Es sind die wichtigen Nachrichten im Leben, die mich in den banalsten Situationen erreichen. Als ich von meiner Erasmus-Zusage erfuhr, hatte ich gerade Zähne geputzt, meinen Wecker gestellt und wollte mein Handy weglegen, um schlafen zu gehen. Da verriet mir die Mailvorschau auf dem Sperrbildschirm, dass ich noch dieses Jahr in ein anderes Land ziehen werde.Der Zusage für ein Studium in Catania auf Sizilien folgte eine lange Nacht. Das Licht blieb an, und ich ging in meinem WG-Zimmer auf und ab. In meinem Kopf entstand eine To-do-Liste: Untermiete, Unterkunft, Anreise, Abreise, Kurswahl, Krankenversicherung, Sprachkurs und Digital Learning Agreement. Außerdem Teil meiner Nacht: ein langes Telefonat, Whatsapp-Nachrichten („Ich habe Rückmeldung zu Erasmus, du auch?“) und ernsthafte Überlegungen dazu, wie ich das meiner besorgten Großmutter beibringen soll.Doch das Aufwachen am nächsten Tag offenbarte auch: Es bleibt eigentlich erst mal alles gleich. Ich stand auf, ging zur Uni, und vor allem wartete ich. Bis ich weitere Informationen der Gastuniversität erhielt, vergingen Wochen. Wochen, die ich ständig damit verbrachte, neue Informationen zu meinem kommenden Wintersemester in meinem E-Mail-Postfach zu suchen – vergeblich. Ich wurde zunächst nicht schlauer und konnte nichts dagegen tun.Social Media verspricht die allerbeste Zeit des LebensDafür wusste mein Instagram-Algorithmus aufgrund meiner Recherchen schon von meinem anstehenden Erasmus-Semester und präsentierte mir rasch viele junge Menschen, die in äußerst melancholischen Erinnerungen an ihr Auslandssemester versinken. Sie zeigen in den Posts ihre Zimmer bei erfreuter Ankunft und tränenerfüllter Abreise und ihre zahlreichen neuen Freunde. Sie zeigen Videos von Partys und recht wenige von der Universität. Sie verbeugen sich mit gepackten Koffern vor dem Hintergrund irgendeiner europäischen Sehenswürdigkeit zum Refrain von „Thank You For The Music“ von ABBA und listen persönliche Statistiken auf. Besuchte Länder: sechs, Städte: zwölf, Fotos: 4378, neue Freunde: 27, Erinnerungen: unendlich viele. Natürlich nur schöne!Das einzig Schlechte scheint eine wuchtige Trauer um die vergangene Zeit zu sein: „Wenn das Leben mich nicht umbringt, dann wird es die Erasmus-Nostalgie tun.“ Im Hintergrund: traurige Musik. Einer blickt an einer Klippe stehend aufs offene Meer bei wunderschönem Wetter. Eine andere sitzt im Zug und schaut aus dem Fenster. „Nichts tut mehr weh, als an deiner alten Erasmus-Stadt vorbeizufahren, wissend, dass du nie wieder dieses Leben haben wirst.“Zur Wahrheit gehören Sorgen„Dieses Leben“? Erste Antworten, was das sein könnte, suchte ich auf einer Veranstaltung meiner Heimatuniversität. Die Koordinatorin blickte in einen Vorlesungssaal erwartungsvoller Gesichter und stellte zuerst die Frage, wer sich auf sein Auslandssemester freue. Es schnellten so gut wie alle Hände in die Höhe, inklusive meiner. Aber war ich ehrlich? Nicht ganz. Wenn ich tief in mich reinhöre, bin ich nicht unbedingt unbesorgter als meine Oma, wenn ich an „dieses Leben“ denke.Während sie sicherlich davon ausgehen wird, dass ich kläglich verhungere, kein Unterhemd trage oder im ionischen Meer ertrinke, denke ich an Themen wie Fernbeziehung, Einsamkeit und Heimweh. Ich denke an akademisches Scheitern und Sprachbarrieren. Oder an das, was passiert, wenn ich keine Wohnung finde? Die Koordinatorin der Universität versichert, erst zwei Wochen vor Abreise ein Zimmer zu finden, sei normal (phantastisch!). Das Schlimmste, das in ihrer Zeit bislang passiert war? Ein Student lebte die ersten Wochen in einem Zelt (Oma, hör’ nicht hin!).Was passiert, wenn ich wegen solcher Dinge sofort wieder zurückwill? Gleichzeitig frage ich mich: Was, wenn ich nie wieder zurückwill? Dass einige ihren Auslandsaufenthalt als unumkehrbare Identitätsveränderung beschreiben, fasziniert und beunruhigt mich zugleich.Wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich ihnen nicht, frage mich, wozu diese Instagram-Nostalgie gut sein soll oder ob das Leben in der Heimat so schrecklich war. Ich frage mich, ob 27 Freunde eigentlich nur drei sind, ob von mehr als 4000 Fotos die Hälfte verwackelt ist. Ob nicht ein Land auch reicht. Dann wiederum frage ich mich, woher diese Gedanken kommen, ob ich vielleicht selbst nur Angst davor habe, keine solchen Erfahrungen zu machen, oder wiederum so vereinnahmt sein werde, dass ich meine lieb gewonnenen Lebenspläne unter der Asche des Ätnas begraben will.Auf die große Schicksalsentscheidung folgt eine gewöhnliche PacklisteDoch dann meldet sich im selben Gedanken die Banalität zurück. Ich möchte natürlich eine Exkursion zum Ätna machen, aber passen Wanderschuhe noch in meinen Koffer? Ich brauche meinen Lieblingsbikini, luftige Klamotten, aber auch eine Jacke. Ich brauche meinen Laptop, Sonnenbrille, mein sorgfältig vollgeschriebenes Notizbuch, eine Reiseapotheke und ein paar Flaschen des Shampoos, das ich immer benutze. Und vielleicht auch den Stift, den ich am liebsten verwende, um Postkarten zu schreiben.Die realistische Einschätzung ist vermutlich, dass diese eine neue E-Mail im Postfach kein neues Leben bedeuten wird – vor allem nicht in diesem merkwürdig normalen Moment, in dem man sie liest. Recht sicher scheint jedoch, dass „dieses Leben“ etwas in mir verändern wird, auf das ich mich einlassen muss. Zu erfahren, was das Leben und Studieren in einer anderen Kultur an mir und meinen Wünschen verändert, halte ich für wertvoll. Ein Zuhause zu haben, das ich dort vermissen werde, auch. Wie toll, dass ich eine Oma habe, die an mein Unterhemd denkt!Vom Öffnen der Mail mit Zahnpastageschmack im Mund bis zum Verlassen meines hoffentlich bald aufgetriebenen Zimmers in Catania vergeht noch viel Zeit. An ein neues und vollkommen unbeschwertes Leben glaube ich nicht, aber ich hoffe auf ein schönes. Und wer weiß – vielleicht verbeuge ich mich am Ende doch mit gepackten Koffern zu „Thank you for the Music“ auf der Piazza del Duomo in Catania.
Erasmus-Erwartungen: Neue E-Mail, neues Leben?
Dutzende neue Freunde, tausende Fotos mit Erinnerungen: Auf Social Media ist ein Auslandssemester ein großes Versprechen. Doch ob es wirklich ein ganz neues Leben begründet? Unsere Kolumnistin ist sich da nicht so sicher.







