Was kann Theater heute sein? In der 80. Spielzeit des Festival d’Avignon knüpft Direktor Tiago Rodrigues mit Fragen an die demokratischen Gründer-Utopien an.

Mehr Gegenwart als Avignon gibt es nicht, weil sie sich hier gegen eine übermächtige Vergangenheit behaupten muss: Diese scheinbar paradoxe Formel macht den Zauber des Festivals von Avignon aus, das am 4. Juli beginnt. Es ist ein riesiges Bühnenkunstfestival, vielleicht das größte der Welt. Aber in Wirklichkeit ist es viel mehr: „Avignon ist der Ort in der Welt, an dem Theater zu sich kommt“, sagt Tiago Rodrigues der taz.

Der portugiesische Regisseur und weltweit gespielte Dramatiker leitet das Festival seit 2022. Seine Euphorie ist ungebrochen: Avignon, mit seinen 94.000 Einwohner*innen nicht gerade eine Metropole, verwandle sich in den gut drei Wochen in „eine sehr greifbare Utopie“, sagt er im Telefoninterview: „Alle sind da, gemeinsam an einem mythischen Ort wie dem Ehrenhof – und voller Liebe“.

Das rauschhafte Erlebnis Avignon hat viel damit zu tun, dass sich das Festival und das vor 60 Jahren aus einer Gegenveranstaltung hervorgegangene Off-Festival für Besucher*innen zu einer dionysischen Überdosis verbinden: Das Off bietet eine unbeherrschbare Masse szenischer Arbeiten. Das Festival aber schafft atemberaubende Augenblicke, die bleiben.