PfadnavigationHomeGeschichteKielce 1946Wie es in Polen zu einem neuen Pogrom kam – an Holocaust-ÜberlebendenVon Antonia KleikampStand: 07:07 UhrLesedauer: 6 MinutenBeisetzung einiger der Opfer des Pogroms von Kielce vier Tage nach den ÜbergriffenQuelle: picture alliance/AP Images/UncreditedEin Gerücht löste Anfang Juli 1946 heftige antisemitische Exzesse in der polnischen Stadt Kielce aus – mit mindestens 42 Toten. Hintergrund war der Kampf um die Macht im Staat zwischen Kommunisten und Antikommunisten.Die Welt erfuhr schnell von dem Verbrechen. Schon am 5. Juli 1946, nur einen Tag nach den Exzessen, berichteten mehrere internationale Nachrichtenagenturen. Die „Neue Zürcher Zeitung“, die – anders als die wegen Papiermangels im unter den Siegermächten aufgeteilten besetzten Deutschland – weiterhin unter der Woche mit drei Ausgaben täglich erschien, druckte im Abendblatt dieses Freitags eine Depesche der United Press ab: „Am Donnerstagmittag drang in Kielce eine bewaffnete Terroristenbande in ein jüdisches Mietshaus ein und versuchte später, das jüdische Gemeindehaus zu überfallen.“ Die Zeitung „L’Impartial“ aus La Chaux-de-Fonds stützte sich auf die Agence France-Presse und informierte ihre Leser: „Bei einem Pogromversuch, der am Donnerstag in Kielce, 150 Kilometer südlich von Warschau, ausbrach, wurden sieben Menschen getötet. Diese Zahl ist offiziell, doch es wird befürchtet, dass sie in Wirklichkeit höher liegt und die Zahl von zwanzig übersteigt.“Ausgerechnet in Polen, dem mit mindestens 5,65 Millionen Opfern, also 17,2 Prozent der Bevölkerung vor dem 1. September 1939, am schlimmsten vom Krieg getroffenen Land, hatten antisemitische Ausschreitungen neue Tote gefordert. Mehr als die Hälfte der polnischen Weltkriegsopfer, rund drei Millionen, waren jüdisch gewesen – und nur 14 Monate nach der Kapitulation des Dritten Reiches kam es wieder zu brutalen Exzessen. Am 30. Juni 1946 fand in Polen eine Volksabstimmung statt, unter anderem über die Auflösung des Senats, die Verstaatlichung von Privateigentum und die Sicherung der neuen Westgrenze. Das Referendum galt allgemein als Test für den tatsächlichen Rückhalt der regierenden polnischen Kommunisten. Vertreter der Opposition wie der antikommunistischen Polnischen Bauernpartei waren ohne wirklichen Grund festgenommen, kritische Zeitungen verboten und der Wahlkampf der politischen Konkurrenz war durch Schläger der Geheimpolizei gestört worden. Tatsächlich stimmten laut einer Untersuchung aus dem Jahr 1993 knapp drei Viertel der Wähler gegen die Auflösung des Senats, 58 Prozent gegen Verstaatlichung und 33 Prozent gegen die vorgeschlagene Grenzsicherung. Veröffentlicht wurde aber ein ganz anderes „Ergebnis“: 68 Prozent für die Auflösung des Senats, 77 Prozent für Verstaatlichungen und sogar 91 Prozent für die Grenzregelung. Die Fälschung war offensichtlich. Lesen Sie auchEntsprechend aufgeheizt war die Stimmung in weiten Teilen Polens. In dieser Situation lief am 1. Juli 1946 der achtjährige Henryk Błaszczyk aus Kielce von zu Hause fort. Am Abend meldeten ihn seine Eltern bei der Polizei als vermisst; zwei Tage später kehrte der Junge zurück. Lesen Sie auchNoch am selben Abend erschien sein Vater Walenty Błaszczyk erneut auf der Wache und behauptete, sein Sohn sei „von Juden entführt“ worden, habe ihnen aber entkommen können. Wie er darauf kam, blieb unklar; möglicherweise hatte der Junge die Geschichte erzählt, um nicht als Ausreißer bestraft zu werden. Am folgenden Morgen gingen Vater und Sohn gemeinsam Richtung Polizei, und als sie am Haus der jüdischen Gemeinde in der Planty-Straße 7 vorbeikamen, gab der Junge zu verstehen, dort sei er im Keller gefangen gehalten worden. Doch das Haus hatte gar kein Untergeschoss, denn wegen eines nahen Flusses war der Grund zu nass dafür. Ungeachtet dessen begann sich das Gerücht von der angeblichen Entführung zu verbreiten. Einwohner begannen, Steine auf das Gemeindehaus zu werfen.Die Polizei verschaffte sich Zugang zu dem Gebäude, in dem etwa 180 Juden, meist Überlebende des Holocaust, lebten. Sie holten die Bewohner heraus – und überließen sie der Menge vor dem Haus. Der Vorsitzende des Jüdischen Komitees wurde durch einen Schuss in den Rücken getötet, als er telefonisch um Hilfe bat.Obwohl mehrere hochrangige Offiziere in der Nähe waren, schritt niemand ein; mehr als 20 Juden wurden ermordet. Am frühen Nachmittag breitete sich die Pogromstimmung auf die Stadt aus: Gruppen von Einwohnern zogen auf der Suche nach Juden durch die Straßen. Entlang der Bahnstrecke griff die Gewalt über die Stadtgrenzen hinaus um sich. Der Bahnhof wurde für an- und durchreisende Juden zur Falle: Mehrere starben, bevor das Militär die Station sichern konnte. Lesen Sie auchVon den mindestens 42 Opfern in Kielce starb ein Dutzend an Schusswunden. Ihre Leichname wurden nackt, aller Habseligkeiten und Kleider beraubt, in die Leichenhalle des Krankenhauses eingeliefert. 15 von ihnen konnten nicht identifiziert werden.Obwohl die Exzesse tagsüber und vor aller Augen stattfanden, griff stundenlang niemand wirksam ein. Polizeibeamte baten das Militär um Hilfe, doch dessen Offiziere weigerten sich, den Mob mit Gewalt zu bändigen. Der kommunistische Parteisekretär in Kielce lehnte es ab, sich an die Menge zu wenden, ebenso Priester, die sich vor Ort ein Bild machten. Der Verwaltungschef der Region Kielce lag nach einem Motorradunfall handlungsunfähig im Bett.Lesen Sie auchAm 5. Juli traf Jitzhak Zuckerman in Kielce ein, der letzte Kommandant des Aufstandes im Warschauer Getto im Frühjahr 1943. Er sorgte dafür, dass die überlebenden Juden so bald wie möglich aus der Stadt gebracht wurden. Das Gemeindehaus in der Planty-Straße wurde aufgegeben.Unabhängig davon führte ein Militärgericht in Kielce vom 9. bis zum 11. Juli 1946 ein Schnellverfahren gegen zwölf Täter, die mehr oder weniger zufällig ausgewählt worden waren. Neun der Beschuldigten wurden zum Tode verurteilt und am nächsten Tag hingerichtet. Damit wollten die kommunistisch dominierten Behörden Handlungsfähigkeit und Stärke beweisen. Kardinal August Hlond, als Primas von Polen das nominelle Oberhaupt des polnischen Episkopats, veröffentlichte am 11. Juli eine Bekanntmachung, derzufolge die katholische Kirche alle Morde ablehne und er es bedaure, dass Juden bei bewaffneten Konflikten in Polen ums Leben gekommen waren. Allerdings teilte er außerdem mit, dass Juden führende Positionen im Staatsapparat innehätten und sich nicht dagegen sträubten, ein kommunistisches Regime durchzusetzen, das von der Mehrheit des Volkes abgelehnt werde. „Diese Argumentation hatte ihre Wurzeln in Stereotypen über den jüdischen Bolschewismus, der als Klammer für den Vorkriegsantisemitismus fungiert hatte und von den Kanzeln polnischer Kirchen aus weit verbreitet worden war“, urteilt der amerikanische Historiker Jan T. Gross. Zwar gab es unter den polnischen Kommunisten tatsächlich einige mit jüdischen Wurzeln, doch sie hatten – wie alle Marxisten-Leninisten atheistisch gesinnt – diese Tradition längst abgelegt. Kardinal Hlonds Mitteilung übertraf noch eine Geheimnote, die der Bischof von Kielce, Czesław Kaczmarek, Anfang September 1946 dem US-Botschafter in Polen, Arthur Bliss-Lane, überreichte. „Gewisse jüdisch-kommunistische Milieus haben in Kooperation mit dem von ihnen kontrollierten Sicherheitsdienst das Pogrom herbeigeführt“, hieß es darin, „damit es später als Beweis dafür herausposaunt werden konnte, dass Juden in ihr eigenes Land auswandern sollten, als Beweis, dass in der polnischen Gesellschaft Antisemitismus und Faschismus vorherrschen, und als Beweis, dass die Kirche, der die Mörder angehörten, reaktionär ist.“ Der Versuch der polnischen Kommunisten, die Täter als typische „Reaktionäre“ hinzustellen, misslang. Im ganzen Land gab es Arbeiterversammlungen und vereinzelt Streiks: Das Pogrom von Kielce war kein Ereignis, das sich für die Festigung ihrer Macht nutzen ließ. Neuere, erst nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen mögliche Studien zeigten anhand zuvor unzugänglicher Militärunterlagen, Dokumente aus den russischen Staatsarchiven und Akten der polnischen Sicherheitspolizei, wie es zu den Ausschreitungen gekommen war. Das Pogrom von Kielce war, wie es die polnische Historikerin Bożena Szaynok schon 1992 ausdrückte, eine Episode im kollektiven „Handeln gewöhnlicher Leute an einem gewöhnlichen Tag in einer gewöhnlichen Regionalhauptstadt“.Zahlreiche Juden, für die Polen nur eine Zwischenstation auf ihrem Weg in den Westen darstellte, verließen das Land verängstigt durch das Pogrom umgehend – bis September 1946 etwa 60000 Juden. Viele gelangten zunächst in Lager für Displaced Persons in der US-Besatzungszone Deutschlands und dann weiter nach Palästina, ab 1948 nach Israel. In Kielce wurde 1947 eine Gedenktafel auf dem jüdischen Friedhof aufgestellt, doch zur umfassenden Erforschung kam es erst in den 1990er- und 2000er-Jahren.
Kielce 1946: Wie es in Polen zu einem neuen Pogrom kam – an Holocaust-Überlebenden - WELT
Ein Gerücht löste Anfang Juli 1946 heftige antisemitische Exzesse in der polnischen Stadt Kielce aus – mit mindestens 42 Toten. Hintergrund war der Kampf um die Macht im Staat zwischen Kommunisten und Antikommunisten.








