Es gibt diese Orte in München, die sich an bestimmten Tagen verwandeln. Der Königsplatz ist so einer. An normalen Sonntagen liegt er da wie eine gut gelaunte, ein wenig selbstzufriedene Freilichtgalerie, flankiert von Propyläen und Glyptothek, erhaben, beinahe weltfremd, auch ein bisschen bräsig, und man fragt sich unwillkürlich, ob hier wirklich irgendjemand einfach mal einen Purzelbaum schlagen darf. Am 5. Juli darf man das. Und noch einiges mehr.Zum 15. Mal verwandelt das Sportfestival der Landeshauptstadt den Königsplatz in eine Spielwiese im besten, also im wörtlichen Sinne. Von 10 bis 18 Uhr stehen rund 80 Sportangebote bereit, kostenlos, ohne Anmeldung, ohne eigene Ausrüstung, ohne jenen dezenten Leistungsdruck, der sonst so manches Freizeitvergnügen in seiner Entfaltung hemmt. Wer möchte, kann klettern. Wer lieber Pickleball, Trampolin, Streetsoccer oder Kopfball-Tischtennis ausprobieren will: nur zu! Oder doch lieber Mittelalterkampf, was immer das im Einzelnen bedeuten mag und wie auch immer man sich danach wohlfühlt. Man kann auch ein Skimboard ausprobieren (Tipp aus dem Vorjahr: Wer seine Jungs nicht in Unterhosen ins Wasser schicken mag, packt vorab die Badehosen ein) oder sich in den Ninja-Mitmach-Parcours wagen, der seit Jahren zu den begehrtesten Stationen des Festivals gehört. Oder man schaut bei all dem einfach zu. Auch das ist erlaubt. Und auch das wird gut.Historisch gerüsteter Vollkontakt-Kampfsport: der Mittelalterkampf. Robert HaasRund 40 000 Besucher kamen im vergangenen Jahr. Klingt nach Volksfest, fühlt sich aber eher nach einem großen, gut organisierten Familientreffen an, bei dem man zufällig auch noch Sport machen kann. Mehr als 50 Münchner Sportvereine und Partner sind dabei. Oberbürgermeister Dominik Krause übernimmt um 12 Uhr die Eröffnung auf der Bühne, gemeinsam mit den Olympionikinnen, die in diesem Jahr als Botschafterinnen des Festivals fungieren. Man darf davon ausgehen, dass dabei die richtigen Worte fallen. Worte über Mut und Anfänge und die überraschende Tatsache, dass auch Weltmeisterinnen irgendwann zum ersten Mal auf einem Skateboard gestanden haben.Von denen gibt es nämlich eine konkrete Geschichte zu erzählen. Verena Bentele, zwölffache Paralympics-Siegerin im Biathlon und Langlauf, hat sie mitgebracht: Anja Rolfes kam vor zehn Jahren zum Sportfestival, probierte zum ersten Mal Crossminton aus, fand Gefallen daran, machte weiter, trainierte eifrig – und wurde im vergangenen Jahr Weltmeisterin im Doppel. Das sind diese Geschichten, die man sich eigentlich nicht ausdenken kann, weil sie einfach zu rund klingen. Aber: Sie stimmt halt einfach. Bentele erzählt sie nicht als Legende, sondern als Argument. Das Festival, so die Botschaft, ist mehr als ein schöner Sonntag mit Unterhaltungscharakter. Es kann ein Anfang sein. Manchmal sogar ein entscheidender.Bentele, die heuer als Keynote-Speakerin auftritt, gehört zu fünf prominenten Botschafterinnen, die das Festival in diesem Jahr begleiten. Da ist Christina Hering, zweifache Olympiateilnehmerin über 800 Meter und inzwischen Geschäftsführerin der LG Stadtwerke München, die mit ihrem Verein selbst einen Stand betreibt und weiß, wie viel Freude die Leichtathletik bereithält, wenn man ihr eine Chance gibt. Da ist Natalie Geisenberger, sechsfache Olympiasiegerin im Rennrodeln, gebürtige Münchnerin und Mutter zweier kleiner Kinder, die inzwischen selbst dabei zusieht, wie der Nachwuchs mit Neugier und ohne Erwartungsdruck alles ausprobiert: Skifahren, Radfahren, das Leben im Allgemeinen. Und da sind Dajana Eitberger und Magdalena Matschina, beide Olympiasiegerinnen 2026 im Rennrodeln, beide überzeugt davon, dass jede große sportliche Karriere mit einem kleinen, unspektakulären ersten Schritt beginnt.Als Botschafterin mit dabei: die Münchnerin Natalie Geisenberger, sechsfache Olympiasiegerin im Rennrodeln (hier 2022 in Peking). Robert MichaelEitberger plant übrigens, nach ihrer aktiven Karriere als Schwimmlehrerin zu arbeiten – weil sie selbst bemerkt hat, wie schwierig es geworden ist, überhaupt einen Schwimmkurs zu bekommen. Das ist keine große Geste, sondern eine sehr konkrete. Und es passt zum Geist dieses Festivals: Man muss nicht alles groß denken, um etwas zu bewegen. Matschina wiederum erinnert sich noch an das Kribbeln vor ihrem ersten Training, an das Scheitern, das Wiederaufstehen und das Gefühl, dazuzugehören. Sportliche Karrieren, das zeigen diese fünf Geschichten, beginnen selten mit einem Masterplan. Meistens beginnen sie damit, dass man irgendwo hingeht und einfach mal schaut, was passiert.Was es dieses Jahr außerdem zu sehen gibt: den Minga Warrior. Der Ninja-Wettkampf erscheint in neuem Gewand, mit neuem Wettkampfmodus und einem Parcours, der die Zuschauer glauben macht, man hätte das früher auch gekonnt, wenn man nur gewollt hätte. Wer tatsächlich mitmachen will, kann sich für einen der letzten freien Plätze anmelden – das Kontingent ist begrenzt, die Nachfrage hoch. Ebenfalls am Start: der Trickline Worldcup, bei dem internationale Slackliner auf der schmalen Line Dinge tun, die mit dem Gleichgewichtssinn normaler Menschen grundsätzlich unvereinbar sind. Wer sich davon inspirieren lässt, kann in der Slackline-Erlebniswelt seine eigenen ersten, vermutlich weniger eleganten Versuche unternehmen. Workshops sind buchbar.Beim Ninja-Event „Minga Warrior“ tun internationale Slackliner auf der schmalen Line Dinge, die mit dem Gleichgewichtssinn normaler Menschen eher unvereinbar sind. Robert HaasZwei Premieren runden das Programm ab. Erstmals bietet Cardisio einen kostenlosen Herz-Check an: eine Cardisiografie mit KI-Auswertung zur Früherkennung eventueller Herzerkrankungen, gerade auch für sportlich aktive Menschen, bei denen die Neigung besteht, körperliche Warnsignale zu ignorieren. Die Termine sind begrenzt; wer sichergehen will, bucht ab 1. Juli, 19 Uhr, online unter cardiocheckup.health/muenchen. Ein kleines Kontingent wird zusätzlich vor Ort für Kurzentschlossene bereitgehalten. Und dann gibt es, ebenfalls zum ersten Mal, einen kostenlosen Rollstuhl- und Rollator-Check des Mobilitätsreferats, ohne Anmeldung, direkt vor Ort. Bremsen, Reifen, Fußbretter – und bei Bedarf wird gleich nachjustiert. Anlass ist der Disability Pride Month, den die Stadt München im Juli begeht. Ein kleines Angebot mit einer klaren Botschaft: Dieses Fest ist für alle.15 Jahre Sportfestival. Man könnte meinen, da schleicht sich Routine ein, das übliche Gefühl, eine gute Sache gut gemacht zu haben und nun einfach weiterzumachen. Aber wer mal dabei war und gesehen hat, wie jemand zum ersten Mal auf einem Slackboard steht, wie Kinder die Kletterwand hochklettern, als wäre das immer schon ihr Lieblingshobby gewesen, wie Erwachsene sich trauen, etwas Neues auszuprobieren, ohne sofort gut darin sein zu müssen, der weiß, dass sich Routine hier nicht einschleichen kann. Dafür passiert zu viel. Dafür fangen zu viele Menschen etwas an.Sportfestival am Königsplatz, 5. Juli, 10 bis 18 Uhr, sportfestival.de, Eintritt frei
Münchner Sportfestival: Alles bewegt sich
Von Pickleball über Kopfball-Tischtennis bis zum Mittelalterkampf: Am 5. Juli 2026 können Kinder und Erwachsene mehr als 80 Sportarten ausprobieren und Wettkämpfe wie den Minga Warrior bestaunen.






