Kurz nach dem Ausscheiden seiner Mannschaft fing Ralf Rangnick an zu schwärmen. So etwas habe er noch nie erlebt, sagte Rangnick: eine solche Leistung von einem Spieler auf dieser Position. Außergewöhnlich sei das, diesen Mann live zu erleben.Österreichs Trainer sprach nicht über den zweifachen Torschützen Mikel Oyarzabal, er meinte auch nicht Lamine Yamal, der zum besten Spieler dieses Spiels gewählt worden war. Rangnick, dessen Fußballprinzip die Unruhe ist, der immer Stress und Chaos stiften will, wenn der Gegner den Ball besitzt, bestaunte den Spieler, der Ordnung schafft. Den Spieler, der nie gestresst ist.Ralf Rangnick hatte den Mittelfeldspieler Rodri zum ersten Mal live gesehen bei diesem 0:3, das für seine Mannschaft das Ende des WM-Turniers bedeutete. Er konnte dabei bewundern, wie das aussieht, wenn alles ineinandergreift bei einer Ballbesitzmannschaft. Wenn, wie bei Rodri, jeden Pass eine Idee begleitet. Und unter diesem Eindruck sagte Rangnick dann: „Ich würde mich nicht wundern, wenn wir heute nicht nur auf den amtierenden Europameister getroffen wären, sondern auch auf den zukünftigen Weltmeister.“Ob Rangnick das auch deshalb sagte, weil es die eigene Harmlosigkeit ein wenig entschuldigt? Vielleicht. Aber Spanien sah am Donnerstag tatsächlich zum ersten Mal in diesem Turnier aus wie Spanien, der Europameister. Und damals, als diese Europameisterschaft 2024 zu Ende gegangen war, hatte sich in der Fußballwelt schon der Eindruck verbreitet, dass diese Mannschaft nicht nur bei der WM in zwei Jahren, sondern vielleicht auch in vier und in sechs Jahren der Maßstab sein könnte.In den ersten Wochen dieses Turniers in Nordamerika hatten sich diesem Eindruck ein paar Zweifel beigemischt. Die Zweifel steckten nicht nur in Lamine Yamals linkem Oberschenkel, der ihn vor der WM auf Sofas und Tribünen gefesselt hatte. Sie ergaben sich auch aus den Spielen gegen Uruguay und Kap Verde, in denen dem Europameister insgesamt nur ein einziges Tor gelang. Da wirkten sie eher wie das Team der vergangenen WM-Turniere als wie die Mannschaft der vergangenen Europameisterschaft.„Nach und nach fühle ich mich wie ich selbst“Aber es ist eben auch Teil des neuen Weltmeisterschaftsmodus, dass man mit ein paar geschwächten Oberschenkeln ganz gut durch die Gruppenphase kommt, wenn man nur genügend Spieler mit Begabung in den Beinen hat. Vermutlich hilft es sogar, sich hier und da mal einen Sprint aufzusparen. Die eigentliche WM beginne erst jetzt, hatte Lamine Yamal nach der Gruppenphase gesagt.Am Donnerstag, nachdem Yamal 85 Minuten lang getrickst, gerannt, geschossen hatte, sagte er: „Nach und nach fühle ich mich wieder wie ich selbst.“ Er hatte einmal den linken Pfosten der Österreicher getroffen und einmal Österreichs David Alaba, als der gerade auf der eigenen Torlinie stand. Er war Gegnern entwischt und hatte Chancen erspielt – aber er hatte mit keinem der drei Tore, die sein Team an diesem Tag schoss, direkt etwas zu tun.Für Spanien ist es eine entscheidende Nachricht, dass sich ihr bester Angreifer wieder wie er selbst fühlt. Aber es ist auch eine wichtige Nachricht, dass sie gegen Österreich nicht von ihm abhängig waren. Man kann daran sehen, dass sich nicht nur Yamal wie Yamal fühlt, sondern auch diese Mannschaft mehr und mehr wie sie selbst spielt, samt Rodris ordnendem Fuß in der Mitte.Die Spanier spielen wie die beste Version ihrer selbst, wenn die Abstimmung, wenn die Verbindung zwischen den Spielern perfekt ist. Dann entstehen aus dieser Verbindung die Funken, die zu Toren führen. Wie in der 36. Minute dieses Spiels gegen Österreich, als Marc Cucurella ein paar Schritte links vom Strafraum den Ball annahm und nur Mikel Oyarzabal ahnte, was Cucurella damit vorhatte. Oyarzabal lief nicht Richtung Tor, um auf die Flanke zu warten, wie das die Verteidiger taten. Er tänzelte zum Elfmeterpunkt, um auf den Querpass zu warten. Niemand außer ihm hatte mit dem Querpass gerechnet, der zum 1:0 der Spanier führte.Ein struktureller VorteilDas ist die Art, wie Spanien Spiele auch ohne die Geistesblitze von Lamine Yamal gewinnt: Sie sehen Räume eher, lesen Pässe besser, stimmen sich klüger ab. Rodri gibt den Weg vor, Pedri entzündet den Angriff, Daní Olmo taucht immer dort auf, wo gerade kein Gegner hinsieht. Sie führen ihre Gegner auf ihre Weise vor, weil sie sich besser positionieren. Und weil sie wissen, wie sich der Rest der Mannschaft positioniert.Wie genau Cucurella und Oyarzabal das wissen, sah man auch vor dem 3:0 nochmal, als der Verteidiger von links zum Stürmer in der Mitte passte. Davor hatten die Spanier ihre Gegner mit einer endlosen Passreihe so lange dem Ball hinterher hetzen lassen, bis sich der Raum vor dem Tor öffnete. Es kann sein, dass auch diese Spielweise wichtiger wird, je länger dieses Turnier dauert: weil der Gegner schwitzen muss, während man eigene Kräfte schont. Es ist ein Extratrumpf der spanischen Spielstruktur, der noch zum strukturellen Vorteil werden könnte.Als Ralf Rangnick am Donnerstag über das Spiel des Gegners sprach, benutzte er einen Begriff aus der Tenniswelt. Er könne sich an keinen einzigen „Unforced Error“ der Spanier erinnern, sagte Rangnick. Es sei auch sinnlos, auf spanische Fehler zu hoffen.Nur ist eben das Produzieren von gegnerischen Fehlern eine Kernidee des österreichischen Spiels, auch eine Kernidee von Rangnick. Womöglich sprach Österreichs Trainer auch deshalb so fasziniert über Rodri: Weil er der Mann ist, der immer das Gegengift zu Rangnicks Pressing im Hosenbund stecken hat. Und so wurden in diesem Kontrast, als zum ersten Mal in diesem Turnier die spanischen Möglichkeiten ganz zum Vorschein traten, auch die österreichischen Grenzen besonders sichtbar.Am kommenden Montag (21 Uhr MESZ) werden die Spanier im Achtelfinale auf einen Gegner mit weniger engen Grenzen treffen. Vor allem, weil das portugiesische Mittelfeld ihre Kräfte anders binden dürfte als jeder Gegner, auf den sie bisher getroffen sind. Auch Vitinha, João Neves und Bruno Fernandes sind gedankenschnell, auch sie sind Meister der Ballkontrolle. Aber vielleicht können sich auch diese Spanier noch einmal steigern.Ein paar Minuten, nachdem Ralf Rangnick den Pressekonferenzraum in Inglewood verlassen hatte, nahm Luis de la Fuente dort Platz, wo Rangnick über seine Mannschaft geschwärmt hatte. De la Fuente bedankte sich, als er auf das große Lob angesprochen wurde. Er widersprach Rangnick aber auch. Der hatte nämlich gesagt, dass es nach diesem Spiel wohl kaum etwas zu verbessern gebe für den Trainer. Und das sah der Trainer aus Spanien dann doch ganz anders als der aus Deutschland. Nachdem Spanien, das Vorrundenteam, endlich wie Spanien, der Titelfavorit gespielt hatte, sagte er: „Dieses Team hat seinen Zenit noch nicht erreicht.“
Wie Spanien bei der Fußball-WM 2026 gegen Österreich brillierte
Spanien brilliert beim K.o.-Sieg gegen Österreich. Ralf Rangnick kommt anschließend aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Der spanische Trainer widerspricht ihm trotzdem.












