Bei Octopus Energy in München knallten am Donnerstag die Sektkorken, zumindest im übertragenen Sinne. Jahrelang hatte das Münchner Start-up gemeinsam mit seinen Wettbewerbern, den Stromanbietern Tibber, Ostrom und Rabot Energy, für eine Einführung des „Smart Meter light“ gekämpft, um Börsenstrompreise in Echtzeit an ihre Kunden weitergeben zu können. Anders als die teureren „echten“ Smart Meter erlauben sie zwar eine genauere Messung des Stromverbrauchs, aber keine Steuerung von Wallbox, Wärmepumpe, Heimspeicher und Co. Nun haben Union und SPD im Koalitionsausschuss am Mittwochabend beschlossen: Die (nicht ganz so) intelligenten Messsysteme kommen – und sollen Kunden dabei helfen, „kostengünstig und cybersicher ihre Stromrechnung zu optimieren“, wie es im Beschlusspapier heißt.Hintergrund ist, dass Deutschland sich bislang sehr schwertut mit der Digitalisierung seiner Stromnetze. Um Preisspitzen am Strommarkt zu dämpfen und den Netzausbaubedarf zu reduzieren, soll Strom in Zukunft stärker dann verbraucht werden, wenn er in großen Mengen vorhanden ist, auch von privaten Haushalten. Sie sollen Elektroautos zum Beispiel idealerweise mittags laden, wenn viel Solarstrom zur Verfügung steht, oder nachts, wenn der Verbrauch niedrig ist.Für einen solch flexiblen Stromverbrauch sind intelligente Stromzähler (Smart Meter) notwendig – doch die sind in Deutschland Mangelware. Während in Frankreich, Italien oder Spanien schon heute praktisch jeder Haushalt mit dieser Technik ausgestattet ist, sind es in Deutschland erst 5,5 Prozent. Die Bundesregierung möchte den Ausbau jetzt durch zwei Maßnahmen beschleunigen.Ehrgeizigere FristenErstens sollen bis Ende 2030 mindestens 90 Prozent der Haushalte, die das größte „Flexibilitätspotential“ haben, mit der Technik ausgestattet sein. Nämlich diejenigen, die mehr als 6000 Kilowattstunden im Jahr verbrauchen oder eine steuerbare Wärmepumpe oder ein Elektroauto besitzen. Bislang war hier als Zieljahr 2032 festgelegt. Auch die EU-Kommission dringt auf einen schnelleren Roll-out, wie die F.A.Z. Mitte Juni exklusiv berichtete.Zweitens: Weil diese Geräte sehr teuer sind und der Roll-out entsprechend mühsam ist, soll nach dem Willen von Schwarz-Rot nun für alle anderen Haushalte der „Smart Meter light“ etabliert werden. Dieser gilt als deutlich günstiger und kann immerhin den Stromverbrauch im Haushalt viertelstündlich messen und an Stromlieferanten und Messstellenbetreiber schicken.Was die abgespeckte Version im Vergleich zum „richtigen“ Smart Meter (inklusive Steuerbox) nicht kann: Sie bietet Netzbetreibern keine Möglichkeit, Wärmepumpen, Solaranlagen, Speicher oder Wallboxen netzdienlich zu steuern, sprich abzuregeln. Doch die Steuerbox und hohe Sicherheitsanforderungen trieben die jährlichen Kosten der echten Smart Meter in die Höhe, argumentiert der Deutschlandchef von Octopus Energy, Bastian Gierull, im Gespräch mit der F.A.Z.Wie sicher sind „Smart Meter light“?Für die Flexibilisierung des Verbrauchs und sein Geschäftsmodell reicht ein „Smart Meter light“ vollkommen aus: Octopus Energy braucht die viertelstündlichen Daten zum Stromverbrauch nur für die Abrechnung. Die Steuerung von Wärmepumpe, Wallbox oder Heimspeicher erfolgt dann separat, etwa über ein Home-Energy-Management-System (HEMS). Gierull hofft, dass mit der abgespeckten Technik der Einbau in Mehrfamilienhäusern und Wohnquartieren erheblich erleichtert wird und so deutlich mehr Kunden dynamische Stromtarife buchen.Doch die „Smart Meter light“ sind nicht bei allen beliebt. „Für ein kosteneffizientes Stromsystem ist die lokale Netzdienlichkeit durch Steuerbarkeit erforderlich und nicht nur eine reine Marktteilnahme mit variablen Tarifen“, schreibt ein Sprecher des Elektroverbands ZVEI auf Anfrage. Er weist zudem darauf hin, dass von Dezember 2027 an alle Produkte mit digitalen Elementen in der EU strenge Cybersicherheitsstandards erfüllen müssten. „Eine zweite parallele technische Lösung inklusive zweitem Backend bietet keine Vorteile oder Skaleneffekte bei Kosten, Effizienz und Datenqualität“, so der Sprecher weiter.Auch der Essener Energiekonzern Eon äußert sich kritisch: Die Einführung einer zusätzlichen Gerätekategorie berge „das Risiko neuer Komplexität“ mit zusätzlichen Hardwarevarianten, Prozessen, IT-Schnittstellen und regulatorischen Anforderungen. „Dies würde den Roll-out tendenziell eher verlangsamen als beschleunigen“, sagte eine Sprecherin.Industriebetriebe vor Rechenzentren und SpeichernNeben den Änderungen beim Smart-Meter-Roll-out kündigten Union und SPD nach dem Koalitionsausschuss eine neue, zentrale Plattform an, die Daten zu Netzausbau, -auslastung und -anschlusskapazitäten bündeln soll. Hinzu sollen Anreize für Netzbetreiber kommen, dass „einer für alle“ Software entwickelt. Zudem bekennt sich Schwarz-Rot insgesamt zu einem beschleunigten Netzausbau. Ein entsprechendes Gesetzespaket soll „bis Jahresende“ auf den Weg gebracht werden. Ziel sei, den „Zeitraum für die Realisierung von Netzprojekten“ zu halbieren. Wie genau, bleibt offen. Nur so viel: Finanzierungsmöglichkeiten sollen verbessert und bestehende Netze besser ausgelastet werden.Eon-Vorstandschef Leonhard Birnbaum bemängelt in leicht verklausulierter Formulierung, es sei „nichts Konkretes beschlossen“ worden, was helfe, „die Systemkosten für unsere Kunden zu reduzieren“. Eon gehört fast ein Drittel der Verteilnetze. Nach dem Willen des Europaparlaments soll die Genehmigungsfrist für den Bau neuer Leitungen im Verteilnetz auf ein Jahr begrenzt werden. Einen entsprechenden Beschluss traf der zuständige Ausschuss am Donnerstag.Das Papier der Koalitionspartner geht auch auf das Problem ein, dass Industriebetriebe, die ihre Anlagen elektrifizieren wollen, zunehmend mit Speichern, Rechenzentren oder Solaranlagen um knappe Netzanschlüsse konkurrieren. „Wir geben eine Anschlussgarantie für Industriebetriebe“, heißt es nun von der schwarz-roten Regierung. Die Unternehmen erhielten „eine klare Frist, bis wann ihr Betrieb in der benötigten Kapazität an das Stromnetz angeschlossen wird“.Der Chef des Übertragungsnetzbetreibers Amprion, Christoph Müller, liest das anscheinend als Vorrang von Industriebetrieben gegenüber anderen Netzanschlussbewerbern: „Wir begrüßen die Absicht der Bundesregierung, das Netzanschlussregime neu zu regeln und Anschlussnutzer mit einer hohen volkswirtschaftlichen Wertschöpfung zu priorisieren“, sagte er der F.A.Z. „Netzanschlüsse sind und werden auch mit fortschreitendem Ausbau auf absehbare Zeit ein knappes Gut bleiben.“ Die Festlegung, wer perspektivisch mit welcher Priorität ans Netz soll, müsse „politisch erfolgen und sollte gesetzlich in einem gewichteten Ansatz mit klaren Kontingenten ausgeprägt werden“.