Der Vorstand von Mercedes hat seinem Betriebsrat den Fehdehandschuh hingeworfen. Dass ein Unternehmen, ohne seine Arbeitnehmervertreter zu informieren, eine Sonderzahlung verschiebt und dabei gleichzeitig die 35-Stunden-Woche – eine der aus Sicht der Gewerkschaft wichtigsten Errungenschaften der vergangenen 30 Jahre – infrage stellt, ist eine maximale Provokation. Die Forderung, für das gleiche Geld nicht 35, sondern künftig 40 Stunden zu arbeiten, rüttelt an den Grundfesten der Tarifpartnerschaft.Mercedes stößt aber dabei nicht nur seine eigenen Arbeitnehmer vor den Kopf, es hat die gesamte Autoindustrie aufgeschreckt. Die scharfen Reaktionen aus den Betriebsräten von BMW und Audi zeigen, dass die Arbeitnehmervertreter bei allen Herstellern und Zulieferern fürchten, dass das Beispiel Schule machen könnte.Vorstoß illustriert das Ausmaß der KriseDie Frage ist, warum Mercedes-Chef Ola Källenius und seine Kollegen im Vorstand den Weg der offenen Konfrontation wählen und Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali und seine Mitstreiter auch noch bloßstellen, indem sie sie nicht einmal über die so weitreichenden Forderungen im Vorfeld informieren. Die Antwort liegt im Ausmaß der Krise, der aus Sicht des Mercedes-Managements nur noch mit noch einschneidenderen Maßnahmen begegnet werden kann.Die deutsche Autoindustrie steht mit dem Rücken zur Wand. Die Gewinne bei Mercedes sinken seit Jahren, BMW ist unter dem neuen Vorstandschef, der die Gewinnprognosen zurückgenommen hat, entzaubert. Porsche agiert nur noch als Schatten seiner selbst, und in Wolfsburg will der Aufsichtsrat von Volkswagen nächste Woche die Schließung von vier Werken auf den Weg bringen. Von Zulieferern wie Bosch und ZF gar nicht zu reden, die mit großen Stellenabbauprogrammen auf die Krise reagieren.Die neue Qualität der Auseinandersetzung hat Ergun Lümali sofort registriert. Der Arbeitnehmervertreter interpretiert den Vorstoß als Angriff auf den Sozialstaat, der sich von Lohnrunden der Vergangenheit grundsätzlich unterscheide. Allerdings unterscheidet sich auch die aktuelle Situation, in der die deutsche Autoindustrie steckt, grundsätzlich von denen der Vergangenheit. Die Umwälzungen der Antriebstechnologie, neue Wettbewerber aus China und der unter Druck geratene Freihandel sind keine konjunkturelle Delle, die mit traditionellen Instrumenten der Tarifpolitik zu bewältigen ist. Vor diesem Hintergrund scheint das Infragestellen von Gewissheiten wie der 35-Stunden-Woche unausweichlich.