Die Firma Colossal Biosciences ist immer für Überraschungen gut. Sie hat bereits Mäuse hergestellt, deren Fell dem von Mammuts ähnelte. Und weiße Wölfe, die angeblich lebende Replika des ausgestorbenen Schattenwolfes („dire wolf“) sind. In all diesen Fällen hatte das Unternehmen Gene der ausgestorbenen Arten in das Erbgut ihrer heute lebenden Verwandten eingefügt, sodass diese ein paar Eigenschaften der Vergangenheit mitbekamen. Mal waren es elf, mal 50 Genvarianten – aber ein komplettes Genom aus Zehntausenden von Genen wurde noch nie transferiert.Doch die Idee, oder muss man sagen: den Traum von der De-Extinktion verfolgt Colossal mit großem Eifer. Das Unternehmen will Tiere wie den Moa, den Tasmanischen Tiger, das Mammut und den Dodo zum Leben erwecken. Mithilfe von Gen- und Stammzelltechnik und neuesten Verfahren der Reproduktionsmedizin soll es klappen. Und indem das Unternehmen hochkarätige Wissenschaftler aus aller Welt großzügig mit Geldern ausstattet, sodass sie ihre Forschung vorantreiben können. „Bring them back!“, lautet das Motto. Wer Paläophantasie mag, wird Colossal lieben.Hilfe für Moa oder Spix-Ara?Nun hat die Firma bekannt gegeben, dass sie auf ihrem Weg einen neuen Meilenstein geschafft hat: Viele Küken sollen aus künstlichen Eiern vom Hühnereiformat geschlüpft sein. Klingt nach Jurassic Park?Den Küken aus den Kunsteiern geht es dem Unternehmen zufolge gut.Colossal Biosciences via APSo sieh das künstliche Ei aus, in dem ein echtes Küken heranwachsen kann.Ist es aber nicht. Bislang gibt es zwar nur eine Pressemitteilung des Unternehmens. Wie genau das künstliche Ei beschaffen ist, wie viele Küken geschlüpft sind, wie der Versuch gelungen ist – all das ist noch nicht unabhängig überprüfbar. Aber wenn stimmt, was Colossal schreibt, dann ist es gelungen, eine Eimembran zu erzeugen, durch die Gase hindurchdringen können, also beispielsweise Sauerstoff und Kohlendioxid, die während der Entwicklung des Vogelembryos verbraucht werden und entstehen. Bislang gab es bereits künstliche Membranen, in denen echte Eier ersetzt werden konnten – aber es waren Einzelfälle. Was Colossal verkündet, klingt nach Massenproduktion. Nun könnte, ähnlich wie bei der künstlichen Befruchtung von Säugetieren oder Menschen, einfacher fremde DNA von einer Vogelleihmutter ausgetragen werden.Für Colossal ist das wichtig, denn ein Ziel ist es, den Moa auferstehen zu lassen. Kurze Erinnerung: Der Moa war ein riesiger flugunfähiger Vogel, der bis zu 270 Kilogramm schwer werden konnte, auf Neuseeland lebte und Ende des 14. Jahrhunderts von Menschen ausgerottet worden war. Aus Museumsexemplaren lässt sich das Erbgut des Vogels rekonstruieren. Bislang aber gab es keine Leihmutter beziehungsweise kein Leih-Ei, in welchem sich ein Moa überhaupt entwickeln konnte. Dieses Problem will Colossal nun gelöst haben.Wozu soll das künstliche Ei gut sein?Aus der Wissenschaft gibt es Anerkennung – allerdings nur unter Vorbehalt. Denn zwar hat das Unternehmen bisher nur eine Pressemitteilung herausgegeben. Aber ein künstliches Ei? Das ist wissenschaftlicher Fortschritt, eine große Nummer.Die Frage ist nur: Wozu soll das gut sein? Denn ein Tier ist mehr als seine Gene. Selbst wenn es irgendwann gelingen sollte, aus der kompletten DNA eines ausgestorbenen Tieres mit aller reproduktionsmedizinischer Kunst ein neues Lebewesen entstehen zu lassen, würde dieses Tier in eine Umwelt hineingeboren, mit der seine Spezies nie in Kontakt war. Es hätte keine Artgenossen, von denen es die typische Lebensweise seiner Spezies lernen könnte. Es wäre ein Alien aus der Vergangenheit.Hühnerembryo in seiner künstlichen Eierschale.Colossal Biosciences via APLässt sich das künstliche Ei wenigstens für den Artenschutz nutzen? Können damit Vögel, deren Populationen stark geschrumpft sind, davor bewahrt werden, für immer zu verschwinden? Hilfe für Kakapo, Waldrapp und Spix-Ara? Auch hier sind die Eier nicht das Problem – sondern die Habitatvernichtung. Die Vögel bräuchten weniger Hilfe aus dem Labor als Hilfe in der Natur. Die Erfolge von Colossal mögen kolossal sein. Aussterbenden und ausgestorbenen Arten haben sie bislang noch nicht geholfen.
Künstliches Ei: Was das Küken dem Artenschutz bringt
In den USA ist ein Vogel aus einem Ei geschlüpft, das im Labor hergestellt wurde. Ein Meilenstein der Forschung. Nur – wozu?










