Zudem ist gerade „Splat!“ erschienen, das 24. und erstaunlich originelle Album der Formation. Nach vielen Wechseln und Wirren spielen in der aktuell noch drei Mitglieder der klassischen Besetzung mit. Deep Purple gelten als Pioniere des Hardrock, haben seit 1968 mehr als 100 Millionen Platten verkauft, sind vor allem in Kontinentaleuropa weiter erfolgreich – und symbolisieren zugleich das unverbesserliche Rocksauriertum. Das Treffen mit Ian Gillan findet um 12 Uhr mittags in Berlin statt. Er trägt ein feines Hemd mit Weste.SZ: Mister Gillan, angenommen, wir hätten uns vor 50 Jahren getroffen. Hätten Sie mir da zur Begrüßung eine Linie Kokain und einen Wodka angeboten?Ian Gillan: Nein. Ich habe damals keine Drogen genommen. Deep Purple waren nie eine Drogenband.Warum nicht?Weil wir aus der englischen Pubkultur kamen. Wir tranken Bier und rauchten Zigaretten. Ich war 38, als ich meinen ersten Joint rauchte. 38!Und, gefiel es Ihnen?Ja! Aber ein Kiffer bin ich deshalb nicht geworden. Ich habe mich mein Leben lang vor jeder Art von Übermaß ferngehalten, auch beim Trinken. Das heißt noch lange nicht, dass ich ein Langweiler wäre.Aber Sie waren im Rockbusiness ständig von Menschen umgeben, die es mit diesen Dingen übertrieben.Meistens war es nur einer. Dieser eine Typ, der über die Stränge schlug und allen anderen die Arbeit oder die Party versaute. Dann hatte man morgens um drei den Manager am Telefon: „Ich würde den Kerl an eurer Stelle nicht mit auf Tour nehmen. Der macht euch alles kaputt. Schmeißt ihn am besten gleich raus.“Welcher Tod eines Rockstars ging Ihnen besonders nahe?Elvis. Er war das Idol meiner Jugend, der größte Sänger aller Zeiten. Aber als er in seine Lebenskrise kam, traute sich keiner, zu ihm zu sagen: „Reiß dich mal zusammen!“ Was für ein Jammer. Ein einmaliges Talent, das sinnlos verglüht ist.Haben Sie ihn getroffen?Wir wurden einmal backstage zu ihm eingeladen, aber ich bin nicht mitgegangen. Ich wollte Elvis nicht als fetten Hanswurst sehen. Größter Fehler meines Lebens.Mit zwei Kollegen von damals spielen Sie immer noch zusammen. Wie hat sich das Gefühl, ein Rockstar zu sein, seither verändert?Leider sind meine Augen inzwischen sehr schlecht. Als ich unser neues Plattencover per Mail bekam, konnte ich auf dem Bildschirm fast nichts erkennen. Aber als ich es in Händen hielt, spürte ich gleich wieder die alte Magie. Wir haben für den Rest des Jahres mehr als 90 Konzerte auf dem Plan, in der ganzen Welt. Es fühlt sich herrlich an, am Leben zu sein.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Das Album heißt „Splat!“, inspiriert durch das Geräusch, das eine Fliege macht, wenn sie gegen die Autoscheibe klatscht.Was ist das Letzte, das einer Fliege durch den Kopf geht, wenn sie aufschlägt? Antwort: Ihr eigener Hintern. Ha ha, alter Witz. Aber das war der Ausgangspunkt: Was passiert, wenn man im Todesmoment das eigene Leben, vielleicht sogar die ganze Menschheitsgeschichte wie einen Film vor dem inneren Auge sieht? Und welcher Bewusstseinszustand folgt darauf?Das klingt wie eines der überkandidelten Albumkonzepte, für die Progrock-Bands berüchtigt waren.Ich stellte mir jedenfalls vor, wie sich Gott und Darwin im Pub treffen und über die Überbevölkerung reden: „Charles, beim nächsten Versuch müssen wir die Zahlen genauer im Auge behalten!“ Ich überlegte, wie der Darwinismus die Zukunft der Zivilisation bestimmen könnte. Werden wir Verteilungskämpfe führen, wie Tiere während der Evolution? Und was wäre, wenn Menschen sich wie Schmetterlinge verpuppen und in resistentere Wesen verwandeln könnten?Sehr interessant, aber vielleicht sollten wir …Moment! Ich dachte auch über Aliens nach und darüber, warum sie immer wie Menschen mit riesigen Köpfen dargestellt werden. Und ob eine Art Wandlung ins Metaphysische nicht unsere einzige Überlebenschance sein könnte. Dann dachte ich noch an König Arthur, das Römische Reich, lauter historische Puzzleteile, die alle in diese Vision …Viele glauben ja, die Rockmusik habe sich übernommen, als sie plötzlich Kunst statt Unterhaltung sein wollte.Stimmt, Anfang der Siebziger gab es einen Bruch. Die Mode änderte sich, und viele Bands mussten reagieren, um ihre Karrieren zu retten. Bei Deep Purple lag die Sache anders. Modisch waren wir sowieso nie, aber wir wurden als Musiker immer besser. Und eines Tages hat man keine Lust mehr, bis in alle Ewigkeit „Highway Star“ zu brettern. Dann kann es passieren, dass man nur noch für den eigenen kleinen Mann im Ohr spielt. Man vergisst, was das Publikum interessiert.War das der Grund, warum Sie die Band 1973 verließen?Es gab viele Gründe. Haben Sie „Spinal Tap“ gesehen?Ja. Den Komödienfilm über eine fiktive Band, die alle Rockklischees erfüllt. Sie stellt sich ein Stonehenge aus Pappmaché auf die Bühne, verläuft sich im Stadion auf dem Weg zum Bühneneingang, und ständig explodieren ihre Schlagzeuger.So ähnlich war es zeitweise bei Deep Purple. Jetzt mal grob gesagt.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Welche Rolle hat für die Bands Ihrer Generation die Weltkriegserfahrung gespielt? Es fällt auf, dass die stilbildendsten britischen Rockstars fast durchweg Kriegskinder sind.Das ist sicher kein Zufall. In der Zeit nach dem Krieg war ein starkes kulturelles Vakuum zu spüren. Zum einen herrschte noch eine veraltete, in Teilen viktorianische Art der Disziplin, unter der vor allem junge Leute litten. Gleichzeitig hatten sich Unmut und Langeweile angestaut, es brodelte. Dazu kam, dass in Großbritannien mit größter Selbstverständlichkeit schwarze Musik gehört wurde, weil es bei uns die kulturelle Segregation nicht gab, die in den USA viele weiße Hörer vom Rhythm’n‘Blues fernhielt.Aber das hatte nicht direkt mit dem Krieg zu tun, oder?Wer kann das schon sagen? Ich weiß noch, wie ich 1965 mit meiner damaligen Band eine Konzertreihe in einem Club in Frankfurt spielen sollte. „Mum, Dad, ich fahre nach Deutschland!“, sagte ich zu meinen Eltern, und die erschraken erst mal. 1965, das war 20 Jahre nach Kriegsende, die Erinnerungen waren frisch. Mein Vater meinte nur: „Junge, wenn du schon nach Deutschland reist: Schließ dort ein paar Freundschaften!“ Und das machte ich. Einige von ihnen dauern heute noch an.Es war die Zeit, in der Popmusik zum Medium der Kulturrevolution wurde. Hat sie das Potenzial heute noch?Ich kann nicht für andere sprechen, aber ich selbst werde immer ein Rebell bleiben. Und wenn es darum geht, die verkalkten Zustände aufzubrechen, bin ich gern dabei. Ich lehne jeden Extremismus, jede Verbohrtheit ab, egal ob von links oder rechts. In meinem Freundeskreis gibt es ein Paar, stramme Kommunisten. Neulich ging bei ihnen ein Wasserhahn kaputt, aber sie riefen keinen Handwerker. Warum? Weil sie wissen, dass der einzige Klempner am Ort die Tories wählt. Darin liegt für mich etwas Allegorisches.Was meinen Sie?Wenn Ideologie jeden Gedanken ans Lebenspraktische ausbremst, bekommt sie etwas Selbstzerstörerisches. In der politischen Praxis der Gegenwart findet man viele weiter Beispiele dafür. Besonders in Großbritannien.Dürfen wir von Deep Purple eine Hymne zum Aufbruch erwarten?Leider nein, Politik ist ein schwieriges Thema bei uns. Wir sind fünf Männer mit diametralen Ansichten und reden lieber über die harmlosen Dinge des Lebens. Sonst könnten wir nicht zusammenarbeiten. Ich erinnere mich wehmütig, wie es zuging, wenn mein Vater früher in den Pub ging. Er arbeitete im Lager einer Londoner Fabrik, an der Theke saß er dann mit einem alten Soldaten, einem Lehrer, einem Polizisten und einem Ladenbesitzer. Wenn die diskutierten, ging es richtig zur Sache. Das waren herrliche Zeiten.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Ihre Mutter stammte aus einem Künstlerhaushalt. Die Welten Ihrer Eltern vertrugen sich?Ich weiß noch, wie meine Mutter immer zu meinem Vater sagte: „Bill, wir wollen doch ein besseres Leben. Such dir mal einen Bürojob mit geregeltem Einkommen!“ Darauf mein Vater, der schottische Labour-Mann: „Pat, ich liebe die Fabrikarbeit, meine Kumpels und den Umschlag mit Bargeld, den man mir freitags in die Hand drückt. Was haben wir in der unteren Mittelklasse verloren, wenn wir in der Arbeiterklasse ganz oben stehen?“Sie selbst haben mit 80 ein Vermögen im Rücken, malochen aber gleichzeitig noch auf der Bühne. Ist das das Beste beider Welten?Könnte man so sehen, ja. Die schönsten Momente bleiben die, wenn ich auf der Bühne kurz nichts zu tun habe, ein paar Schritte nach hinten trete, zwischen Schlagzeug und Keyboards. Und dann einfach den anderen zuhöre, den Zusammenhalt spüre, die Erregung, die unbändige Kraft der Musik. Das ist auch nach über 60 Jahren noch der pure Wahnsinn.
Ian Gillan im Interview: „Ich wollte Elvis nicht als fetten Hanswurst sehen.“
Der „Deep Purple“-Sänger über Vorbilder, die Bedeutung des Krieges für den Rock und die Frage, warum nicht über Politik singen kann.







