Die USA haben Quantencomputer zum nächsten Technologiesegment ausgerufen, das sie als strategisch erachten und daher auch mit staatlichem Engagement stärker fördern als bisher wollen: Dafür hat US-Präsident Donald Trump in der vergangenen Woche gleich zwei Dekrete veröffentlicht.Das erste Trump-typische „Executive Order“ beschreibt unter der Überschrift „Die nächste Ära der Quanteninnovationen einläuten“ diverse staatliche Maßnahmen, um die amerikanische Szene beim Quantum-Computing zu stärken. Zentrale Maßgabe: Verschiedene amerikanische Bundesbehörden sollen gemeinsam mit Start-ups und Forschern an einem Quantencomputer arbeiten. Das Ziel ist es, bis zum Jahr 2028 einen Quantenrechner bereitzustellen, der über ausreichend Leistung für Forschungsarbeiten verfügt.Der zweite Trump-Erlass mit dem Titel „Absicherung der Nation gegen hochentwickelte kryptografische Angriffe“ weist Behörden und Sicherheitsexperten an, IT-Systeme und Verschlüsselungssoftware auf die neuen Herausforderungen beim Quantum Computing vorzubereiten. Dadurch sollen Sicherheitssysteme spätestens bis zum Jahr 2031 so ausgestaltet sein, dass sie auch von quantenbasierten Hackerangriffen nicht überwunden werden können.Planqc Warum sich aktuell der Wettbewerb für Deutschlands Tech-Hoffnung verschärft Die großen US-Techkonzerne setzen voll auf Quanten-Computing. Ausgerechnet für den deutschen Vorreiter Planqc wird die Luft jetzt dünn. von Michael KrokerVerpasst Deutschland den Anschluss beim nächsten Zukunftsthema?Beide Trump-Dekrete haben auch Auswirkungen auf die hiesige Quantencomputing-Szene: Bisher galt Deutschland in diesem Feld mit Vorzeige-Start-ups wie IQM, Planqc, EleQtron & Co. noch als konkurrenzfähig. Durch die massive Förderung seitens der amerikanischen Behörden und Forschungseinrichtungen ist nun zu befürchten, dass der hiesige Standort nach Feldern wie Halbleiter und zuletzt vor allem Künstlicher Intelligenz (KI) auch beim nächsten Zukunftsthema den Anschluss verpasst.Quantencomputer nutzen Phänomene der Quantenphysik, um mathematische Operationen durchzuführen: Während herkömmliche Computer auf Bits mit den Zuständen 1 und 0 basieren, arbeiten Quantencomputer mit sogenannten Qubits, die auch Mischzustände einnehmen können. Durch quantenmechanische Überlagerungen können sie komplexe Berechnungen wie etwa KI-Training oder pharmazeutische Simulationen um Größenordnungen schneller als siliziumbasierte Supercomputer berechnen. Bis zum endgültigen Durchbruch von Quantenrechnern müssen jedoch noch einige technologische Hürden überwunden werden, etwa eine möglichst hohe Zahl stabiler und parallel arbeitender Qubits.Genau das will Trump mit staatlichem Rückenwind nun vorantreiben. Das bewerten die wichtigsten Protagonisten der deutschen Szene im Quanten-Computing ganz genauso: „Die USA werden hier denselben Weg gehen wie bei Chips und KI: Sie werden versuchen, die Schlüsseltechnologien, Plattformen und Wertschöpfung unter amerikanischer Kontrolle zu bündeln“, sagt Alexander Glätzle, Mitgründer und CEO des Münchner Quanten-Start-ups Planqc. „Wenn Deutschland und Europa jetzt nicht entschlossen reagieren, laufen wir erneut in eine strukturelle Abhängigkeit.“Quanten-Computing als strategische SchlüsseltechnologieÄhnlich die Bewertung beim Rivalen EleQtron aus Siegen: „Die neuen US‑Initiativen zeigen, wie ernst die USA Quanten-Computing inzwischen als strategische Schlüsseltechnologie nehmen“, kommentiert CEO Jan Henrik Leisse. „Der Staat formuliert klare Ziele, baut Nachfrage auf, adressiert Lieferketten und verknüpft Quanten-Computing direkt mit Cybersecurity und nationaler Wettbewerbsfähigkeit.“Quanten-Computing Neutralatome oder Ionen – Wer gewinnt die zweite Welle der Quantenrevolution? Die deutschen Start-ups Planqc und EleQtron setzen bei Quantenprozessoren auf einen gegensätzlichen, aber verwandten Ansatz. Können sie mit den US-Rivalen mithalten? von Michael KrokerPlanqc und EleQtron sind deutsche Vorreiter der sogenannten zweiten Welle der Quantenrevolution: In der ersten Welle bauten vor allem US-Konzerne wie IBM und Google, aber auch der finnisch-deutsche Rivale IQM, der gerade einen US-Börsengang durchgezogen hat, Quantencomputer auf Basis von Supraleitern. Hier müssen die Qubits unter anderem aufwendig gekühlt und stabilisiert werden.Die deutschen Newcomer Planqc und EleQtron umgehen die damit verbundenen technischen Schwierigkeiten mit einem gegensätzlichen, aber verwandten Ansatz: Die Münchner verwenden neutrale Atome, die durch gekreuzte Laser in einem Gitternetz gehalten werden. Der Rivale aus Siegen setzt auf Ionen, also geladene Atome, die in einem elektromagnetischen Feld in sogenannten Ionenfallen gehalten werden.Hohe Finanzierung auch in Deutschland möglich – nochKurzfristig sehen die beiden Start-ups keinen Anlass, ihre eigene Strategie zu ändern: „Das müssen wir nicht, weil wir genau auf dieses Szenario vorbereitet sind“, sagt Planqc-Chef Glätzle. „Spätestens seit große US-Akteure Neutralatome als relevante Plattform in den Blick nehmen, ist klar, dass hier ein internationales Rennen entsteht.“ Tatsächlich haben sich erst kürzlich Microsoft und Google weg von Supraleitung hin in Richtung Neutralatome orientiert und sich mit den US-Start-ups Atom Computing und Quera verbündet. „Unsere Antwort ist deshalb nicht Aktionismus, sondern Beschleunigung“, sagt Glätzle, zumal er für sein Unternehmen einen wichtigen strategischen Vorteil sieht: „Wir sind eines der wenigen Quantenunternehmen mit einer souveränen europäischen Lieferkette.“Quanten-Computing Deutsches Quanten-Start-up erhält Rekordsumme Das Quantencomputing-Start-up EleQtron sichert sich eine der größten Finanzierungen überhaupt. Deutschland wird zunehmend zum Zentrum dieser zentralen Zukunftstechnologie. von Michael KrokerJan Henrik Leisse hat angesichts des Trump-Vorstoßes eine sehr konkrete Forderung an die Politik: „Europa braucht eine ambitioniertere Quantum‑Agenda mit langfristigen, ausreichend großen Programmen für Hardware, Anwendungen und industrielle Skalierung“, so der EleQtron-CEO. Noch wichtiger ist in seinen Augen eine aktivere Rolle des Staates, so wie es eben jetzt die USA vormachen: „Der Staat muss stärker als Ankerkunde auftreten. Gerade bei Deep‑Tech‑Technologien reicht es nicht, nur zu fördern“, sagt Leisse.Abhängigkeit beim Quanten-Computing wäre noch gefährlicherÄhnlich lautet der Appell des Planqc-Gründers: „Deutschland und Europa müssen Quantencomputer jetzt noch stärker beschaffen und zur industriellen Nutzung bringen“, sagt Alexander Glätzle. „Sonst wiederholt sich das, was wir bei KI bereits sehen: Die stärksten Modelle, Plattformen und Rechenzugänge liegen nicht in Europa, und damit werden Regeln, Preise, Sicherheitsbedingungen und industrielle Abhängigkeiten anderswo definiert.“Dies wäre in seinen Augen beim Quanten-Computing noch gefährlicher, weil es um Rechenleistung für Pharma, Materialentwicklung, Industrieoptimierung, Sicherheit und Verteidigung geht. Die Details erläutert Glätzle anhand der Pharmaindustrie, in der Deutschland traditionell stark sei: „Wenn die entscheidende Rechenleistung für Medikamentenentwicklung und Molekülsimulation künftig außerhalb Deutschlands liegt, wandert nicht nur IT ab“, so Glätzle, „sondern Wertschöpfung, IP und strategischer Vorteil in Milliardenhöhe.“Start-up Quantencomputing-Gründung IQM geht an die Börse Das finnisch-deutsche Unternehmen IQM plant sein Börsendebüt und wird mit fast zwei Milliarden Dollar bewertet. Was sich die Gründer von ihrer Technologie versprechen. von Andreas MennAm wenigsten Sorgen über den Trump-Vorstoß macht man sich bei dem deutsch-finnischen Start-up IQM: „Die USA sind ein Schlüsselmarkt für uns“, sagt IQM-CEO und Mitgründer Jan Goetz. „Mit unserer Lieferung an die Oak Ridge National Labs haben wir gezeigt, dass wir wettbewerbsfähige Produkte im Markt haben.“ Der von IQM gelieferte Quantenrechner namens Pathfinder hat Mitte Juni seinen Betrieb am Forschungslabor des US-Energieministeriums aufgenommen. „Wir haben weltweit mehr Quantencomputer für den Betrieb vor Ort verkauft als jeder andere Hersteller“, so Goetz. „Mit dieser nachgewiesenen Erfolgsbilanz bei der Lieferung produktionsreifer Quantensysteme an Kunden auf mehreren Kontinenten sind wir gut positioniert, um zu konkurrieren.“Erstes börsennotiertes Quantenunternehmen aus EuropaAuch bei der Finanzierung muss sich das Unternehmen keine großen Sorgen mehr machen: Am Donnerstag dieser Woche ist IQM mit einem sogenannten Spac-Börsengang durch Verschmelzung mit einer bisher leeren Börsenhülle an die Börse gegangen, der das Start-up mit knapp einer Milliarde Dollar bewertet. Mit dem Abschluss der Transaktion hat sich das Unternehmen rund 200 Millionen Dollar in die eigenen Kassen gespült. „Wir sind nun das erste börsennotierte Quantenunternehmen aus Europa“, sagt Goetz zur WirtschaftsWoche, „und werden als IQMX an der Nasdaq in New York und in Helsinki gehandelt.“Ohne staatliches Gegensteuern könnten die Vereinigten Staaten mittelfristig auch für viele andere deutsche Quanten-Start-ups zum Sehnsuchtsort avancieren – so wie es das Land für manche junge Unternehmen heute schon ist: „Wir arbeiten gerade an einer Finanzierungsrunde. Dabei schauen wir natürlich auch in die USA, wo die Investitionsbereitschaft in Deep Tech viel höher ist“, sagt Frank Schlichting, Chef von SaxonQ. Das Dresdner Start-up arbeitet an Quantenrechnern mit Qubits in Form von Fehlstellen im Kristallgitter von Diamanten.Die Anfrage der WirtschaftsWoche erreicht Schlichting kurz nach der Trump-Ankündigung auf einer Messe für Quantentechnologien in Boston. „Hier erlebe ich direkt, welche Dynamik gerade entsteht“, so Schlichting. „Gemeinsam mit unseren Forschungspartnern fordern wir immer wieder, dass sich die Regierung in Deutschland und Europa stärker engagieren muss, um den Anschluss bei Quantentechnologien nicht zu verpassen.“Die Zeit dafür wird nach den Trump-Dekreten nicht eben länger.