nicht für Amerika machen, sondern für unsere europäische Sicherheit. Es gibt so viele großartige Ankündigungen, was wir in Europa alles tun müssen. Aber dann tun dafür ausgerechnet jene am wenigsten, die Amerika am deutlichsten kritisieren. Das könnte sich noch zu einer ernsthaften Herausforderung entwickeln.An wen denken Sie?Ich werde keine Länder nennen.Als Sie im Kanzleramt waren, hat der Kanzler hervorgehoben, dass Deutschland beim Fünfprozentziel der NATO die 3,5 Prozent direkt für das Militär schon 2029 erreichen wird. Der US-Präsident hat den deutschen Beitrag hingegen als lächerlich bezeichnet.Wir wissen die Länder sehr zu schätzen, die zu unserer Sicherheit beitragen. Das ist mit hohen Kosten verbunden. Die deutsche Brigade in Litauen ist ein großartiger Einsatz. Die von Kanada geführte Brigade in unserem Land ist das auch. Aber ich fürchte, wir werden diese Debatte über die Beiträge noch eine Weile führen. Leider hatten wir in der Vergangenheit schon erlebt, dass Verbündete ihre NATO-Ziele nicht eingehalten haben. Wir haben auch mit dem Bundeskanzler darüber gesprochen, dass die Botschaft des NATO-Gipfels an die Amerikaner jetzt sein muss: Wir sind auf dem Weg. Aber es geht nicht nur um Geld, es geht auch um die eigenen Fähigkeiten. Das ist der Punkt, auf den wir uns in Ankara stärker konzentrieren müssen.Sie hatten schon als Außenminister nach der Krim-Annexion stets gemahnt, dass die Lage ernst ist und es keine Rückkehr zur Normalität mit Russland gibt. Da hat man damals in Berlin nicht so genau zugehört. Hört Deutschland Ihre Mahnungen jetzt, und fühlen Sie sich ernst genommen?Auf jeden Fall in Berlin, ja. Unsere Botschafterin hat mir versichert, dass sie das täglich spürt in Deutschland – nicht nur auf höchster politischer Ebene, sondern auf allen Ebenen, sei es im Verteidigungs- oder Außenministerium oder bei Experten. Auch in Brüssel ist das der Fall und in vielen europäischen Hauptstädten. Aber empfindet die breite Öffentlichkeit in all diesen Ländern dasselbe, gerade wenn die Kosten steigen und das Geld knapp ist? Die Menschen sorgen sich um viele Dinge, nicht nur um die Sicherheit. Sie wollen, dass ihr Geld ins Gesundheitswesen investiert wird oder in die Bildung. Als Demokratien müssen wir die notwendigen Anpassungen gegen die tatsächlichen Bedrohungen mit den berechtigten Forderungen der Bevölkerung in Einklang bringen. Das ist nicht einfach.Heißt das auch, dass Sie Deutschland vertrauen, in führender Rolle für die europäische Seite zu verhandeln über ein Ende des Ukrainekrieges?Ich sehe das pragmatisch: Natürlich müssen wir Europäer am Verhandlungstisch sitzen, wenn es um Zusagen geht, die uns betreffen. Das ist auch im Interesse der Ukrainer. Wir selbst sollten uns aber vorher darauf einigen, was wir in diesen Verhandlungen erreichen wollen. Was ist das europäische Interesse? Nur um des Redens willen zu reden, ist keine Verhandlungsstrategie. Wie soll ein dauerhafter, stabiler Frieden für die Ukraine und die Sicherheit für den europäischen Kontinent aussehen, das müssen wir unter uns klären? Dann erst müssen wir diskutieren, wer für uns verhandelt. Das wird nicht leicht sein, weil es auch in der EU Staaten gibt, die trotz allem noch sehr unterschiedlich auf Russland blicken. Aber so weit sind wir doch noch nicht, und das liegt nicht an der EU – das liegt nur an Russland, das gar nicht verhandeln will.Kann also Berlin, etwa im E3-Format mit London und Paris, für Europa verhandeln?Wenn wir uns als EU auf das Verhandlungsteam einigen und es einen Mechanismus zum Informationsaustausch und zur Abstimmung der Standpunkte gibt, ist das in Ordnung. In Ordnung ist es aber nicht, wenn europäische Staats- und Regierungschefs oder EU-Vertreter versuchen, Kanäle nach Moskau zu etablieren, ohne einen Auftrag dafür erhalten zu haben.Sie haben nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ihren Umgang mit russischsprachigen Bürgern im eigenen Land verschärft. Haben Sie Erkenntnisse, dass diese Bürger eine Rolle spielen für die hybriden Angriffe Russlands?So würde ich das nicht sagen. Aber unsere Sicherheitsdienste haben in den vergangenen Jahren wegen Sabotage und Spionage zahlreiche Menschen festgenommen, darunter waren russische Staatsbürger, aber auch Menschen mit lettischem Pass. Tatsächlich nimmt die Spionage immer mehr zu. Wir sehen aber noch etwas anderes in der russischen Minderheit. Es gibt jene, die die Ukraine stark unterstützen. Es gibt aber auch jene, die offen Putin unterstützen und ein ganz anderes Verständnis davon haben, was gerade passiert. Ich möchte nicht verallgemeinern, aber natürlich erreichen die Russen mit ihren Desinformationskampagnen manche Menschen leichter als andere.Und Sie machen sich keine Sorgen, dass dieser Umgang mit Minderheiten Moskau einen Vorwand liefern könnte?Moskau kann sich jederzeit jeden beliebigen Vorwand ausdenken für einen Angriff. In der Ukraine hat sich doch gezeigt, dass die Russen sich alles Mögliche ausdenken können, um einen Krieg zu rechtfertigen. Unser Problem, unsere größte Herausforderung besteht darin, klarzustellen: Wenn ihr etwas tut, werdet ihr mit einer angemessenen Reaktion rechnen müssen.