Mit Jubiläumsmodellen wie der Tremblage feiert Grossmann 2026 ausgesprochen aufwendige Handwerkstechniken. Foto: PRBei aufwendigen mechanischen Uhren aus Glashütte denken Sammler heute vor allem an zwei Namen: A. Lange & Söhne und Glashütte Original. Die Aushängeschilder des deutschen Uhrenbaus gehören aber längst Schweizer Konzernen: Lange ist seit 2000 Teil von Richemont, im selben Jahr übernahm die Swatch Group Glashütte.Im Deutschen Uhrenmuseum macht eine Ausstellung auf eine dritte wichtige Uhrenmarke aufmerksam. Ihr Gründer und Namensgeber Moritz Grossmann wurde vor 200 Jahren in Dresden geboren. Ferdinand Adolph Lange überzeugte den begnadeten Uhrmacher einst, eine eigene Werkstatt zu gründen. 1878 schrieb er mit Gründung der Deutschen Uhrmacherschule Geschichte. Er starb früh, das Unternehmen wurde 1885 aufgelöst.Das wesentliche Erbe Grossmanns für den Standort Glashütte liegt auch nicht allein im Produkt, sondern in der Professionalisierung der Ausbildung und der Einführung technischer Standards.Die Ausstellung „Grossmann 200“ läuft noch bis Mai 2027 in Glashütte. Foto: PREr transformierte die Uhrmacherei von einem reinen Erfahrungsberuf in eine wissenschaftlich fundierte Disziplin. Durch Grossmann wurde das metrische System in der Uhrmacherei eingeführt, was einen signifikanten Wettbewerbsvorteil für Uhren aus Glashütte darstellte. Dass diese Uhren damals genauer liefen als die der Schweizer Konkurrenz, war damit nicht mehr länger eine bloße Behauptung, sondern wurde durch ihn zu einem gemessenen Beweis. So entwickelte und produzierte er außerdem präzise Messinstrumente wie Mikrometer und das Zehntelmaß.2008 schlug die Stunde der gelernten Uhrmacherin und Managerin Christine Hutter, die sich die Namensrechte sicherte und das gleichnamige Unternehmen gründete. Als einzige Frau in den Glashütter Führungsetagen setzt sie auf Eigensinn. „Wir denken um die Ecke“, sagt sie. Was erst in Fernost gut ankam, lockt inzwischen immer mehr Sammler sogenannter Independent Brands an, also kleiner, von Uhrmachern gegründeter marken.Gelernte Uhrmacherin ist Hutter ebenfalls und entwickelt besonders gerne ungewöhnliche Mechanismen, also genau das, was Fans besonderer Uhren abseits bekannter Brands lieben: So führte sie 2019 das Automatikkaliber namens Hamatic ein, das Uhren nicht über einen Rotor, sondern über eine hammerförmige Pendelschwungmasse aufzieht. Das Modell Universalzeit mit Weltkarte verfügt über sechs digitale Zeitfenster auf dem Zifferblatt.Viele Details der inhouse entwickelten Uhrwerke übernehmen Besonderheiten historischer Taschenuhren von Grossmann: Zum Beispiel die von Moritz Grossmann miterfundene Regulierschraube. Foto: PRDie Verarbeitung ist auf Top-Level und muss sich nicht hinter ganz großen Namen wie Patek Philippe und Lange & Söhne verstecken: Weiße Saphirlagersteine lagern in erhabenen Chatons, von Hand braun-violett angelassene Schrauben halten die Bauteile zusammen. In nur 18 Jahren wurden 15 eigene Uhrwerke entwickelt und die Manufaktur hält 12 Patente, darunter eines für ein fliegend gelagertes Drei-Minuten-Tourbillon.Erhabene Schönheit als oberstes PrinzipViele Gestaltungsprinzipien stammen aus alten Taschenuhren: Man verwendet gestufte Unruhkloben (das Bauteil, an dem die Unruh mit der Spiralfeder befestigt ist). Und man setzt sich mit Blick auf eine eigenständige Ästhetik auch über lokale Gepflogenheiten hinweg: Statt der üblichen Glashütter Dreiviertel- baut Grossmann auf eine selbstkonstruierte und handverzierte Zweidrittelplatine. Eine von Moriz Grossmann miterfundene Regulierschraube übernimmt die Feinregulierung.Über 90 Prozent des Uhrwerks entstehen vor Ort, darunter handgefertigte Zeiger und Zifferblätter, veredelt mit historischen Techniken wie der Tremblage-Gravur. Erhabene Schönheit ist das oberste Prinzip.Mit der Gründung der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte 1878 schafft Grossmann eine zentrale Ausbildungsstätte und setzt landesweit Maßstäbe. Foto: PRDie Preise sind so anspruchsvoll wie die Fertigung: Ab 30.000 Euro kostet eine Grossmann, beim 240.000 Euro-Tourbillon stoppt ein menschliches Haar den Mechanismus, die Kundschaft schickt schon mal eigenes Haar ein, ansonsten wird das der Firmen-Neu-Gründerin verwendet. Aber es gibt Grenzen, weiß die Managerin: „Tierhaare erfüllen technisch nicht die notwendigen Voraussetzungen.“Die 400 im Jubiläumsjahr entstehenden Uhren sind natürlich Peanuts im Vergleich zu den geschätzten 5000 von A. Lange & Söhne und 15.000 von Glashütte Original. Dabei will man lieber klein und fein bleiben. Die Managerin sagt: „Unser langfristiges Ziel ist die Herstellung von 800 bis 1000 Uhren pro Jahr.“ Unter den sogenannten Independent Brands würde sie damit schon zu den Großen gehören. Über 70 Mitarbeiter arbeiten vor Ort, wichtigster Markt ist immer noch Asien, vor allem Japaner schätzen die kompromisslose Qualität bis ins letzte Detail: In Tokio befindet sich daher auch die einzige Grossmann-Boutique der Welt.Die gelernte Uhrmacherin Christine Hutter kommt aus Bayern und gründete 2008 die Grossmann Uhren GmbH. Foto: PRRegelmäßig tauchen inzwischen Modelle auf Auktionen auf. Dass „nie unter Wert zugeschlagen“ wurde, wie Hutter betont, ist ein wichtiger Test, den junge Manufakturen selten bestehen. Dass ihr Unternehmen es schafft, spreche dafür, dass man sich etabliert habe. Ganz ohne Schweizer Support geht es dennoch nicht: Die Holding hinter Grossmann befindet sich in Privatbesitz deutscher und schweizer Investoren.Die Sonderausstellung des Deutschen Uhrenmuseums in Glashütte geht noch bis Mai 2027 unter dem Titel Grossmann 200. Zu Recht wird damit einem der vier Gründerväter der Glashütter Uhrenindustrie diese Ehre zuteil. So ausführlich wie noch nie wird darin die Person Moritz Grossmann in den Fokus gerückt und gezeigt, dass er weit mehr war als ein begnadeter Uhrmacher, sondern sich auch gesellschaftlich engagierte, von der Gründung der freiwilligen Feuerwehr vor Ort bis zum Turnverein. Er war im Stadtrat von Glashütte und zeitweise Landtagsabgeordneter in Dresden.Vom 2013 eröffeneten Firmengebäude blicken die Uhrmacher durch die vielen Fenster direkt auf das gegenüberliegende Uhrenmuseum, in dem sich die Grossmann-Ausstellung befindet. Foto: PRWie groß sein Ansehen auch Jahrzehnte nach seinem Tod noch ist, zeigt ein charmantes Detail: Im Herzen der Uhrenstadt sollte ihm ein aufwendiges Denkmal gesetzt werden. Zum Bau kam es kriegsbedingt nie. Dessen Entwürfe und sogar ein ausführliches Werkverzeichnis werden in der neuen Ausstellung nun erstmals öffentlich gezeigt.Als Frau Hutter bei der Jubiläumsansprache erzählt, wie sie gegen alle Widerstände mit einem Briefkasten „an der alten Originaladresse“ 2008 anfing, kommen ihr die Tränen. Denn zur Wahrheit gehört auch: Anfänglich haben auch viele Fachjournalisten nach den Erfolgen von Nomos, A. Lange & Söhne und Glashütte Original nicht an ein weiteres deutsches Uhrenwunder aus Glashütte geglaubt. Doch sie und ihre Mitstreiter blieben Grossmanns Vision treu bei der „Konstruktion einer einfachen, aber mechanisch vollkommenen Uhr“. Das ist dem Team gelungen und sollte jedem Fan feiner Mechanik große Lust machen, sich die vielleicht derzeit coolste Independent Brand aus Glashütte einmal genauer anzusehen. Das 2013 errichtete, weiß strahlende Firmengebäude richtet seinen Blick direkt aufs Deutsche Uhrenmuseum. Moritz Grossmann wäre stolz gewesen, dass sein Erbe so authentisch in die Gegenwart getragen wird.Lesen Sie hier alle Artikel der UhrenWoche und weitere spannende Geschichten rund um die Trends der Uhrenbranche.
Grossmann Uhren GmbH: Ist diese deutsche Manufaktur die coolste Independent Brand aus Glashütte?
Grossmann, nie gehört? Der gleichnamige Uhrmacher gründete 1878 in Glashütte die Deutsche Uhrmacherschule. Eine Unternehmerin belebt die Marke wieder. Eine Kolumne.






