Bruno Barbey / MagnumEndlich Ferien, endlich Zeit zum Lesen. Mit diesen Sachbüchern wird der Sommer spannend. Ob es um Elon Musk, Konrad Adenauer oder die Geschichte eines Containerschiffs geht.NZZ-Feuilletonredaktion04.07.2026, 05.30 Uhr14 Leseminuten«Der Teufelspakt»von Sebastian HaffnerOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.rib. · Die Geschichte, die er erzählen werde, sei aufregender als jeder Roman, so beginnt Sebastian Haffner sein Buch. Von Schicksal, Liebe und Hass ist die Rede, von einer «tödlich-intimen» Verstrickung. Das klingt, als gehe es um eine unglückliche Liebe. Tatsächlich erzählt Haffner die deutsch-russischen Beziehungen als Folie à deux. Als Abfolge von Widersprüchen, Kalkül, Intrigen, Fehleinschätzungen und Selbstbetrug. Am Anfang steht die Russische Revolution. Im April 1917 reist Lenin aus dem Zürcher Exil nach St. Petersburg. Mitten im Krieg, quer durch Europa. In einem plombierten Eisenbahnwagen. Das Deutsche Kaiserreich ermöglicht die Reise, um die bolschewistische Revolution zu begünstigen und den Kriegsgegner Russland auszuschalten. Russland wiederum unterstützt die deutsche Revolution von 1918. Später arbeiten die russische und die deutsche Armee zusammen, Hitler und Stalin schliessen einen Pakt, der 1941 gebrochen wird. Hitler will Russland vernichten. Die Rote Armee besetzt Deutschland. Deutschland wird geteilt. Adenauer lässt sich auf Stalins Angebot zur Wiedervereinigung nicht ein. Haffner, nicht nur ein scharfsinniger Historiker, sondern auch ein Schriftsteller von Rang, schrieb den Text 1968. Er liest sich noch heute mit Gewinn. Am Ende steht der Bau der Berliner Mauer. Dass das nicht das letzte Kapitel der Geschichte ist, war dem Autor bewusst. Wie sie enden würde, wagte er allerdings nicht zu sagen: ob in friedlicher Ruhe oder «in Vernichtung und Strahlenasche».Sebastian Haffner: Der Teufelspakt. Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Hanser-Verlag, München 2026. 224 S., Fr. 37.90.«Zwei Menschen sind in mir»von Andrea StollJdl. · Gestorben ist Ingeborg Bachmann 1973 nach einem Brandunfall in Rom, ihr Leben aber scheint seither unaufhörlich weiterzugehen. Das Bild, das man sich von der österreichischen Schriftstellerin macht, ändert sich mit jeder neuen Publikation aus dem Nachlass. Bisher unbekannte Briefe, Dokumente oder Notizen sind eine Fundgrube für die Forschung, und so verwundert es auch nicht, dass zum diesjährigen hundertsten Geburtstag Bachmanns eine Unzahl neuer biografischer Studien erscheint. Die präziseste und zugleich stoffreichste Lebensbeschreibung stammt von der Literaturwissenschafterin Andrea Stoll. Mit ruhiger Hand wird eine durch viele private Erschütterungen gezeichnete Existenz beleuchtet, die symbolhaft gleich für mehrere Emanzipationsversuche steht. Ingeborg Bachmann, aufgewachsen während NS-Zeit und Krieg, muss die Vergangenheit hinter sich lassen. Als Frau behauptet sie sich im männlich dominierten Kulturbetrieb und erlebt in privaten Beziehungen ihre grössten Enttäuschungen. Andrea Stoll beschreibt die Bachmannschen Lebensstationen, ohne zu verklären. Die Vita der Dichterin war von übergrosser Liebe, von Armut, Krankheit und Zweifel geprägt. Und von einer niemals nachlassenden Hoffnung: dass sich für all das eine Sprache finden lässt. Die Sprache der Literatur.Andrea Stoll: Zwei Menschen sind in mir. Ingeborg Bachmann. Die Biografie. Piper-Verlag, München 2026. 480 S., Fr. 38.90.«Amerikas Demokratie»von Manfred Bergtri. · Am 4. Juli jährt sich die Erklärung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten zum 250. Mal. Das hat naturgemäss zu einer Flut neuer oder neu aufgelegter Publikationen zur amerikanischen Revolution und zu ihren welthistorischen Folgen geführt. Wer ein luzides Überblickswerk sucht, ist bei Manfred Berg richtig. Der in Heidelberg lehrende Historiker schrieb aufsehenerregende Bücher über die Bürgerrechtsbewegung, die Lynchjustiz oder die Spaltung des Landes seit den 1950er Jahren. Nun nimmt er das Grossjubiläum zum «Anlass für eine kritische Bilanz», von der kolonialen Selbstregierung bis zu Donald Trump, der «kein Betriebsunfall der amerikanischen Geschichte» sei. Berg zeigt, wie widersprüchlich der Triumphzug von Freiheit und Demokratie war, wie viel Gewalt im feierlich beschworenen «American exceptionalism» steckte. Auch «schmutzige Tricks» gehörten «zur politischen Auseinandersetzung wie der Truthahn zum Erntedankfest». Gerade in Zeiten, in denen der Blick über den Atlantik keine Verheissung mehr ist, sondern Verunsicherung auslöst, bietet das Buch Orientierung. Und Zuversicht statt Untergangsrhetorik: «Die Demokratie mag ihrem Wesen nach instabil und krisenanfällig sein, aber sie hat sich im Verlauf ihrer Geschichte als ziemlich widerstandsfähig erwiesen.»Manfred Berg: Amerikas Demokratie. Eine kurze Geschichte von der Unabhängigkeit bis Donald Trump. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2026. 240 S., Fr. 38.90.«Muskismus»von Quinn Slobodian und Ben Tarnoffrb. · Er wurde kürzlich zum ersten Dollar-Billionär der Weltgeschichte. Vor allem aber soll Elon Musk dabei sein, unsere Gesellschaft und das politische System grundlegend zu verändern. Für die Strategie und die Ideologie dahinter haben der kanadische Historiker Quinn Slobodian und der Technologieexperte Ben Tarnoff den Begriff «Muskismus» geschaffen, angelehnt an den «Fordismus», der Anfang des letzten Jahrhunderts die industrielle Revolution vorantrieb. Musk sei nicht als Einzelphänomen zu verstehen, so die Autoren, er sei bloss ein Symptom für die Eruption, die die unregulierten Kräfte des Silicon Valley losgetreten hätten. Interessant ist das Buch vor allem dann, wenn es um die Biografie und den Aufstieg Elon Musks geht. Auch die Schilderungen seiner von Science-Fiction inspirierten Visionen sind erhellend. Musk schwebt eine neuronale Verschmelzung von Mensch und Maschine vor und die Kolonisierung des Mars. Wenn die Autoren dies mit Politik verbinden, wird es etwas simpel: Alles ist irgendwie Teil einer rechten Verschwörung. Immerhin lernt man dadurch nicht nur vieles über Musk und andere Tech-Giganten, sondern unfreiwillig auch einiges über die linke Kritik daran.Quinn Slobodian / Ben Tarnoff: Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 281 S., Fr. 34.90.«Dreihundert Männer»von Konstantin Richterrib. · Siemens, Bayer, Deutsche Bank. VW, Thyssen, Allianz. Bis in die neunziger Jahre war «Deutschland AG» ein gängiger Begriff. Er beschrieb das Netzwerk aus Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen, das die deutsche Wirtschaft seit dem Ende des 19. Jahrhunderts beherrschte. Ein Netzwerk, das von aussen tatsächlich wie ein einziger riesiger Konzern erscheinen konnte. Die «Deutschland AG» funktionierte zum einen über wechselseitige Beteiligungen. Banken, die Kredite vergaben, waren im Verwaltungsrat der Firmen vertreten, die die Kredite bekamen, Manager der grossen Unternehmen sassen im Aufsichtsrat der Banken, und alle hielten gegenseitig Aktienpakete. Genauso wichtig wie die wirtschaftlichen waren die persönlichen Verflechtungen. «Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents», schrieb Walther Rathenau 1909. Er war damals im Aufsichtsrat von AEG und wusste, wovon er sprach. Konstantin Richter zeigt, wie das Geflecht funktionierte. Und zwar ganz konkret, indem er die Geschichte der Unternehmen mit dem Alltag der Bankenchefs und Industriekapitäne zu einer dichten Erzählung verwebt. Richters Buch «Dreihundert Männer», das mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2026 ausgezeichnet wurde, erzählt grosse Geschichte in kleinen Szenen: Man hört mit, wie die Brüder Mannesmann in Marokko über die Zukunft der deutschen Industrie nachdenken, schlendert mit Werner Siemens durch den Berliner Tiergarten und ist dabei, als drei Herren 1879 die Münchner Rück gründen. Minuziös recherchiert und packend erzählt, entsteht so eine faszinierende Wirtschaftsgeschichte Deutschlands vom Kaiserreich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.Konstantin Richter: Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2025. 543 S., Fr. 44.90.«Aufgeben»von Adam Phillipsbgs. · Wer scheitert, hat keine Kontrolle über das, was ihm passiert, es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich sein Versagen einzugestehen: Der Versuch, das Fussballspiel zu gewinnen, ist missglückt. Beim Aufgeben hingegen ist man aktiv: Wenn man etwas aufgebe, tue man dies fast immer «im Dienst von etwas, das als besser erachtet wird», schreibt der britische Psychoanalytiker Adam Phillips. Aufgeben sei im Kern ein Tauschgeschäft mit der Zukunft: Man gibt der Gesundheit zuliebe das Rauchen auf oder ändert eine politische Ansicht. Dabei verliert man etwas, um etwas anderes zu gewinnen. Was für ein spielerischer Denker Phillips ist, zeigt er mit seiner Vorliebe für das Paradoxon: «Wir geben Dinge auf, wenn wir glauben, uns ändern zu können; wir geben auf, wenn wir glauben, nicht dazu fähig zu sein.» Verzweiflung begleitet das Aufgeben, genauso gut kann darin aber ein neuer Anfang liegen: Man erlangt so die Freiheit, das Leben anders zu gestalten. Phillips ist ein brillanter Essayist, der einmal mehr eine alltägliche menschliche Erfahrung von allen Seiten beleuchtet, analytisch durchdringt und dabei Gewissheiten infrage stellt. So schreibt kein Therapeut, sondern einer, der zu Erkenntnis verhelfen will.Adam Phillips: Aufgeben. Über die Freiheit, loszulassen. Aus dem Englischen von Elisabeth Vorspohl. Psychosozial-Verlag, Giessen 2026. 187 S., Fr. 38.90.«Einmal, zweimal, keinmal»von Fritz «Breithaupt»rib. · Erfahrungen prägen unser Leben, sagt Fritz Breithaupt. Das klingt so selbstverständlich wie belanglos. Aber was sind Erfahrungen eigentlich? Wie laufen sie ab? Und wie können wir aus ihnen lernen? Im neuen Buch «Einmal, zweimal, keinmal» widmet sich der deutsche Germanist und Kognitionswissenschafter einem Phänomen, über das man Bescheid zu wissen glaubt. Und zeigt: Ganz so einfach ist es nicht. Im Gegenteil. Zunächst einmal besteht der Alltag nämlich nicht aus Erfahrungen. Sondern aus Erlebnissen, die uns zustossen. Viele zufällig, manche geplant. Die meisten vergessen wir, andere behalten wir im Gedächtnis. Einige werden lebensbestimmend, andere verblassen mit der Zeit. Aber warum? Zur Erfahrung werde ein Erlebnis durch Wiederholung, sagt Breithaupt. Wenn wir etwas zum ersten Mal täten, präge sich das zwar ein. Aber nur als das erste Mal. Wie dieses erste Mal war, können wir nicht sagen. Weil wir es noch gar nicht wissen. Breithaupt hat es empirisch untersucht: Die Beschreibungen, die Menschen von ihrem ersten Kuss, der ersten Papaya oder dem ersten Fallschirmsprung geben, sind schematisch, unpersönlich. Um zur Erfahrung zu werden, muss ein Erlebnis eingeordnet werden. Und das geht nur, wenn eine Perspektive da ist: ein zweites Erlebnis. Breithaupt entwickelt seine zum Teil überraschenden Thesen auf unterhaltsame Weise mit konkreten Beispielen und gibt eine Vorstellung davon, was es bedeutet, wenn der Mensch als Erfahrungswesen bezeichnet wird.Fritz Breithaupt: Einmal, zweimal, keinmal. Wie wir Erfahrungen machen. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 280 S., Fr. 38.90.«Konrad Adenauer»von Norbert Freitri. · Keiner hat die Bundesrepublik Deutschland stärker geprägt als Konrad Adenauer: der noch in der Kaiserzeit sozialisierte Katholik, der in der Weimarer Republik Oberbürgermeister Kölns war, dann von den Nazis aus dem Amt entfernt wurde und schliesslich nach dem Krieg, bereits 73-jährig, als Gründungskanzler die Deutschen wieder zur Demokratie führte. «Die politische Tätigkeit, die ich habe auf mich nehmen müssen, weil schlechthin kein anderer da war, ist sehr aufreibend, körperlich anstrengend und sehr undankbar. Ich suche ihr zu entgehen, sobald ich es irgendwie verantworten kann», klagte Adenauer einmal – und blieb dann doch vierzehn Jahre der Patron im Palais Schaumburg in Bonn. Anlässlich seines 150. Geburtstags sind nun mehrere Studien erschienen. Besonders gelungen ist jene des Zeithistorikers Norbert Frei, der auf den «Kanzler nach der Katastrophe» fokussiert. Geschrieben ist sie «aus der Perspektive der Gegenwart», um mit einem «frischen Blick» zu verstehen, «wie wir seit 1949 wurden, was wir sind». Auf nur 300 Seiten gelingt Frei eine konzise, von Sympathie getragene Darstellung dieses ausserordentlichen Staatsmanns «mit Zug ins Autoritäre». Politik war für Adenauer primär Führung, nicht Kompromissfindung. Beharrlich steuerte er die Bundesrepublik ins westliche Bündnis und gab damit der Freiheit den Vorzug gegenüber der deutschen Einheit. Frei würdigt auch die Aussöhnung mit Frankreich, das Engagement für Europa und die Annäherung an Israel. Kritisch sieht er das «kalkulierte Beschweigen» der Nazi-Verbrechen. Nur wenig und vage sprach Adenauer über Taten und Täter. Sein Credo: «Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat.»Norbert Frei: Konrad Adenauer. Kanzler nach der Katastrophe. Biographie. C. H. Beck, München 2025. 317 S., Fr. 41.90.«Beliebige Fracht»von Ian Kumekawarib. · Es wurde um 1980 in einer schwedischen Werft gebaut, und wenn man es genau nimmt, ist es gar kein Schiff. Sondern ein Ponton. Es schwimmt, aber einen Motor hat es nicht, es wird geschleppt. Damit man es brauchen kann, muss man es mit Containern bestücken. Dann allerdings kann man es für sehr vieles brauchen, und da setzt die Geschichte an, die Ian Kumekawa in seinem Buch erzählt. Während der Corona-Pandemie erfuhr der amerikanische Wirtschaftshistoriker von einem Gefängnisschiff, das in den neunziger Jahren in New York vor Anker lag. Er ging seiner Geschichte nach und rekonstruierte die Stationen, die es im Lauf der Jahrzehnte durchlaufen hat. Als Truppenunterkunft für Soldaten im Falklandkrieg, als Quartier für Arbeiter auf einem Bohrturm in Nigeria, als Wohnheim für VW-Angestellte in Emden und als Gefängnis im East River. Kumekawa gelingt es, anhand des Schiffs die Geschichte der politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen der vergangenen fünf Jahrzehnte zu erzählen. Es wird um die ganze Welt geschickt, Eigentümer gehen in Konkurs, Firmen verspekulieren sich, Pläne scheitern. Dutzendfach wechselt es Besitzer und Namen und fährt unter verschiedensten Flaggen. Ölboom, Privatisierung, Deregulierung der Finanzmärkte und die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer: Ian Kumekawa macht die Entwicklungen der Wirtschaft in einer modernen Seefahrergeschichte greifbar.Ian Kumekawa: Beliebige Fracht. Die Geschichte der globalen Wirtschaft, erzählt anhand eines Schiffs. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Kunstmann. Harper Collins 2026. 384 S., Fr. 36.90.«In den Tag»von Christoph Ribbattri. · Natürlich, wenn Menschen nachts nicht ins Koma gefallen oder gestorben sind, wachen sie eben auf. Doch was passiert da mit unseren Körpern – und wie steht man richtig auf? Der Amerikanist Christoph Ribbat hat eine kurze Kulturgeschichte des Aufwachens vorgelegt, fabelhaft formuliert und anekdotenreich. Man erfährt, wie Mönche im Mittelalter den Weckvorgang rationalisieren und das Leben aller radikal verändern. Statt Tageslicht oder Hahnenschreie reisst nun das Glockengeläut aus dem Schlaf. Im Industriezeitalter ziehen frühmorgens menschliche Wecker durch die Städte, klopfen gegen Bezahlung an die Türen: Die Schichtarbeit ruft. Etwas später präsentiert die deutsche Firma Junghans bereits Wecker mit Namen wie «Krawall», «Radau» oder «Terror» (mit zwei Glocken statt einer). 1956 kommt in den USA schliesslich das erste Modell mit Schlummertaste auf den Markt. Aufstehen war schon immer eine mühselige Sache. Und die Deutung der Träume, dieser «Wächter des Schlafes», wie es Freud nennt, ein Faszinosum. Theodor W. Adorno etwa notiert sich nach dem Aufwachen, wovon er geträumt hat: von Bordellen, Hinrichtungen und Dinosauriern. Andere erwachen mit genialen Einfällen, wie Paul McCartney, der im Kopf eine Melodie hat, die zum Welthit wird. Ribbats Essay ist auch Zeitdiagnose: Henry David Thoreau ätzt schon im 19. Jahrhundert über jene, die morgens aufwachen und nichts Besseres zu tun hätten, als von Verbrechen und Katastrophen zu lesen. Man müsse den Tagesanbruch in den eigenen Gedanken finden. Was würde er über das Doomscrolling von heute sagen?Christoph Ribbat: In den Tag. Eine kurze Geschichte des Aufwachens. Insel-Verlag, Berlin 2026. 166 S., Fr. 21.–.«Die Macht der Moral»von Jonathan Haidtrib. · Die Frage ist einfach, die Antwort ernüchternd: Warum, fragt Jonathan Haidt, ist es für Menschen so schwierig, miteinander auszukommen? Weil wir uns über uns selbst täuschen, sagt der amerikanische Psychologe. Wir seien nicht die Vernunftwesen, als die wir uns betrachteten. Der menschliche Geist sei wie ein Elefant und sein Reiter. Der Elefant steht für Intuition und Emotion. Sie bestimmen unsere Sicht der Welt und unser Handeln zu neunundneunzig Prozent. Der Reiter sei das eine Prozent Vernunft und Verstand, auf die wir uns so viel zugutehielten. Natürlich würden wir unser Tun und Denken mit logischen Argumenten begründen. Aber das seien nur nachträgliche Legitimationen dessen, was die Intuition uns vorgebe. Aufgrund von sozialpsychologischen Versuchen und Einsichten der Evolutionspsychologie sagt Haidt: Der Mensch ist auf den eigenen Vorteil bedacht und will seinen Nutzen maximieren. Allerdings nicht nur. Denn wir sind auch an Gruppen orientiert, zu denen wir gehören. Es ist die Fähigkeit zur Zusammenarbeit, die den Menschen zu einer der erfolgreichsten Spezies der Evolutionsgeschichte macht. Und da kommt das ins Spiel, was Haidt als Moral bezeichnet. Er versteht darunter Werte und Normen, die den Egoismus des Einzelnen unterdrücken und ein Zusammenleben in grösseren Gruppen möglich machen. Haidts ungeschminkter Blick auf den Menschen ist heilsam. Und könnte helfen, Konflikte besser zu verstehen. Indem wir Toleranz für andere Perspektiven entwickeln. Und uns bewusst sind, dass auch wir auf die Toleranz der anderen angewiesen sind.Jonathan Haidt: Die Macht der Moral. Warum Politik und Weltanschauungen unsere Gesellschaft spalten. Aus dem Englischen von Monika Niehaus und Jorunn Wissmann. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2026. 480 S., Fr. 42.90.«Freud erzählt einen Witz»von Christfried Tögel und Jörg-Dieter Kogelmlö. · «Humor ist nicht resigniert, er ist trotzig», schrieb Sigmund Freud. Wie er diese These in die Wirklichkeit übersetzte, davon handelt unter anderem «Freud erzählt einen Witz». Das Buch enthält keine grandiosen Spässe, dafür aber Einblicke in Freuds Umgang mit den Freuden, Krisen und Katastrophen des Alltags. Es lebt von Zitaten aus seinen Schriften, vor allem aus seiner Korrespondenz. Reiseeindrücke wechseln mit Skizzen von Begegnungen und Bemerkungen über eigene Schwächen, das alles oft glänzend formuliert mit Sinn fürs oft komische Detail. Wir erleben Freud als Mann, der sich gern amüsierte und erstaunlich viel lästerte. Er hasste Sentimentalität, und seine Spottlust machte auch vor der eigenen Person nicht halt. Mit schwarzem Humor begegnete er der eigenen Krebserkrankung und der Verbrennung seiner Bücher durch die Nationalsozialisten («Zumindest brenne ich in guter Gesellschaft»). Freud selbst hatte 1905 einen Band über das Phänomen des Witzes veröffentlicht, überzeugt davon, dass die Theorie des Witzes und die des Unbewussten zusammenhängen. Später, 1927, kam er erneut auf das Thema zurück. Sein Aufsatz «Der Humor» enthält die berühmte Definition des Humors als eines psychischen Abwehrmechanismus. An derselben Stelle notierte Freud, die humoristische Einstellung sei «eine köstliche und seltene Begabung». Dieser nur wenige Seiten umfassende Text ist ebenfalls in Tögels und Kogels Band enthalten. Der kurze, sorgfältig zusammengestellte Band ist verspielt gestaltet, lädt zum Blättern und zum Kennenlernen des Erfinders der Psychoanalyse ein.Christfried Tögel / Jörg-Dieter Kogel: Freud erzählt einen Witz. Die Andere Bibliothek, Berlin 2026. 264 S., Fr. 42.90.«Fulvia»von Jane Draycottrib. · Rom im Jahr 43 v. Chr.: Der Bürgerkrieg um Julius Cäsars Erbe tobt. Octavian, Marcus Antonius und Lepidus haben sich zum Zweiten Triumvirat zusammengeschlossen und erstellen Todeslisten. Wer auf ihnen steht, verliert alle Rechte und darf straflos getötet werden. Auch Cicero, der grosse Redner, gehört zu den Opfern. Und weil Marcus Antonius eine besondere Rechnung mit Cicero offen hat, stellt er den Kopf und die Hände des Toten auf dem Forum in Rom aus, damit alle Welt sie sehen können. Auch Fulvia, Antonius’ Frau, will sich rächen. Vor Jahren hat Cicero sie in einer Rede vor Gericht als Schlampe geschildert, mit allen Mitteln der Verleumdung. Als Vergeltung soll sie auf Ciceros Kopf gespuckt, ihm die Zunge aus dem Mund gezogen und diese mit einer Haarnadel durchstochen haben. Ob das wirklich so war, weiss niemand. In der antiken Überlieferung wird Fulvia fast alles Schlechte angedichtet, was man einem Menschen nachsagen kann. Grausam soll sie gewesen sein, habgierig, tyrannisch. Die britische Historikerin Jane Draycott versucht, aus den Zerrbildern der Überlieferung eine Vorstellung der Frau zu gewinnen, die Fulvia gewesen sein könnte: eine Römerin der besten Gesellschaft, die sich nicht damit begnügte, Anhängsel eines einflussreichen Mannes zu sein, und allein damit schon die Regeln brach, die einer Frau in der Römischen Republik gesetzt waren. In Draycotts Recherche entsteht das Porträt einer aussergewöhnlichen Frau – und zugleich das Panorama einer von Gewalt und sozialen Konflikten geprägten Zeit.Jane Draycott: Fulvia. Die Frau, die im alten Rom alle Regeln brach. Aus dem Englischen von Claudia Kotte. Piper-Verlag, München 2026. 304 S., Fr. 37.90.«Black Ark»von Lee Scratch Perryubs. · Der jamaicanische Musiker Lee Scratch Perry hat sich 1973 ein Studio gebaut, das er Black Ark nannte. Hier entwickelte er eine neue Musik: Dub. Über pulsierenden Bässen mischte er Gesang und Instrumentalsounds mit Sprachfetzen, Naturgeräuschen und Samples aus dem TV. Es entstanden vibrierende Loops, in denen sich das Ohr verlor wie in einem göttlichen Traum oder auf einem narkotischen Trip. Lee Perry, der Reggae und Dancehall geprägt, Hip-Hop und Techno beeinflusst hat, setzte sich selbst als prophetische Figur in Szene – mit bunten Klamotten, gefärbten Haaren und hohen Hüten samt Antennen. Er verstand sich als «Upsetter», als Aufreger, der das Studio in einen Schrein verwandelte. Für Aufregung sorgte 1979 zuletzt auch ein Brand, der das Studio zerstörte. Ob Perry, der später in die Schweiz zog und 2021 starb, das Feuer selber legte, ist umstritten. Dem Vermächtnis des Black-Ark-Studios ist ein Bildband gewidmet, samt Aufsätzen von Kodwo Eshun, Veerle Poupeye, John Corbett, David Katz. Ist das ein Buch oder ein Kunstwerk, ein Denkmal? Jedenfalls wirkt der schöne Schmöker, schwarz eingefasst und golden beschriftet, wie eine bibliophile Wundertüte. Ähnlich wie bei einem Daumenkino ergibt sich aus den Eindrücken von Fotografie, Typografie, Zeichnungen und Texten ein Gesamteindruck von Lee Perry als Künstler und Legende.Lee Scratch Perry. Black Ark. Hg. von Andreas Koller. Edition Patrick Frey, Zürich 2026, 667 S., Fr. 60.–.Passend zum ArtikelFür Sie empfohlen