Am Anfang stand das Schaf Dolly. Inzwischen können auch Haustiere auferstehen. Eine Geschichte über das Geschäft mit der Hoffnung.Der teuerste Mops der Welt hat Angst vor Schuhkartons. Junior bellt ein Pferd an, schleift die Leine hinter sich her und rennt die kleine Schotterstrasse hinunter. Dann rutschen seine kurzen Beine über den Kies, und er bleibt stehen. Vor ihm liegt eine Schachtel, er schnuppert kurz und macht einen grossen Bogen um sie, als könnte sie gleich explodieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Warum Junior Angst vor Schuhkartons hat, weiss niemand. Er fürchtete sie schon als Welpe. Was man aber weiss: Schon Michelle Wilsons erster Hund hatte die gleiche Angst. Er hiess Teddy und war ihre erste grosse Liebe, Junior ist ihre zweite.Vor Michelle Wilsons Backsteinreihenhaus in Northampton, einer Stadt in den englischen Midlands, hundert Kilometer nördlich von London, sind zwei Autos parkiert, ein Range Rover und ein Mini Cooper. Auf einem Nummernschild steht: JUI3NOR. Auf dem anderen: T333DSY. Die Schilder sind Liebeserklärungen an ihre Hunde.Michelle Wilson weiss, wie viel sie diese Liebe kostet: Für Junior bezahlte sie 50 000 Dollar.Als Teddy starb, wollte Wilson keinen neuen Hund, sie wollte denselben noch einmal. Junior ist Teddys Klon. Gemacht wurde er aus Teddys linkem Ohr.Von Dolly zu TeddyDass Wilson überhaupt auf die Idee kommen konnte, Teddy zu klonen, verdankt sie einem Schaf. Dolly war vor dreissig Jahren der Beweis, dass aus einer einzigen Zelle eines Tieres eine Kopie wachsen kann.Das ist möglich, weil in jeder Zelle eines Tiers oder Menschen, in jeder Hautzelle, Gehirnzelle oder Muskelzelle, der Bauplan des ganzen Körpers steckt. Bei Dolly war es eine Euterzelle.Nach den Schafen klonten Wissenschafter auch Mäuse, Rinder, Schweine, Kaninchen und Ziegen. Heute versprechen Firmen ihren Kunden, ihre verstorbenen Haustiere zurückzubringen. Michelle Wilsons Mops Junior ist weltweit einer von wenigen tausend geklonten Hunden.Lange klonte man Tiere vor allem für Forschung und Zucht: zum Beispiel, um das Erbgut besser zu verstehen oder leistungsfähige Nutztiere zu vermehren. Später kam man auf die Idee, dank der Technik bedrohte Tierarten zu retten. Bei Haustieren geht es um nichts davon. Es geht um das Geschäft mit der Liebe, Verlust und Trauer: Wer seinen Hund klonen lässt, löst kein wissenschaftliches Problem, sondern ein emotionales.Michelle Wilson nimmt Junior die Leine ab. Er trottet in die Küche, wedelt ein paar Mal, schnüffelt an einem Schuh und legt sich ihr vor die Füsse. «Good boy», sagt sie und streicht ihm über das Fell.Wilson hebt Junior hoch, geht mit ihm ins Wohnzimmer, setzt sich auf einen Stuhl und legt ihn sich auf die Beine.«Junior sieht aus wie ein richtiger Hund und verhält sich wie ein richtiger Hund.» Der Satz klingt, als müsse sie einem Verdacht zuvorkommen. «Junior ist kein Freak. Und ich bin auch keine Verrückte.»Michelle Wilson ist 52 Jahre alt und lebt allein mit Junior. Ihr Haus ist ruhig und leer geworden, seit die beiden erwachsenen Töchter ausgezogen sind. Sie hat es mit farbigen Kissen und gestrickten Decken eingerichtet, es ist ein warmes Zuhause. Wilson gehört eine Hundepension, manchmal sieht sie tagelang mehr Hunde als Menschen. Aber das war nicht immer so.Als Kind durfte Wilson keinen Hund haben, nur ein Meerschweinchen, es hiess Elizabeth, wie die englische Königin. Erst mit Mitte 30 hatte sie ihren ersten Hund. Vor allem die beiden Töchter wollten unbedingt einen. Sie nannten ihn nach ihrem Schwarm aus der Fernsehserie «Beverly Hills 90210»: Teddy. Bald war Michelle Wilson so vernarrt in Teddy, wie sie es nie gedacht hätte.Weil sie den Mops nicht so oft alleinlassen wollte, kündigte sie ihren Job in der Rechtsabteilung eines Schuhunternehmens und begann, als Dog-Walkerin zu arbeiten. 2010 eröffnete sie ihre eigene Hundepension, die sie einrichtete wie ein Wohnzimmer, mit Sofas, Kissen und Kuschelecken.So etwas war neu in England, Teddy war in der Pension ein kleiner Star, über den sogar die Lokalzeitung berichtete.Wenn man Wilson fragt, was sie an Teddy besonders geliebt habe, sagt sie: «Er war lustig und intelligent. Er war irgendwie menschenähnlich. Wenn ich traurig war, setzte er sich auf meinen Schoss und gab mir einen Kuss.»Die letzte PartyWilson hatte ein Dutzend glückliche Jahre mit Teddy. Aber irgendwann begann der Mops an Arthritis zu leiden. Er hatte Schmerzen, er konnte nicht mehr gut laufen, er war dick geworden und sein Gesicht grau. Teddy bekam Schmerzmittel und Nahrungsergänzungsmittel für die Gelenke.Als er zwölf Jahre alt wurde, machte Michelle Wilson wie jedes Jahr eine Geburtstagsparty für Teddy in ihrer Hundepension. Sie lud wie immer andere Hunde ein und hängte Ballons auf. «Aber er war nicht mehr der Teddy von früher, er war müde und schlief nur.»Ein halbes Jahr später veranstaltete Wilson noch einmal eine Party für Teddy, seine letzte. Sie wusste, er würde es nicht mehr bis dreizehn schaffen. «Ich dachte: Himmel, was soll ich bloss tun?» Michelle Wilson hatte Angst vor der Trauer, bevor die Trauer begann.Dann erzählte ihr eine Kundin in der Tierpension, sie überlege sich, ihren Hund klonen zu lassen. Wilson erinnert sich noch genau an das Gespräch.Sie lachte und sagte: «Mein Gott, wenn man das nur könnte.»«Das kann man, Michelle.»«Nein, unmöglich.»«Schau im Internet nach.»Michelle Wilson ging nach Hause, recherchierte die ganze Nacht und sah, dass es stimmte.Diese Nacht veränderte alles: Ohne die Erkenntnisse aus dieser Nacht wäre Teddy irgendwann gestorben, Wilson hätte getrauert, die Trauer wäre vorbeigegangen, und sie hätte gelernt, ohne ihn zu leben.Aber jetzt, wo sie wusste, dass man in den Lauf des Lebens eingreifen kann, wollte sie es auch. Sie verstand zwar, dass Teddy nicht wiedergeboren werden würde. Aber vielleicht könnte etwas von ihm zurückkommen. Etwas, das sich wie Teddy anfühlt. Mehr als Teddy selber wollte sie die Beziehung zu ihm retten.Am Abend des 3. Dezember 2022 entschied Wilson, dass es Zeit ist für ein Wunder. Sie öffnete ihren Computer und schrieb eine E-Mail an eine Klonfirma, die sie im Internet fand.«Hallo. Ich lebe in Grossbritannien und glaube, dass ich Hilfe brauche. Mit dem Ablauf kenne ich mich noch nicht aus, aber ich würde mich über Unterstützung freuen. Michelle.»Eine Frau antwortete: «Hallo Michelle. Vielen Dank für Ihre Nachricht. Darf ich fragen, um welche Art Haustier es sich handelt? Möchten Sie weitere Informationen zum Klonen von Katzen, Hunden oder Pferden? Freundliche Grüsse, Lucy.»Lucy Morgan ist die Frau, in deren Labor Teddys Leben bald ein zweites Mal beginnen würde.Am 28. Dezember 2022 starb Teddy an einer Lungenentzündung. Wilson weinte um ihren Hund, sie hatte den Tod kommen sehen, doch als er da war, traf er sie mit einer Wucht, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Gleichzeitig hatte sie aber auch eine Aufgabe und wusste, was zu tun war: Es musste schnell gehen, höchstens fünf Tage hatte sie Zeit. Sonst wären Teddys Zellen nicht mehr brauchbar.Am Tag nach seinem Tod schnitt Wilsons Tierärztin ein Stück von Teddys Ohr ab, so gross wie ein halber Radiergummi, und schickte es zu Lucy Morgan.Für die EwigkeitWer verstehen will, wie aus einem Stück Ohr wieder ein Hund wird, muss zu Lucy Morgan in die Grafschaft Shropshire reisen, nahe der Grenze zu Wales.Hier liegt die Firma Gemini Genetics zwischen Feldern und Pferdeweiden auf einem ehemaligen Bauernhof. Morgan ist die Managerin der kleinen Biotechfirma mit vier Angestellten.Im geheimnisvollsten Raum des Betriebs sieht es aus wie in einer Käserei. An den Wänden stehen Metallbehälter, so gross wie überdimensionierte Milchkannen. Als Morgan einen der Deckel öffnet, strömt kalter Rauch heraus.Die Milchkannen sind Kryotanks, gefüllt mit flüssigem Stickstoff. Darin lagern Zellen und Gewebe bei minus 196 Grad. Bei dieser Temperatur steht die Zeit still, eine Gefrierkammer für die Ewigkeit.Die Firma bewahrt Proben von 400 Tieren auf, die darauf warten, geklont zu werden. Die meisten stammen von Hunden, dann kommen Katzen und Pferde. Wenige sind auch von Hasen und Meerschweinchen.Das Klonen von Tieren beginnt vor dreissig Jahren mit dem Schaf Dolly. Später folgen Mäuse, Rinder, Schweine, Kaninchen oder Ziegen.Als Proben eignen sich die Ohren am besten, weil sich aus ihrer Haut besonders gut lebende Zellen züchten lassen. Wenn ein Stück Ohr bei der Firma ankommt, schneidet Morgan das Gewebe in kleine Stücke und legt diese in eine Nährlösung. Wenn alles gutgeht, wächst daraus etwas Erstaunliches: Millionen lebender Zellen, die die DNA des verstorbenen Tieres tragen. Diese braucht es für einen Klon.So war es vor dreieinhalb Jahren auch beim Mops Teddy. Morgan wartete ein paar Tage, hoffte auf lebende Zellen und schrieb Michelle Wilson: «Michelle, es hat geklappt. Teddy kann geklont werden.»Am Anfang war es jedes Mal ein kleines Wunder, wenn es mit einem neuen Leben klappte, so wie vor sechs Jahren bei der ersten Katze, sie hiess Ginger. Inzwischen hat auf dem Hof das Leben von fünfzig geklonten Tieren begonnen. Fast jedes Mal war Morgan dabei, eine Art Hebamme im Labor.Zwei der geklonten Tiere leben hier auf dem Gelände, ein Cockerspaniel und ein Pferd. Beide heissen Gem, der Name bedeutet Edelstein. Wenn Morgan über den Hof geht, ist der Hund Gem immer bei ihr und streift ihr durch die Beine.Morgan, 33 Jahre alt, wuchs auf einem Bauernhof mit Pferden auf, studierte Animal Health and Welfare, ein Fachgebiet für Tiergesundheit, Verhalten und Tierwohl. Sie sagt: «Ich hänge viel mehr an Tieren als an Menschen. Tiere lieben einen, egal ob man drei Köpfe, fünf Arme oder sechs Beine hat. Sie lieben einen so, wie man ist. Die Welt der Menschen habe ich nicht immer als besonders freundlich erlebt.»Nach dem Studium begann Morgan für Stallion AI zu arbeiten, eine Firma für künstliche Besamung von Rennpferden. Stallion AI gehört demselben Besitzer wie Gemini Genetics, einem ehemaligen Jockey, und befindet sich auf dem gleichen Bauernhof. Auch eine Wohltätigkeitsorganisation für den Schutz bedrohter Tierarten gehört zur Anlage.Gemini Genetics entstand 2019 aus Stallion AI: Von der künstlichen Fortpflanzung zum Klonen – es war nur ein weiterer Schritt in die gleiche Richtung. Auch Morgan wechselte von der Pferdezucht ins Klonlabor.Sie erinnert sich praktisch an jedes geklonte Tier, dessen Leben hier auf dem Bauernhof angefangen hat. Besonders gern denkt Morgan an Junior zurück. Sie und Michelle Wilson sind Freundinnen geworden.Wilson kommt immer wieder zu Besuch. Zusammen durch einen Trauerprozess zu gehen, sei etwas sehr Intimes, sagt Morgan.«Den Verlust eines Haustieres zu verkraften, ist ein echter Schmerz. Viele Menschen können nicht verstehen, warum man ein Haustier klonen möchte. Es sei denn, man hat selbst schon einmal eines verloren.»In einem der Kühltanks liegt auch ein Stück Haut von Lucy Morgans Pony. Es hiess Tim und war das Pony ihrer Kindheit, vor sechs Jahren starb es. Irgendwann wird Morgan Tim vielleicht klonen, sie hat sich noch nicht entschieden. Aber allein der Gedanke, dass sie es tun könnte, tröstet sie.Diesen Trost gibt sie weiter: Morgan hat Trauerkurse besucht, um ihre Kundinnen und Kunden besser begleiten zu können.Jede Woche kommen durchschnittlich zwei Tierbesitzer auf den Bauernhof, um sich zu erkundigen, ob es wirklich stimmt, was sie gehört haben: Ob Klonen funktioniere. Ob es gefährlich sei. Und ob man es überhaupt dürfe.Rechtlich bewegt sich das Klonen von Tieren in einer Grauzone. In der EU ist es zum Beispiel nur für die Lebensmittelproduktion ausdrücklich verboten.Sonst gelten je nach Land unterschiedliche Regeln, manchmal auch gar keine. In vielen europäischen Staaten ist das Klonen so geregelt wie in der Schweiz: Es gilt als Tierversuch und braucht eine Bewilligung. Erlaubt ist es nur für wissenschaftliche oder medizinische Zwecke. Das Klonen von Haustieren fällt nicht darunter.Auch in Grossbritannien ist das Klonen von Tieren zu nichtwissenschaftlichen Zwecken verboten. Was nicht verboten ist: ein geklontes Tier zu besitzen.Die Arbeit von Gemini Genetics hört dort auf, wo es rechtlich heikel wird. Lucy Morgan züchtet die Zellen nur. Dann schickt sie sie in die USA, eines der wenigen Länder, wo Haustierklonen erlaubt ist und angeboten wird. Ein paar Monate später kommt ein geklontes Tier zurück.123 Leihmütter8000 Kilometer vom Bauernhof entfernt, in Texas, bei der Firma ViaGen, kümmerte sich ein Team aus Wissenschaftern, Tierärzten und Labortechnikern um den zweiten Teil des Wunders von Michelle Wilson.Dieses Wunder ist noch komplizierter als das erste. Damit das Klonen bei Hunden funktioniert, braucht es zwei lebende Tiere: Eine Hündin spendet die Eizelle, eine andere trägt den Embryo aus.Zuerst entfernen Wissenschafter aus der gespendeten Eizelle den Zellkern und ersetzen ihn durch die DNA des Hundes, der geklont werden soll. Dann schicken sie Strom durch die Zelle. Die Eizelle beginnt sich zu teilen, als hätte gerade ein Leben begonnen. Der Embryo kommt in die Gebärmutter einer Leihmutter. Wenn alles gutgeht, wird 60 Tage später ein Welpe geboren.So nüchtern lässt sich der Vorgang beschreiben, aber für Wilson fühlte er sich anders an.Anfang Januar 2023 entschied sie, Teddys Zellen aus England in die USA zu ViaGen schicken zu lassen. «Es war eine emotionale Zeit, einerseits trauerte ich um Teddy, andererseits war da diese Hoffnung.» Hoffnung auf die Linderung des Schmerzes, Hoffnung, Teddy noch einmal nahe zu sein.Wilson kam auf eine Warteliste. Nach fünf Monaten bekam sie eine Nachricht: «Michelle, Sie wären jetzt an der Reihe. Wollen Sie?» Wilson sagte zu. «Mein Herz raste. Es fühlte sich an wie das Warten auf ein Baby.»Wenige Wochen später kam wieder ein Mail: «Die Schwangerschaft wurde erfolgreich eingeleitet.» Von da an schickte ViaGen jede Woche einen Bericht mit Ultraschallbildern und Aufnahmen der Herztöne, fast wie bei der Schwangerschaft eines Menschen.Michelle Wilson freute sich, aber sie stellte sich auch eine unangenehme Frage: Wie unschuldig ist ihre Freude eigentlich? Sie fragte bei ViaGen nach: «Wie geht es der Mutter? Wird sie gut gehalten?»Auch Wilson hatte gelesen, was beim Klonen alles schiefgehen kann.Das Original und der Klon: Teddy (Mitte) war die Vorlage für Junior.Vor zwanzig Jahren, beim ersten geklonten Hund der Welt, einem Afghanischen Windhund namens Snuppy, benötigten koreanische Forscher 1095 Eizellen und 123 Leihmütter, bis es endlich klappte und ein Welpe zur Welt kam.Die Technik funktioniere heute besser, aber immer noch nicht gut genug, sagen Experten. Eine Studie aus dem Jahr 2022 untersuchte 1000 geklonte Welpen während zehn Jahren und kam zu dem Schluss: Ist ein Klon erst einmal geboren, lebt er zwar ähnlich lang wie andere Hunde. Das Schwierige ist aber, dass es die Hunde überhaupt auf die Welt schaffen. Nur jeder fünfzigste Klonversuch war erfolgreich.Kritiker sagen: Damit ein einziger Hund wie Junior geboren werden kann, geschieht zu viel Leid. Hündinnen bekommen Hormone, Embryonen sterben, manche Welpen kommen krank zur Welt. Andere Tiere gelten bloss als Ausschuss und hätten gar nie geboren werden sollen.Michelle Wilson hätte gern Bilder von Juniors Mutter gesehen, bekam aber keine. Sie vermutet: «Ich durfte keine emotionale Bindung zur Leihmutter aufbauen.» Aber sie habe alle Antworten bekommen, die sie gebraucht habe, um beruhigt zu sein.«Sie versicherten mir, dass die Tiere das bestmögliche Leben hätten und sehr gut behandelt würden. Die Leihmütter dürften keinem Stress ausgesetzt sein, weil sie gesunde Welpen austragen sollen.» Wilson wollte das gern glauben.Eine Ethikerin der Universität Colorado sieht es hingegen anders. Sie vergleicht die Leihmütterhunde mit den unterdrückten Mägden aus der dystopischen Serie «The Handmaid’s Tale» – «sie sind reine Fortpflanzungsmaschinen».Es ist eine der grossen moralischen Fragen beim Klonen. ViaGen beantwortet sie anders als die Kritiker. Die Firma schreibt: «Die wissenschaftliche Literatur und unsere Praxis unterscheiden sich deutlich. Die meisten Studien stammen aus Universitäten, die das Klonen nicht das ganze Jahr als Vollzeitbetrieb betreiben.»Anders als in den wissenschaftlichen Studien liege die Trächtigkeitsrate im eigenen Betrieb bei über 70 Prozent. «Wir machen das seit mehr als zwanzig Jahren und haben über 100 Millionen Dollar in die Verbesserung des Verfahrens investiert.»Viel wichtiger als die Zahlen sei aber, «dass die Menschen bei ViaGen echte Tierliebhaber sind. Wir investieren umfassend in das körperliche und psychische Wohlbefinden aller unserer Tiere – in jeder Phase des Prozesses.»Bei Junior habe alles beim ersten Versuch geklappt, teilte ViaGen Michelle Wilson mit. Es seien keine Komplikationen aufgetreten, aus Teddys Zellen sei ein gesunder Embryo entstanden.Als sie das hörte, schrieb sie ins Tagebuch: «Du bist ein cleverer Junge, Teddy! Dank dir passiert das wirklich.»Das Geschäft mit dem KlonenAm 25. August 2023 kam Junior auf die Welt. Zusammen mit zwei Geschwistern. Wobei «Geschwister» das falsche Wort ist. Die Welpen teilten sich nur den gleichen Bauch: Die Leihmutter trug gleichzeitig die Embryos von drei verschiedenen Hunden aus.Was die anderen Welpen für Rassen sind, erfuhr Wilson nicht. Aus «Datenschutzgründen» bekam sie nur Bilder von Junior. «Manchmal frage ich mich, ob einer der anderen Welpen ein Dackel war, weil Junior Dackel besonders mag. Aber wahrscheinlich projiziere ich da zu viele menschliche Gedanken hinein.»Dass mehrere Welpen gleichzeitig auf die Welt kommen, sei wichtig, damit sie nach der Geburt miteinander spielen könnten, teilte ViaGen Wilson mit.Gleichzeitig ist es kalte Ökonomie: Der Hundemutter mehrere Embryos einzupflanzen, optimiert den Gewinn pro Tierkörper. ViaGen schreibt dazu: «So nutzen wir die verfügbaren Leihmütter effizienter und können mehr Kunden in kürzerer Zeit bedienen.»Klonen ist ein gutes Geschäft. Am meisten verdient ViaGen mit speziellen Tieren, zum Beispiel mit erfolgreichen Renn- und Polopferden oder Polizeihunden, die besonders gut riechen können und darum geklont werden.Aber die gewöhnlichen Haustiere holen auf. Katzen und Hunde kosten 50 000 Dollar, Pferde 85 000. Und wahrscheinlich gibt es bald noch mehr Geld zu verdienen. Der Markt für Haustierklonen wächst schnell: 2024 lag sein Volumen bei 300 Millionen Dollar, bis 2035 könnten es bereits 1,5 Milliarden sein.ViaGen wirbt inzwischen mit dem Slogan: «Die Wissenschaft, die Liebe am Leben erhält.»Für Michelle Wilson traf das den Kern. Teddy war weder ein Polizei- noch ein Spürhund. Ihr Mops konnte nichts besonders gut. Sie liebte ihn einfach. Wilson fand: Das ist ein guter Grund fürs Klonen. Aber die Sache wurde komplizierter, als sie gedacht hatte.«Mama kommt bald»ViaGen behält die Welpen acht Wochen, dann müssen sie abgeholt werden. Für Wilson war das ein Problem. Um den Handel mit Welpen einzuschränken, dürfen Hunde erst im Alter von 15 Wochen nach Grossbritannien einreisen. Wilson musste eine Zwischenlösung für Junior suchen und fand eine Hundepension in New York.Als Junior in die Pension kam, machte sich Michelle Wilson Sorgen. Man schickte ihr Fotos und Videos. «Und ich interpretierte alle meine Ängste hinein: Er sieht dünn aus. Er sieht traurig aus.» Manchmal schickte sie ihm in Gedanken kleine Botschaften: «Mama kommt bald. Halt noch ein bisschen durch.»Mitte November flog Michelle Wilson nach New York und mietete ein Airbnb. Eine Frau von der Hundepension brachte Junior in einer Hundebox zu Wilsons Wohnung und sagte: «Ich habe ihn in eine Decke eingepackt, er friert so leicht.»Wilson hat ein Video von der ersten Begegnung mit Junior gemacht. Man hört sie sagen: «Ich kann kaum sprechen. Ich bin so aufgeregt.»Die Frau sagt: «Ich wette, dass Sie das sind!»Wilson: «Er ist echt!»«Ja, er ist echt!»«Ach, schau dich an, Kleiner. Du bist ja noch viel kleiner, als ich dachte.»«Schau, er kennt Sie! Er weiss, wer Sie sind!»Michelle Wilson wusste, dass Junior keine Ahnung hatte, wer sie war. «Was ich in New York erlebte, war kein Wiedersehen mit Teddy. Es war ein Kennenlernen von Junior.» Da gab es aber etwas schwer zu Beschreibendes, was die beiden miteinander verband, «eine Art gemeinsamer Geist».Am 8. Dezember 2023 brachte Michelle Wilson Junior aus den USA nach Hause. Weil Hunde auf Flügen nach Grossbritannien nicht in der Passagierkabine mitreisen dürfen, flog Wilson mit Junior nach Paris. Von dort fuhr sie in einem Taxi nach Calais weiter, wo eine ihrer Töchter mit dem Auto wartete. Zusammen fuhren sie durch den Eurotunnel zurück nach England.Zu Hause in Northampton begann die eigentliche Prüfung: Wie viel Teddy steckte in Junior?Der alte Hund, den Wilson geliebt hatte, war gebrechlich und krank. Der neue jung und gesund. Wilson merkte schnell: Junior trug zwar Teddys DNA, aber nicht seine Geschichte. Das Leben hinterlässt Spuren, die sich nicht kopieren lassen.Ein später geborener ZwillingDas ist eines der Rätsel beim Klonen: Was genau kehrt in einem Klon eigentlich zurück? Und wie ähnlich ist er dem Original?Klone sind Kopien mit Einschränkungen. Es kann sein, dass die Fellzeichnung eines Hundes oder einer Katze nicht ganz genau gleich aussieht. Oder die Augen leicht anders sind. Und sich die Tiere auch charakterlich unterscheiden.Das hat mehrere Gründe: Ein kleiner Teil des Erbguts stammt nicht vom geklonten Tier, sondern aus den Mitochondrien der Eizellspenderin. Das sind winzige Teilchen mit eigener DNA. Dazu kommen Erziehung, Umwelteinflüsse, Erfahrungen und die sogenannte Epigenetik. Sie beeinflusst, welche Gene im Körper aktiv werden und welche nicht.Eine deutsche Genetikerin erklärte es in einem Interview anschaulich: «Zellen können sich während der Entwicklung etwas willkürlich verteilen. Es ist so, wie wenn Sie eine Torte backen und Schokostreusel darüberstreuen. Wenn Sie das bei zwei Torten machen, dann haben zwar beide Torten Schokosprenkel, aber die sind leicht anders angeordnet.»Wilson beschreibt die Ähnlichkeit anders. Sie hat eine schöne Beschreibung gefunden, um zu erklären, wie Junior und Teddy zueinander stehen: Junior ist wie ein Zwilling von Teddy, der später geboren wurde.Mit der Zeit entdeckte Wilson immer mehr von Teddy in Junior.Der Influencer-HundWenn sie in ihrem Wohnzimmer sitzt und die Fotos ihrer beiden Hunde betrachtet, staunt sie immer noch. Junior ist jetzt zweieinhalb Jahre alt und wird Teddy immer ähnlicher. Sie sehen nicht nur gleich aus und teilen die Angst vor Schuhschachteln. Auch in einigen von Juniors kleinen Gesten glaubt Wilson Teddy wiederzuerkennen.«Kurz bevor Junior einschläft, kuschelt er seinen Kopf ins Kissen und wackelt dabei hin und her. Genau das hat Teddy auch gemacht. Man könnte jetzt sagen: Ja gut, das machen doch viele Hunde. Aber ich betreue jeden Tag fünfzig Hunde. Die machen das nicht.»Sowohl Teddy als auch Junior wurden kleine Berühmtheiten. Teddy liess sich für die Zeitung fotografieren, Junior ist Influencer mit 38 000 Followern, macht Werbeshootings und spielte schon in einem Film mit. In seinem Instagram-Feed posiert Junior mit einer Ausgabe der «Vogue», einmal sieht man ihn in einem Schafkostüm, ein anderes Mal trägt er statt eines Halsbands eine Krawatte.Junior ist in der Gegend ziemlich bekannt. Aber dass er ein Klon ist, weiss fast niemand, nur die Töchter, ein paar Freunde, die Tierärztin. Als Wilson einmal eine Ausnahme machte und mit Fremden darüber sprach, merkte sie: Die Leute reagieren befremdet. «Einige dachten, ich hätte es erfunden oder würde mich falsch ausdrücken: Viele glaubten, ich meine einfach, dass Junior Teddy ähnlich sieht.»Auch in ihrer Hundepension hält sie Juniors Herkunft geheim. «Sonst denken meine Kunden noch, ich verdiene zu viel mit meinem Business, wenn ich mir so etwas leisten kann.»Die 50 000 Dollar für Junior seien «höllisch viel Geld», sagt Wilson. «Aber ist es weniger verrückt, sich für dieses Geld einen Porsche zu kaufen oder für eine Hochzeitsfeier ein Vermögen auszugeben?»Manchmal hört sie, sie hätte mit dem vielen Geld besser fünfzig Hunde aus dem Tierheim gerettet. Sie hält den Vorwurf für falsch. «Warum sind die Heime denn voll? Weil sich die Leute nicht mehr um ihre Tiere kümmern wollen. Eines kann ich versprechen: Ich kümmere mich um Junior.»Und was ist mit den Menschen?Viele würden vielleicht sagen: Wilson kümmert sich viel zu sehr um ihren Hund, sie übertreibt. Aber ihr Fall zeigt nur besonders deutlich, was aus der Beziehung zwischen Menschen und Hunden geworden ist.Früher hatten Hunde vor allem Aufgaben: Sie bewachten das Haus, kamen mit auf die Jagd, hüteten die Schafe. Heute sind sie für viele Besitzer Familienmitglieder. Mit dieser Nähe kam die Vermenschlichung: Hunde bekommen Geburtstagsfeiern und Instagram-Profile. So wie Teddy und Junior.Vielleicht wirkt das Klonen von Hunden deshalb so unheimlich. Wenn wir versuchen, einen geliebten Hund zurückzuholen, wie weit sind wir dann noch davon entfernt, das Gleiche mit einem geliebten Menschen zu tun?Offiziell hat bis heute niemand einen Menschen geklont. Nicht weil es unvorstellbar wäre, sondern weil die Welt beschlossen hat, dass sie es nicht will. Aber wenn es einmal doch so weit kommen sollte: Wer könnte zum Beispiel Eltern, die ihr Kind verlieren, verurteilen, wenn sie es tun wollen?Als Michelle Wilson mit ihren Töchtern über Teddy sprach, sagte eine von ihnen: «Mum, wir lieben dich so sehr, wenn du einmal stirbst, lassen wir dich auch klonen.» Dann merkten sie: Michelle wäre dann ja wieder ein Baby, und ihre Töchter müssten sich um sie kümmern. «Das war ein so unheimliches Gefühl, dass wir die Diskussion schnell beendeten.»Es war das Gefühl, etwas zu tun, was sich falsch anfühlt. Auch wenn man nicht genau erklären kann, warum.Das Gefühl, als würde man Gott spielen.Haben Sie mit Ihrem Hund Gott gespielt, Michelle?«Nein, ich habe uns nur etwas Zeit erkauft.»Vielleicht ist das die eigentliche Versuchung des Klonens: dass es einem das Gefühl gibt, der Tod sei nicht ganz endgültig. Obwohl man weiss, dass das nicht stimmt.Sie würde es jederzeit wieder tun, sagt Michelle Wilson. Und sie könnte es auch. In einem Kryotank in Shropshire liegen immer noch Teddys Zellen. Bereit für ein weiteres Mal.Ein Artikel aus der «NZZ Folio»Passend zum Artikel
Klonen von Haustieren: Wie Teddy als Junior wiedergeboren wurde
Am Anfang stand das Schaf Dolly. Inzwischen können auch Haustiere auferstehen. Eine Geschichte über das Geschäft mit der Hoffnung.






