KommentarWie kleidet man sich altersgerecht? Und: Muss man das überhaupt?Ausser dem orthopädischen Schuh und dem Stützstrumpf gibt es kaum noch textile Merkmale des Alters. Ist das eine Befreiung vom Modediktat? Oder eher eine Unterwerfung unter den Jugendkult?05.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Fuss unterscheiden sich die Generationen: Das Gehen auf Sandalen mit Absätzen wird im Alter schwieriger.Edward Berthelot / GettyMeine Kinder haben keine schmutzige Wäsche dabei, wenn sie mich besuchen, sie nehmen aber regelmässig Kleider mit, wenn sie wieder gehen. Statt der Waschküche ist der Schrank der emotionale Umschlagplatz unserer wöchentlichen Wiedersehen. Natürlich ist das nur meine Sichtweise auf die Realität. Fragt man meine Töchter, reisen sie selbstverständlich an, weil sie die Gespräche mit und das Essen von der Mutter vermissen. Dass sie bei dieser Gelegenheit mit der Zielsicherheit von Trüffelschweinen auf die Neuanschaffungen oder Vintage-Funde in meinem Schrank zusteuern, ist in ihren Augen nur den schmalen studentischen Budgets und dem ökologischen Imperativ der Kreislaufwirtschaft geschuldet.Interessanter als das Interesse meiner Töchter am Inhalt meines Schrankes ist meine Bereitschaft, sie darin wildern zu lassen. Was habe ich davon?, fragte ich mich nach dem letzten Besuch, bei dem ich mich nach langem Zögern von meiner Lederjacke, der Erinnerung an die wunderbare Zeit im New York der neunziger Jahre, verabschiedet habe. Nur leihweise, versteht sich. Aber mit den Rückgabeterminen nimmt es die Jungmannschaft meist nicht so genau.Bin ich den Müttern, die ihren Söhnen und Töchtern bis weit über die Volljährigkeit die Wäsche waschen, ähnlicher, als mir lieb ist? Schliesslich leiste auch ich ein textiles Pfand, eine Dienstleistung an der Körperhülle, also einen Akt der Fürsorge, der Wärme und Schutz symbolisiert.Die Soziologie nennt das Phänomen, bei dem Textilien informell zwischen den Generationen zirkulieren, die «poröse Hülle» («porous sheath»). Kleidung, so eine Studie der University of Birmingham, diene eigentlich der Abgrenzung des Ichs. Wenn Mutter und Tochter jedoch beginnen, sich aus demselben Schrank zu bedienen, findet ein «self-blending» statt – eine Art Vermischung der Identitäten.Dient mein offener Kleiderschrank also einem Akt des unbewussten Vampirismus? Tanzt mit der Lederjacke ein Teil von mir durch die Klubs von Zürich-West? Oder ist der Kleidertausch nur der Beweis dafür, dass ich mich nicht ins textile Altenteil abschieben lassen will?Tatsächlich formieren sich in unserer individualisierten Gesellschaft soziale Gruppen – zumindest äusserlich – nicht mehr entlang von Schichten, Berufs- oder Alterskohorten, sondern bilden sich durch die Wahl von Optionen. Oder anders gesagt: Die Zeiten, in denen man Grossmütter und Grossväter an Kleidung und Habitus erkennen konnte, sind vorbei. Ausser dem orthopädischen Schuh und dem Stützstrumpf gibt es kaum noch textile Merkmale des Alters. Das ist nicht nur dem Jugendkult geschuldet, sondern auch der Demografie. Wenn heute siebzigjährige Frauen und Männer in Paris für High-Fashion-Brands modeln, dann nicht als Signal gegen Altersdiskriminierung, sondern weil in dieser Generation das Geld sitzt. Die Modeindustrie verkauft keine Jugendlichkeit mehr; sie vermarktet das kaufkräftige Altern.Das macht Abgrenzung schwierig. Tatsächlich waren die Punks zu Beginn der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts die letzte Jugendkultur, die den Älteren modisch den Stinkefinger ins Gesicht streckte. Seither trägt Jung und Alt mehr oder weniger dasselbe. Ästhetisch ist der Generationenkonflikt tot.Den Jungen bleibt da bloss die Parodie. Dass nach dem Trend der «coastal grandma» gerade der «posh grandpa» zum Modecharakter avanciert, ist kein Zufall. Weite Bundfaltenhosen oder oversized Lederjacken über einem geknöpften Langarm-Shirt, mit sehr viel ironischer Distanz als Accessoire, sind gerade hip. Genauso wie graublonde Strähnen im Haar, das Stricken von Socken und das Einkochen von selbst geernteten Früchten und Beeren.Wenn radikale Abgrenzung nicht mehr möglich ist, so sinniere ich, bleibt nur der Rückzug ins Einmachglas. Mit Handarbeit und Hausmitteln sucht die Generation Z nicht nur Abstand von der digitalen Welt, sie distanziert sich auch von den Eltern. Wenigstens dieses Feld überlassen wir ihnen bereitwillig. Die Abkehr davon war schliesslich unsere Form der Rebellion gegen traditionelle Geschlechterrollen. Und strickende Boomer-Männer gibt es nicht.Im Kleiderschrank besteht unser Aufstand bis heute vorab daraus, an Lieblingsstücken festzuhalten: Nackte Oberarme sind für Frauen jenseits der fünfzig so wenig tabu wie der Bikini oder die kurze Hose. Auch der «freche Kurzhaarschnitt», wie er gern genannt wurde, gehört nicht länger zur Menopause. Man kann das als Befreiung von gesellschaftlichen Diktaten lesen oder als Unterwerfung unter den Jugendkult. Beides ist wohl wahr.So sehr, dass heute niemand mehr sagen kann, wie altersgerechte Kleidung überhaupt aussehen könnte? Bauchfrei gehört nicht dazu, darauf kann man sich noch einigen. Vielleicht auch darauf, dass ein Rock, der knapp unter dem Po endet, tatsächlich der Jugend vorbehalten sein sollte.Und da ist noch der Schuh. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass das Ablaufdatum der Leihgabe einiger schöner Paare längst überschritten ist. Ohne dass ich sie vermisst hätte. Zierliche Sandalen mit Absatz, Pumps oder hohe Stiefel markieren vielleicht die letzte textile Grenze zwischen den Generationen. Ganz einfach deshalb, weil die Verweigerung des Alterns beim aufrechten Gang auf Zehenspitzen wahnsinnig schwierig wird. Beim Bewegungsapparat hört der Jugendkult auf.Nicole Althaus ist Autorin und Kolumnistin bei der «NZZ am Sonntag».Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Befreiung oder Jugendwahn? Was Kleidung über uns verrät
Ausser dem orthopädischen Schuh und dem Stützstrumpf gibt es kaum noch textile Merkmale des Alters. Ist das eine Befreiung vom Modediktat? Oder eher eine Unterwerfung unter den Jugendkult?








