Über eine bekannte Secondhand-Plattform soll man Kinder kaufen können. Dies behaupten millionenfach aufgerufene Videos auf Instagram und Tiktok, obschon es keine Belege dafür gibt. Der Fall spiegelt ein Phänomen.Maurice Koepfli03.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAuf Instagram und Tiktok behaupten manche Nutzer, Stofftiere seien ein geheimes Zeichen für Kinderhandel.GettyAuf Instagram und Tiktok verbreitet sich derzeit im grossen Stil ein ungewöhnliches Gerücht: Auf einer bekannten Secondhand-Plattform sollen Kinder verkauft werden. Beim Online-Markt handelt es sich um Vinted, ein international tätiges Unternehmen aus Litauen, das in mehr als 20 Ländern aktiv ist und über 2000 Mitarbeitende hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Plattform gehört zu den bekanntesten in Europa. Entsprechend gross ist die derzeitige Empörung im Netz. In Deutschland, wo Vinted ebenfalls tätig ist, hat sich jüngst die Polizei Frankfurt auf Instagram aktiv zu den Gerüchten geäussert.Sie schreibt: «Aktuell erreichen uns vermehrt Hinweise zu irritierenden Verkaufsanzeigen auf der Secondhand-Plattform Vinted.» Vieles deute darauf hin, dass es sich hierbei um Fake-Anzeigen handle. Dennoch wolle man Hinweise überprüfen.Zu einem ähnlichen Schluss kommt das deutsche Bundeskriminalamt. Eine Sprecherin teilt auf Anfrage mit, dass das beschriebene Phänomen der Behörde grundsätzlich bekannt sei. Frühere Hinweise auf vermeintlichen Kinderhandel über Online-Kleinanzeigen hätten sich nicht bestätigt.Auch das Schweizer Fedpol geht davon aus, dass es sich nicht um Kinderhandel handelt. Es schreibt: «Es könnte sich um betrügerische Absichten handeln oder, was noch wahrscheinlicher ist, um einen schlechten Scherz, eine Provokation oder den Versuch, Klicks, ‹Likes› zu generieren.»Der Aufruhr um Vinted ist gross. Doch wie ist es überhaupt dazu gekommen? Und wofür steht der Fall?Ungewöhnliche InserateAuf Vinted kann man etwa Kleidung, Möbel oder Spielzeug verkaufen. Beim Erstellen eines Inserats können deshalb auch Angaben zum Alter und zum Geschlecht der Zielgruppe eines Produkts gemacht werden.In den besagten Videos auf den sozialen Netzwerken wird behauptet, Kinder würden getarnt als Kinderspielzeug verkauft. Das angegebene Alter und die Grösse des Spielzeugs sollen dabei nicht für das Produkt, sondern für das Kind stehen. Das Erkennungsmerkmal der Inserate: ein hoher Preis, dazu genaue Angaben zu Alter, Geschlecht und Grösse. Auf den in den Videos eingeblendeten Bildern sind etwa eine Babypuppe für 1200 Euro oder ein Plüschdinosaurier für 9000 Euro zu sehen.Genau vor solchen Inseraten wird in den sozialen Netzwerken gewarnt: Eine junge Influencerin etwa sitzt in ihrem Auto und blickt ernst in die Kamera. «Kinder werden vor unseren Augen angeboten und verkauft», behauptet sie.Für die ungewöhnlich hohen Preise von Plüschtieren gibt es nebst dem verbreiteten Gerücht auch weitere Erklärungen. So könnten einzelne Inserate versehentlich fehlerhaft erstellt worden sein.Auf Anfrage der ARD-«Tagesschau» schreibt das Unternehmen Vinted, es habe keinerlei Beweise gefunden, die diese Angebote mit Kinderhandel in Verbindung bringen. Doch viele Personen wollen das nicht glauben. In den sozialen Netzwerken wird der Plattform Untätigkeit und Ignoranz vorgeworfen und zum Boykott aufgerufen. Kommentatoren schreiben «Mörder» oder «Schämt euch».Tiefes MisstrauenDie Geschichte um Vinted steht für ein altes Phänomen. Sie zeigt, wie schnell sich Gerüchte über Missstände bei spezifischen Themen verbreiten.Sebastian Dieguez, Neurowissenschafter an der Universität Freiburg i. Ü., forscht zum Thema. Er sagt: «Ob ein Verdacht berechtigt ist oder sich später als unbegründet erweist, lässt sich anfänglich nur schwer beurteilen. Die Mechanismen der Verbreitung sind hingegen gut belegt.»Erzählungen, die von vielen Menschen geteilt würden, folgten häufig einem bestimmten Muster, sagt Dieguez: Sie beschrieben eine Bedrohung, benannten klar erkennbare Opfer und vermittelten den Eindruck einer gravierenden Ungerechtigkeit. Im gegenwärtigen Fall von Vinted komme hinzu, dass die Theorie den Schutz von Kindern ins Zentrum stelle – ein Thema, für das viele Menschen besonders sensibilisiert seien.In den vergangenen Jahren hätten solche Theorien neue Aufmerksamkeit erhalten, sagt Dieguez. Der Fall des amerikanischen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein und Strafverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern hätten die öffentliche Sensibilität für das Thema erhöht. Zudem sorgte vergangenes Jahr ein chinesischer Onlinehändler für Schlagzeilen, weil er realitätsnahe Sexpuppen mit kindlichem Erscheinungsbild verkauft haben soll.Solche realen Fälle könnten Verschwörungstheorien mehr Plausibilität verleihen, sagt Dieguez. Seit Jahren kursieren in den USA die Behauptungen der QAnon-Bewegung, wonach ein pädosatanistischer Ring Politik und Gesellschaft kontrolliere.An ähnliche Motive knüpfte die sogenannte Wayfair-Theorie aus dem Jahr 2020 an. Damals verbreitete sich in sozialen Netzwerken die falsche Behauptung, der Möbelhändler Wayfair verschleiere Menschenhandel über den Verkauf ungewöhnlich teurer Möbelstücke.In den vergangenen Jahren erregten auch die sogenannten «Pedo-Hunters» Aufmerksamkeit. Das sind Personen, die mutmassliche Pädokriminelle aufspüren, ihnen Fallen stellen und sie etwa an einen Ort locken, um sie zu verprügeln. Die Hunters dokumentieren ihr Vorgehen oft auf Videos und teilen diese auf den sozialen Netzwerken.Es sei möglich, dass die derzeitige Debatte mit einem solchen Fall begonnen habe, sagt der Experte Sebastian Dieguez. Also dass «Pedo-Hunters» gezielt einen Beitrag auf Vinted veröffentlicht haben könnten, um Pädophile anzulocken. Für Aussenstehende ist kaum erkennbar, dass es sich um einen Köder handelt.Das Beispiel der «Pedo-Hunters» zeige auch die Kehrseite der gegenwärtigen Entwicklung, sagt Dieguez. Zwar sei eine erhöhte Sensibilität für solche Themen grundsätzlich zu begrüssen. Gleichzeitig könnten sich dadurch unbegründete Verdächtigungen und falsche Informationen verbreiten.Passend zum Artikel