Auf den Bahn-Strecken Augsburg–München, München–Nürnberg, München–Kitzingen kann man in diesen derbe-heißen Tagen einiges über den so gerne diskutierten Zustand des Landes lernen. Neben der offensichtlichen Geschichte, dass Regionalzüge unangenehm warm werden können und gruselig schlecht klimatisiert sind, zum Beispiel, dass sich Menschen bei Temperaturen bis an die 40 Grad sehr unterschiedlich gegen die Hitze verteidigen. Manche mit Fächern, manche mit nassen Haaren, manche mit dieser stillen deutschen Leidensfähigkeit, die irgendwo zwischen Sitzplatzreservierung und Kreislaufkollaps erfunden wurde.Und dann gibt es eine kleine, eine recht neue Gattung im öffentlichen Nahverkehr, über die man einmal reden muss: Menschen mit Ventilatoren am Handy. Mini-Propeller, die man in die Ladebuchse steckt, weil das Smartphone neben dem üblichen Tagesgeschäft wie Nachrichten senden, Kontostände anzeigen, Beziehungen verwalten oder Weltlage erklären, offenkundig noch nicht genug zu tun hat.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Man kann darüber leicht spöttisch werden. Vielleicht auch zu Unrecht. Denn natürlich ist nicht der Mann mit dem Handyventilator das Problem, der im überhitzten Regionalzug versucht, irgendwie bis Nürnberg durchzukommen, ohne sich vorher zu verflüssigen.Trotzdem bleibt dieser kleine Propeller natürlich ein perfektes Ragebait-Objekt, ein Wut-Köder. Da hat eine Zivilisation jahrzehntelang Kohle, Öl und Gas verfeuert und nebenbei die Sommer in eine Art feuchte Vorhölle verwandelt. Und jetzt sitzen wir im Regionalzug und lassen uns vom Handy anpusten. Das darf man eigentlich nur kategorisch ablehnen. Alleine aus ästhetischen Gründen, weil dieses Ding so aussieht wie die offizielle Kapitulationserklärung einer Gesellschaft, die jedes Problem erst dann ernst nimmt, wenn es als Zubehör erhältlich ist.Optimisten würden darin vielleicht noch eine sehr deutsche Lösung sehen: Die Klimaanlage im Zug funktioniert nicht, also bringt jeder seine eigene mit. Föderalismus der Frischluft, oder so.Ja und bringt’s was? Geht. Der Luftzug ist winzig. Dafür aber die Pointe riesig. Denn letztlich ist dieser Ventilator eine sehr ehrliche Erfindung des ach so heiligen Fortschritts. Früher, da wedelte man sich mit einer Zeitung Luft zu. Das war ökologisch auch kein Triumph, muss an der Stelle der Fairness wegen mal zum Ausdruck gebracht werden. Heute, da schaut man halt pragmatisch auf den Sachverhalt und steckt dem einen Energieverbraucher einen weiteren Energieverbraucher an, um dem zu hohen Energieverbrauch etwas entgegenzusetzen.In sehr freien Fachkreisen könnte man das Geo-Engineering nennen. Großes Geo-Engineering will den Planeten kühlen. Kleines Geo-Engineering sorgt dafür, dass einem im Regionalzug zwischen München und Nürnberg zumindest die Stirn kurz Hoffnung macht. Herzlichen Glückwunsch jedenfalls. Immerhin ist die Apokalypse jetzt für alle USB-C-kompatibel und standardisiert. Danke, EU-Binnenmarkt.
Hitzewelle in der Bahn: Der Apokalypse mit Handy-Ventilatoren trotzen
Die Klimaanlage im Zug funktioniert nicht? Dann bringt jeder seine eigene mit. Über hausgemachte Probleme und ihre - sehr deutschen - Lösungen.










