Ein Tauchgang, wie ihn Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) diese Woche auf seiner Sommereise an die Ostsee unternahm, ist eine riskante Sache – bedenkt man die verschiedenen politischen Deutungsmöglichkeiten: Geht der Minister der Frage auf den Grund, warum sein Naturschutzgesetz trotz Grundsatzeinigung mit der Union immer noch nicht vom Kabinett beschlossen wurde? Taucht er ab, um sich unbequemen Fragen zu entziehen? Oder sucht er nach einem Rettungsweg für bedrohte Arten und Ökosysteme angesichts der Beschleunigungspläne für Straßen und Schiene und Energieversorgung? Haben sich Schneiders Gesetzesvorhaben zum Naturschutz womöglich in Geisternetzen verfangen?Vor der weißen Steilküste der Insel Rügen nahm der Minister an einem Erkundungstauchgang auf der Suche nach Geisternetzen teil. Solche Fischernetze, die etwa bei Stürmen verloren gingen oder früher auch absichtlich im Meer entsorgt wurden, sind eine tödliche Gefahr für Tiere in der Ostsee und tragen zur Meeresverschmutzung durch Plastik bei. „Dann gehen wir mal runter“, verabschiedet sich Schneider von den Journalisten, die später auf dem Begleitschiff Aufnahmen von der Unterwasserexpedition sahen. Der Minister hat vor Jahren im Urlaub einen Tauchschein gemacht. In der Ostsee ist er aber noch nie unter Wasser gewesen.Tote SchwarzmundgrundelZiemlich trostlos sieht es dort aus, wo Schneider und sein Team in etwa sechs Meter Tiefe unterwegs sind: Das Wasser ist grünlich-trübe, und die Steine am Meeresgrund sind mit braunen Algen überwuchert. Außer einer toten Schwarzmundgrundel habe er keine Fische gesehen, berichtet Schneider später. Dabei findet der Tauchgang im Nationalpark Jasmund statt. Das Gebiet ist also eigentlich streng geschützt. Aber wirtschaftliche Aktivitäten wie reger Schiffsverkehr, der Abbau von Sand und der Ausbau der Windenergie setzen den Lebensraum Ostsee unter Druck.Hinzu kommt die Erwärmung durch den Klimawandel und die Anreicherung von Nährstoffen. Nährstoffe aus Düngemitteln, die die Pflanzen nicht aufnehmen, können über Bäche und Flüsse in die Ostsee geschwemmt werden. Die Folge sei übermäßiges Algenwachstum, erklärt Gernot Haffner, Leiter des Nationalparkamtes Vorpommern. Der Abbau abgestorbener Algen zehrt den Sauerstoff in der Ostsee auf. Wo Sauerstoff fehlt, können Fische nicht mehr leben. „Das Hauptproblem ist die Landwirtschaft. Wir brauchen schärfere Düngeregeln, damit nicht noch mehr Todeszonen entstehen“, sagt Haffner. Für das Düngerecht ist Landwirtschaftsminister Alois Rainer zuständig. Der CSU-Politiker hat eine „umfassende Lösung“ für das Problem der Nährstoffbelastung angekündigt. Aber sehr weit ist Rainer noch nicht gekommen; über seine umstrittene Novelle zum Düngerecht berät seit Monaten der Bundestag.Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) tauchte vor Rügen nach sogenannten Geisternetzen.dpaMeeresfreundliche LandwirtschaftSchneiders Haus will nicht bloß abwarten. Auf seiner Sommerreise kündigte der Minister ein Modellprojekt „Meeresfreundliche Landwirtschaft“ an: Gemeinsam mit Vertretern von Landwirtschaft, Fischerei, Tourismus und Politik sollen Maßnahmen gefördert werden, damit weniger Nährstoffe ins Meer gelangen. Das können Schutzstreifen sein oder Flächennutzungen, für die weniger oder kein Dünger benötigt wird. Klar ist aber auch: An einer umfassenden Reform des Düngerechts führt kein Weg vorbei, auch wegen mehrerer Gerichtsurteile. Düngebeschränkungen sind aber heikel. Die Landwirte befürchten Ertragseinbußen und beklagen ohnehin wettbewerbsschädigende Regulierung. Doch Alois Rainer sei nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die Fischerei zuständig, hob Schneider hervor. Er hoffe „auf Einsicht, dass zu viel Dünger mit sinkenden Fischbeständen zu tun hat“.Zum besseren Schutz der Meere will Schneider einen „Aktionsplan Meer“ auflegen. Eckpunkte stellte er auf seiner Reise vor. Ein Baustein ist die meeresfreundliche Landwirtschaft. Der Meeresschutz soll außerdem enger mit dem Klimaschutz verzahnt werden. Denn geschädigte marine Ökosysteme können auch weniger Kohlenstoff binden. Ein weiteres Großprojekt ist die Bergung von Weltkriegsmunition. 1,6 Millionen Tonnen befinden sich auf dem Grund von Nord- und Ostsee. Bei der rostenden Munition mit ihren Giftstoffen handele es sich um eine „tickende Zeitbombe“, mahnte der Minister. Sein Aktionsplan zielt aber nicht nur auf die deutschen Meere, auch der internationale Meeresschutz soll gestärkt werden. Bis Ende des Jahres will Schneider den Aktionsplan durchs Kabinett bringen.Verbot von Gas- und ÖlförderungenAllerdings hakt es gerade beim sensiblen Thema Meeresschutzgebiete. Schneider möchte, dass künftig keine Gas- und Ölförderungen mehr in den sechs Meeresschutzgebieten zugelassen werden, die sich in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone befinden, also in dem 200-Seemeilen-Gebiet, welches an das Küstenmeer grenzt. Den Kabinettsbeschluss dazu gibt es schon seit September 2025. Aber nun sperren sich CDU und CSU im Bundestag. Grund dafür ist das sensible Thema Rohstoffversorgung. Industrie- und Wirtschaftsverbände appellieren an die Politik, nicht auf die Option heimischer Gasförderung zu verzichten.Schneider ist mittlerweile von seiner Unterwasserexpedition zurückgekehrt. Aus einem Beutel zieht der Minister Fetzen von zwei algenbewachsenen Geisternetzen hervor. An dem Fundort lägen bestimmt 100 Meter, schätzt einer der Männer aus dem Tauchteam. Nur mit einem Kran ließen sich die Netze bergen. Auch Carsten Schneider benötigt noch starke Hebekräfte für seine Gesetzesvorhaben zum Natur- und Meeresschutz.
Carsten Schneider: Tauchgang für den Meeresschutz
Die Ostsee ist in schlechtem Zustand. Ein Aktionsplan soll Abhilfe schaffen. Aber Umweltminister Schneider hat schon jetzt seine liebe Not mit dem Umwelt- und Naturschutz.









