Als Diogo Jota am 3. Juli 2025 um 0 Uhr 30 auf einer spanischen Autobahn verunglückte, starb er wie einer von unzähligen portugiesischen Arbeitsmigranten vor ihm. Nach einem Sommerurlaub in der Heimat, auf einer Schnellstraße auf dem Weg zurück an die Arbeitsstelle im Norden, mitten in der Nacht. Doch Diogo Jota war kein gewöhnlicher Emigrant, er war ein Fußballstar. Und deshalb fielen sein Tod und die Erinnerung an sein Leben nicht etwa auf einen kleinen familiären Kreis in der Provinz zurück, sondern wurden zu einem weltweiten Medienspektakel, das bis heute andauert.Bei Jotas Trauerfeier in seiner Heimatstadt Gondomar erschienen Hunderte Fans, Freunde und Bekannte und die höchsten Spitzen des Staates: Portugals Staatspräsident und der Premierminister. Sportstars aus aller Welt meldeten sich zu Wort. Straßenkünstler und Anhänger des FC Liverpool errichteten eine improvisierte Gedenkstätte. Die Gallagher-Brüder der britischen Popband Oasis, als frenetische Fans des Liverpool-Rivalen Manchester City bekannt, zollten dem portugiesischen Fußballer bei ihrem ersten gemeinsamen Konzert nach 16 Jahren Tribut und blendeten während des Songs „Live Forever“ ein Jota-Bild ein.Mit seinem Bruder wollte er zur Fähre nach SantanderIn die Trauer über Jotas Tod mischte sich die Frage, warum sein Leben endete, als er auf beruflicher und persönlicher Ebene gerade den Höhepunkt erreicht zu haben schien. Diogo José Teixeira da Silva, der „Jota“ genannt wurde, war im Mai 2025 mit dem FC Liverpool englischer Meister geworden. Er hatte Anfang Juni mit Portugal die UEFA Nations League gewonnen und zwei Wochen vor dem tödlichen Unfall während seines Portugal-Urlaubs seine Freundin und Mutter seiner drei Kinder geheiratet. Jota wollte mit seinem Bruder André von Porto zum spanischen Hafen Santander fahren, um von dort mit einer Fähre nach England überzusetzen. Nach einem kleineren chirurgischen Eingriff an der Lunge in Portugal sollen ihm Ärzte empfohlen haben, auf eine Flugreise zu verzichten. Die Brüder mieteten sich einen Lamborghini. Bei überhöhter Geschwindigkeit platzte in der Nähe des Dorfes Cernadilla ein Reifen, der Sportwagen brannte vollkommen aus.Unvergessen in Liverpool: Diogo Jota (1996 – 2025)dpaDer FC Liverpool entschied, Jotas Rückennummer 20 nie wieder an einen Spieler zu vergeben. Außerdem hat der Verein die ungewöhnliche Entscheidung getroffen, Jotas Gehalt zwei Jahre über seinen Tod hinaus bis zum Vertragsende 2027 an die Familie auszuzahlen. In unmittelbarer Nähe zum Anfield-Stadion soll ihm ein Denkmal errichtet werden.Auch für Portugals Nationalmannschaft war der Tod des 49-maligen Auswahlspielers ein einschneidender Moment. Zu Beginn der WM-Qualifikationsphase erklärte Trainer Roberto Martínez im Spätsommer 2025: „Das Fehlen von Diogo ist für uns ein Faktor für unsere Geschlossenheit, Motivation und Verantwortung. Diogo wollte die WM gewinnen, wir werden darum kämpfen, diesen Traum zu erfüllen.“Jotas Rückennummer 21 in der Selecção ist zum Symbol für das Gedenken an den ehemaligen Mitspieler geworden. Während der WM-Qualifikationsheimspiele applaudierten die Fans in der 21. Minute. Cristiano Ronaldo schoss im ersten Spiel gegen Armenien in der 21. Minute ein Tor. Jotas bester Freund im Nationalteam, Rúben Neves, trug von nun an die Nummer 21, entschied mit einem späten Tor das Spiel gegen Irland.Auch am Donnerstag, als die Portugiesen im Sechzehntelfinale der WM 2:1 gegen Kroatien siegten, gedachten seine Teamkollegen Jota. Ronaldo, der per Elfmeter zum 1:0 traf, streifte sich ein Portugal-Trikot mit der Nummer 21 über und hob den Finger gen Himmel. „Er ist dort oben und leuchtet auf uns herab“, sagte der Starstürmer hinterher. „Es ist ein besonderer Moment. Wir alle hatten das Gefühl, dass er bei uns ist, und es machte heute einfach Sinn, zu gewinnen, um ihm auf die beste Art und Weise zu gedenken.“Diogo Jota steht beispielhaft für eine Generation portugiesischer Nationalspieler, die im Schatten des gealterten Superstars Cristiano Ronaldo das beste sportliche Alter erreicht hat. Jota und die große Mehrheit seiner Kollegen spielten nur kurze Zeit im portugiesischen Profifußball, bevor sie vom einflussreichen Agenten Jorge Mendes unter Vertrag genommen wurden. Jota ging zu Atlético Madrid, konnte sich aber nicht durchsetzen. Für Jota, Rúben Neves, Pedro Neto und Nélson Semedo wurde der englische Verein Wolverhampton Wanderers das Karriere-Sprungbrett: Die engen Beziehungen zwischen Jorge Mendes und Fosun, dem chinesischen Unternehmen und Wanderers-Besitzer, ermöglichten, dass Jota und andere, die zunächst einen schweren Stand im Ausland hatten, einen neuen Anlauf in der anspruchsvollsten Liga der Welt nehmen konnten. Diogo Jota nutzte seine zweite Chance. Auf Drängen des damaligen Liverpool-Trainers Jürgen Klopp wechselte er 2020 an die Anfield Road. Für Liverpool erzielte er in 123 Premier-League-Spielen 47 Tore. Dabei bremsten ihn immer wieder Verletzungen aus.Das galt auch für seine Karriere in der Nationalelf. Unter Fernando Santos entwickelte er sich bei der EM 2021 zum Stammspieler. Die WM in Qatar verpasste er wegen einer Verletzung. Doch seine Spielergeneration hätte von einer Entwicklung profitieren können. Santos hatte Cristiano Ronaldo im WM-Achtelfinale auf die Bank verbannt. Das 6:1 gegen die Schweiz gilt immer noch als eines der besten Spiele der Selecção. Portugal scheiterte jedoch anschließend im Viertelfinale. Mit einer Konsequenz auch für Diogo Jota: Fernando Santos musste gehen. Das Pressing- und Konterspiel, das dem schnellen, aggressiven und taktisch starken Jota sehr gelegen kam, verschwand wieder aus der portugiesischen Nationalelf.Unter Roberto Martínez ist Ronaldo wieder zur zentralen Figur geworden. Spielkontrolle und ballsicheres Passspiel stehen im Vordergrund. In der auf Ronaldo zugeschnittenen Taktik spielen Instinktfußballer nur eine Nebenrolle. Diogo Jota kam seit der EM 2024 nur auf zwei Startelfeinsätze. Im letzten Spiel seines Lebens, im Nations-League-Finale im Juni 2025 gegen Spanien, wurde er in der 104. Spielminute eingewechselt.Martínez kündigte an, 26+1 für die WM zu nominierenDoch die Erinnerung an ihn lebt im Kreis der Nationalelf weiter. Martínez sagte, er werde 26+1 Spieler mit in die USA nehmen. Als Portugals Staatspräsident António José Seguro vor der Abreise in die USA das Trainingslager besuchte, ermutigte er das Team, die WM-Trophäe nach Portugal zu holen – in Andenken an Diogo Jota. Zum ersten Gruppenspiel der Portugiesen gegen Kongo lud der portugiesische Verband Jotas Eltern ins Stadion ein, ein Konterfei des Spielers wurde eingeblendet. Und auf dem Platz tragen die portugiesischen Nationalspieler nun ein Armband in den Nationalfarben, das von Premierminister Luís Montenegro eigenhändig überreicht worden war und eine Inschrift zu Ehren Jotas trägt.„He’s a lad from Portugal, better than Figo, don’t you know“, haben die Liverpool-Fans in ihrer Hymne an den portugiesischen Stürmer einst gesungen. Der Kapitän der schottischen Nationalelf und ehemalige Liverpool-Kollege Andy Robertson sagte, er spiele das Turnier nicht nur für sich, sondern auch für seinen guten Freund Diogo Jota.Besser als der ehemalige Weltfußballer Luís Figo war Diogo Jota wahrscheinlich nicht. Doch der portugiesische Fußballverband und die Nationalelf werden nicht müde, zu betonen, dass der Tod des „Kumpels aus Portugal“ das Schicksal der Selecção nachhaltig geprägt hat. Was das für den Erfolg des portugiesischen Fußballs bedeutet, ist allerdings ungewiss.
Fußball-WM 2026: Wie Portugal um Diogo Jota trauert
Vor einem Jahr schockte Diogo Jotas Unfalltod die Fußballwelt. Während der WM spielt die Selecção für ihren früheren Mannschaftskollegen – aber was bedeutet das Festhalten an Ronaldo für Jotas Spielergeneration?













