Abgeschaltete Kraftwerke, laufende Klimaanlagen, hohe Preise: So belastet die Hitze in Europa das StromnetzHitzewellen lassen die Energieinfrastruktur nicht kalt. Fünf Gründe, warum das so ist.04.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAuch Stromleitungen können unter der Hitze leiden.ImagoIn ganz Europa strapaziert die Hitzewelle die Stromnetze, treibt die Nachfrage und die Strompreise in die Höhe und beeinträchtigt den Betrieb von Kraftwerken. Während die Sonne vom Himmel brennt, stellen sich viele die Frage, ob Europas Versorgungssicherheit durch die Hitze betroffen ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Neu sind diese Ereignisse und Fragen nicht. Auch die Hitzewelle im Juni und im Juli des vergangenen Jahres war eine Belastungsprobe. Dennoch blieb das Netz weitgehend stabil.Experten gehen davon aus, dass das auch in diesem Jahr wieder der Fall sein wird. Aber infolge des Klimawandels werden Hitzewellen häufiger und heftiger, und die Belastung für Stromnetze und Kraftwerke wird zunehmen. Darauf müssen die Gesellschaft und die Infrastruktur vorbereitet sein. Die NZZ hat sich mit fünf Aspekten dieser Debatte auseinandergesetzt.1. Die Nachfrage und die Preise steigenMit der Hitze steigt die Nachfrage nach Strom, vor allem wegen des steigenden Bedarfs an Kühlung durch Klimaanlagen und andere Geräte. In Europa geht das während gewisser Stunden mit hohen Strompreisen einher, das haben die vergangenen Wochen wieder deutlich gezeigt.In den USA oder in den arabischen Ländern ist dieser Effekt geringer, dort kommt die Klimaanlage häufig zum Einsatz. Im Gegensatz dazu steigt der Strombedarf für zusätzliche Kühlung in der Schweiz oder in Deutschland während heisser Tage kurzfristig stark an, typischerweise von 15 Uhr nachmittags bis Mitternacht. Hier werden zudem auch kleine und ineffiziente Kühlgeräte genutzt, was den Strombedarf weiter in die Höhe treibt.Diese erhöhte Nachfrage prallt auf eine andere Gegebenheit des europäischen Strommarkts im Sommer. In dieser Zeit werden viele konventionelle Kraftwerke gewartet, das Stromangebot durch die Anlagen ist entsprechend begrenzt. Besonders in Mitteleuropa ist das der Fall. Denn lange war es so, dass der Strombedarf wegen des Heizens im Winter höher war.Das wiederum erklärt, warum die Preisausschläge in den Abendstunden besonders stark sein können. Denn just zu dem Zeitpunkt, an dem die Solarenergie weniger Strom produziert, steigt die Stromnachfrage: Familien sind zu Hause, viele Haushaltsgeräte konsumieren Strom, dazu kommt die Klimaanlage. Dann müssen flexible und im Vergleich zur Solarkraft teilweise teurere Gas-, Wasserkraft- oder Pumpkraftwerke einspringen, um den benötigten Strom zu liefern.2. Die Solarenergie und Batterien machen einen UnterschiedDer wachsende Anteil erneuerbarer Energiequellen und Speichertechnologien im Strommix hilft derweil, die ausschlagenden Preisspitzen zu dämpfen. «Der Juni treibt die Strompreise in Südosteuropa normalerweise in die Höhe», schrieb Julian Popov, der ehemalige Umweltminister Bulgariens, diese Woche auf Linkedin. Diesen Juni aber zeige die Preiskarte ein anderes Muster für Bulgarien und Griechenland, sagte er. Sie gehörten nicht mehr zu den Märkten mit den höchsten Preisen in Europa.Der Grund: In Griechenland hat sich der Ausbau von Solar- und Windenergie beschleunigt. In Bulgarien wächst der Anteil von Solarenergie, und besonders Batteriespeicher nehmen zu. Dank der Speichermöglichkeit könne am Mittag günstig produzierter Strom am Abend genutzt werden, wenn der Bedarf nach oben schnelle, sagt Popov: «Wo es zu wenig Solar- und Windenergie, Speicherkapazitäten, Netzflexibilität und Marktintegration gibt, bleiben die Preise hoch.»Das gilt insbesondere für die Solarenergie. Zwar treiben die heissen Sommertage viele Menschen an den Rand der Belastbarkeit. Tagsüber steigern sie aber auch die Stromproduktion der bestehenden Solaranlagen – und das mit erfreulichen Folgen für alle, die unter höheren Strompreisen und Temperaturen ächzen.Denn das Stromnetz ist somit tagsüber gut versorgt, die erhöhte Nachfrage durch Klimaanlagen kann gestillt werden. Daten aus dem vergangenen Jahr zeigen die prominente Rolle der Solarenergie an heissen Tagen. So produzierten Solaranlagen in der EU laut Analysten der Energie-Denkfabrik Ember im Juni 2025 mit einem Stromanteil von 22 Prozent mehr Energie als je zuvor in einem Monat.Allein in Deutschland lieferte die Solarenergie während der Höhepunkte der damaligen Hitzewelle bis zu 50 Gigawatt Strom und deckte damit bis zu 39 Prozent des deutschen Strombedarfs. Zudem halfen Batteriespeicher und Pumpspeicherkraftwerke dabei, einen Teil des Solarstroms für die Nutzung nach Sonnenuntergang zu speichern.Allerdings kann die Produktion von viel Solarenergie auch zum Problem werden, wenn sie ungeplant ins Netz eingespeist wird. Das gilt besonders für Verteilnetze, die den Strom direkt zum Kunden bringen. Die ungeplante Solarenergie kann dann zu Schwankungen führen, die ausgeglichen werden müssen.Künftig geht es darum, den Stromverbrauch besser zu steuern und abzufangen, unter anderem durch Batteriespeicher, Ladepunkte für Elektroautos und mithilfe digitaler Anwendungen, die Stromverbrauchern zeigen, wann es sich lohnt, Geräte an- und auszuschalten. «Gerade in den Mittagsstunden wäre es sinnvoll, die PV-Leistung direkt im Haus zu nutzen», sagt Sebastian Wende-von Berg vom Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE).3. Die Hitze setzt Kraftwerken zuMit der zunehmenden Hitze nehmen auch die Nachrichten zu, dass Kraftwerke heruntergefahren werden müssten. Die Hitze betrifft den Betrieb von Atom- wie auch von Kohle- und Gaskraftwerken. Die Debatte in der Schweiz und in Deutschland fokussiert sich vor allem auf den Betrieb der Atomkraftwerke und mögliche Sicherheitsrisiken durch die Hitze.In der Schweiz musste vergangene Woche das AKW Beznau heruntergefahren werden. Aber die Hitzetage sind nicht aus Sicherheitsgründen ein Problem für das Kraftwerk, sondern wegen des Gewässer- und Umweltschutzes.Beznau darf nicht auf Hochtouren betrieben werden, wenn die Aare wärmer als 25 Grad Celsius ist. Das Kraftwerk gibt Wärme nicht über einen Kühlturm ab, sondern leitet sie in den Fluss ab – und das darf eben nur geschehen, solange das Flusswasser 25 Grad nicht übersteigt. Sonst leiden insbesondere die Fische, das zeigte sich infolge des Hitzesommers im Jahr 2018.Die Schweiz ist hierbei kein Einzelfall, solche Regeln greifen in ganz Europa und nicht nur für Atomkraftwerke.«Natürlich gilt für Atomkraftwerke wie für alle thermischen Anlagen: Nutzen sie Flusswasser zum Kühlen und wird das warm, müssen die Anlagen runterfahren, um das Ökosystem nicht noch weiter zu belasten», schreibt Lion Hirth, Professor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin.Die Schweizer Atomkraftwerke seien derweil auf Hitzewellen mit Lufttemperaturen von 40 Grad Celsius oder mehr vorbereitet, schreibt das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) auf seiner Website. Letztmals hätten die Kraftwerke 2022 die Nachweise erneuern müssen. Damals mussten sie zeigen, dass sie Lufttemperaturen zwischen 43,1 und 43,7 Grad standhalten könnten.Das Ensi hatte die Annahmen über die Höchsttemperaturen seit der letzten Prüfung im Jahr 2016 hochgeschraubt, unter anderem wegen des Klimawandels. Aber auch damals kam die Behörde nach einer Prüfung zu dem Schluss, dass Hitzeperioden für die Schweizer AKW kein Problem seien.4. Klimaanlagen werden zum Problem und zur ChanceIn der Schweiz und in Deutschland befeuert die Hitze eine Debatte darüber, ob die Klimaanlage in Zeiten des Klimawandels vertretbar sei. Unabhängig von der vermeintlich moralischen Dimension dieser Anlagen stellt sich die technische Frage, ob Europas Stromnetz einen Anstieg der Stromnachfrage durch die Klimaanlagen überhaupt verdauen könnte.Experten sagen Ja und zeigen vor allem auf den Zuwachs von Solarstrom und Technologien, um Energie zu sparen. «Durch die Steigerung der Energieeffizienz lassen sich die Vorteile der Kühlung nutzen, ohne die Stromnetze zu überlasten oder das Budget zu sprengen», sagt die Internationale Energieagentur (IEA).Das ist ein dringendes Problem, denn weltweit ist die durchschnittliche neue Klimaanlage «nur halb so effizient wie das beste Modell auf dem Markt», sagen IEA-Analysten, und das, obwohl energiesparende Geräte nicht teurer sein müssen. Gleichzeitig helfen auch andere Schritte, den Strombedarf und die Kosten zu bremsen. Die Klimaanlage auf eine höhere Temperatur einzustellen, kann laut IEA zum Beispiel helfen.Der Kampf um die Klimaanlage, wie er in Deutschland oder der Schweiz zu beobachten ist, könnte derweil den CO2-Fussabdruck verschlimmern. So führten Vorschriften, die den Einbau von Klimaanlagen erschwerten, in Deutschland dazu, dass sich mehr Menschen ineffiziente mobile Geräte anschafften, sagt Lauri Myllyvirta von der Denkfabrik Centre for Research on Energy and Clean Air.«Mehr Kühlung ist unvermeidlich», sagt Myllyvirta. Die Frage sei doch, ob dies durch eine fragmentierte, ineffiziente Verbreitung von Klimaanlagen geschehe «oder durch Wärmepumpen, sauberen Strom, Speichermöglichkeiten und intelligentere Stromnetze».5. Elektrifizierung über alles kommt an ihre GrenzenOb Klimaanlagen, Elektroautos oder Wärmepumpen – viele Länder in Europa setzen vermehrt auf Strom. Das bringt neue Probleme für die Energiesicherheit. Denn das Stromnetz reagiert auf physische Einflüsse, insbesondere für Wetterereignisse. Die jüngste Hitzewelle macht das deutlich.«Bei hohen Temperaturen wird die technische Infrastruktur belastet, es steigt beispielsweise die Belastung für elektrische Bauteile und Stromkabel», sagt Christoph Kost, Abteilungsleiter Energiesystemanalyse am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Bauteile erwärmen sich sowieso während des Betriebs. «Es kann zu Ausfällen kommen, weil Transformatoren zu heiss sind und sich die Wärme staut», sagt Kost.Künftig könnten Kabel tiefer verlegt werden, um die Wärme zu dämmen. Aber damit kommen neue Herausforderungen. Denn Wartung und Reparaturen würden dann schwieriger, sagt Wende-von Berg vom IEE. Was bleibt, ist die Tatsache, dass die zunehmende Wärme zusätzliche Stressfaktoren für das Energiesystem schafft, die künftig eingerechnet werden müssen.Passend zum Artikel
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