Sie waren die Zweiten. Die Namen der Ersten waren um die Welt gegangen, als historische Beispiele für den Drang des Menschen, die Welt und ihre Extreme zu ergründen. Edmund Hillary und Tenzing Norgay, ein Neuseeländer und ein Nepalese, hatten am 29. März 1953 als erste Menschen den höchsten Punkt der Welt erreicht, den Gipfel des Mount Everest (8848 Meter). Drei Jahre lang hatte danach niemand mehr diesen Punkt betreten, ehe dann, vor 70 Jahren, zwei Schweizer dort ankamen: Ernst Schmied und Jürg Marmet. Namen, die heute kaum jemand kennt. Weil sie die Zweiten waren. Auch wenn es „probably the world's most satisfying second place“ war, wie das amerikanische Magazin „Life“ damals schrieb: der wahrscheinlich befriedigendste zweite Platz der Welt.Es fehlte nicht viel, und die Schweizer wären auch die Ersten gewesen. Am 28. Mai 1952 waren der Genfer Raymond Lambert und Tenzing Norgay am Everest schon bis auf gut 8600 Meter vorgestoßen, ehe sie wegen schlechten Wetters und Ermüdung umkehren mussten. Ihre Erkenntnisse ebneten der britischen Expedition im Jahr darauf den Weg zum Gipfel. Vier Jahre später kamen die Schweizer wieder mit einer eigenen Expedition an den Everest – und waren diesmal doppelt und dreifach erfolgreich. Neben der zweiten und dritten Besteigung des höchsten Bergs der Welt setzten sie eine eigene alpinhistorische Wegmarke: Am 18. Mai 1956 standen Fritz Luchsinger und Ernst Reiss als erste Menschen auf dem 8516 Meter Lhotse, dem Nachbarberg des Everest und vierthöchsten Gipfel der Welt.Auf dem Lhotse waren sie die Ersten: Mithilfe von Sherpas gelang Schmied und Marmet die Besteigung des Everest-Nachbarn 1956.Fotoarchiv SSAF/Jürg Marmet/AS VerlagDas nun erschienene Buch „Everest-Lhotse“ eröffnet einen faszinierenden Blick auf diese Expedition. Mit den erhaltenen Tagebüchern der Bergsteiger entführen die Autoren Christine Kopp, Françoise Funk-Salami, Hans Rudolf Keusen und Daniel Anker in eine Ära, in der es ganz wenigen vorbehalten war, die Hochgebirgslandschaft des Himalaja zu erkunden. Die Schweizer schon mitgezählt, waren es damals nur sechs Menschen, die jemals auf dem Gipfel des Mount Everest standen – heute sind es 800 und mehr in einer Saison.In den Aufzeichnungen schildern die Bergsteiger ihre Gedanken und Gefühle beim wochenlangen Anmarsch („das Schönste der ganzen Expedition“), die überwältigenden ersten Blicke auf die hohen Berge („ein Panorama wie ein Märchen“), die schrittweise Annäherung ans große Abenteuer – während Gipfelaspiranten nun per Flugzeug und Hubschrauber einschweben. Sie beschreiben, wie Krankheiten die Gipfelträume zu beenden drohten, interne Auseinandersetzungen der Gruppe zusetzten, Zeitzwänge und Erfolgsdruck Abenteuerlust und Bergbegeisterung zuweilen erdrückten.Überwältigende Blicke: Im Buch schildern die Bergsteiger ihre Gefühle beim Anblick der Berge.Fotoarchiv SSAF/Jürg Marmet/AS VerlagDie prachtvollen Fotos, oft unter beträchtlichem Aufwand entstanden, erschließen eine Welt, die damals vielen fremd war – und die heute, in Zeiten von Lounges mit Flachbildfernsehern im Basislager und Live-Videos vom Gipfel, wieder fremd geworden ist: der rustikale Zustieg, die schlichte Ausrüstung, die menschenleere Hochgebirgslandschaft, die einsamen Grate und Gipfel. Die Fotos sind Fenster in eine Vergangenheit, die erahnen lassen, wie phantastisch, wie überwältigend die Erlebnisse auf die Schweizer Bergsteiger gewirkt haben müssen. Das wird auch in den Tagebüchern spürbar: „Im Lager V fühlen wir uns bereits wie Fliegen, die an einer Fensterscheibe kleben“, schreibt Jürg Marmet.Nur eines ist bis heute geblieben: das Unverständnis darüber, was Menschen dazu treibt, Kosten, Gefahren und Quälereien auf sich zu nehmen, nur um auf einen Berg zu steigen. Nach den Feiern zu ihren Gipfelerfolgen notiert Marmet: „Wir wurden auch gefragt, warum wir überhaupt ‚so etwas‘ unternommen hätten, worauf wir jeweils selbst die Frage zu stellen pflegten, ob unser Gesprächspartner Tennis spiele, ob er fischen gehe oder ob er Marken sammle und warum er dies mache. Diese Gegenfrage wurde meist nur mit einem verlegenen Räuspern quittiert, und nur selten antwortete jemand: ‚Weil ich Freude daran finde.‘“Hans Rudolf Keusen, Daniel Anker, Françoise Funk-Salami, Christine Kopp: „Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956“. AS Verlag, 48 Euro.