Der andere BlickDeutschland ist auf dem Weg zum IndustriemuseumDer Staat versagt und ist doch übergriffig. Die Infrastruktur verkommt, aber die Industrie wird mit Vorschriften stranguliert. Die mutlose Koalition findet keinen Ausweg aus der Misere.03.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Zeche Zollverein in Essen.Jochen Tack / ImagoVor einigen Tagen trat die Bahn in den Generalstreik. Alle Räder stehen still, wenn dein schwacher Funk es will. Der (leicht verfremdete) Slogan der Arbeiterbewegung passte perfekt zur jüngsten Kalamität des deutschen Erzübels Bahn.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf den Schienen ging für mehrere Stunden gar nichts mehr, weil der vermutlich noch aus dem Kaiserreich stammende Zugfunk ausfiel.Die gestrandeten Passagiere beantworteten die Fragen der Reporter mit einem Schulterzucken. So etwas sei man von der Bahn gewohnt, sagten sie resigniert. Die Reaktionen verraten den in Deutschland vorherrschenden Gemütszustand: Fatalismus.Der Bundesverkehrsminister gab die liebste Plattitüde aller Politiker von sich und verlangte «umfassende Aufklärung». Obwohl Patrick Schnieder eines der wichtigsten Dossiers der Regierung verantwortet, schafft er das Kunststück, weitgehend unbekannt zu sein.Die Bürger fügen sich in ihr scheinbar unabwendbares Schicksal. Sie rechnen bei der Bahn ohnehin nur mit Pleiten, Pech und Pannen. Und bei der Politik rechnen sie nicht damit, dass diese zur Beendigung dieses Zustands Nennenswertes beiträgt.So machte die Ankündigung, der neue Stuttgarter Bahnhof werde 2031 in Betrieb gehen, keine grossen Schlagzeilen. Die Monsterbaustelle wird erst zehn Jahre später als geplant fertig. Im besten Fall. Gebaut wird an Stuttgart 21 bereits seit über zwanzig Jahren.Aber was soll man von einem Land erwarten, dessen Kanzler die Fussballnationalmannschaft nach ihrem blamablen Ausscheiden überschwänglich lobt? Die Regierung gibt sich mit wenig zufrieden.Man kann Wohlstand nicht nur umverteilen – man muss ihn erst schaffenIn den Juni fallen zwei weitere Hiobsbotschaften. Knall auf Fall wurde die Rheinbrücke der A 565 wegen Baufälligkeit geschlossen. Sie ist die zentrale Ost-West-Verbindung im Raum Bonn und muss nun einem Neubau weichen.In Nordrhein-Westfalen, der Verkehrsdrehscheibe der Bundesrepublik, gilt jede dritte Autobahnbrücke als sanierungsbedürftig. Doch Bauarbeiten werden hinausgezögert, bis es nicht mehr anders geht. Dann ist die Gefahr so gross, dass die Brücken manchmal noch am Tag der Inspektion gesperrt werden. Auch das nimmt die Öffentlichkeit stoisch hin.Wenn nicht gerade die Infrastruktur kollabiert, verkünden Unternehmen schlechte Nachrichten. VW will laut Medienberichten wegen der gesunkenen Nachfrage weltweit 100 000 von 600 000 Arbeitsplätzen streichen, vier deutsche Fabriken stehen zur Disposition.Die SPD und die Gewerkschaften lehnen reflexartig Werkschliessungen ab und geben dem Management die Schuld. Dabei war es die Politik, die mit einer zu ambitionierten Dekarbonisierung die Branche überfordert und den Markt durch starre Regulierungen wie das Verbrenner-Aus ersetzt hat.Natürlich bekennen sich die etablierten Parteien nicht zu ihren Fehlern. Verschämt und viel zu zögerlich steuert die Bundesregierung um. Nur die AfD lehnt seit je das Verbot von Verbrennungsmotoren konsequent ab – und hat in Umfragen die Union hinter sich gelassen. Es ist nicht allein Überfremdungsangst, welche der Partei Wähler zutreibt.Die vier Hiobsbotschaften belegen eindrücklich, dass es mit einer Renten- und Steuerreform nicht getan ist. Die Koalitionsparteien loben sich ausgiebig dafür, dass sie ausnahmsweise etwas hinbekommen haben. Die Medien stimmen in den Jubelchor ein.Die Reformen sind überfällig, um ein aus dem Kaiserreich stammendes System zu modernisieren. Aber sie genügen nicht. Man kann nicht nur den Wohlstand effizienter verteilen, man muss ihn erst einmal schaffen.Genau daran hapert es in der Bundesrepublik. Sie befindet sich in der grössten Strukturkrise seit ihrer Gründung, doch zu wenige wollen das wahrhaben. Viele reagieren fatalistisch und begnügen sich damit, die alten Besitzstände zu verteidigen.Olaf Lies, dem Ministerpräsidenten des an VW beteiligten Landes Niedersachsen, fällt nichts anderes ein als Protektionismus, um Chinas Autobauer von Europa fernzuhalten. Es ist immer dasselbe: statt Wettbewerb und Markt nur Regulierung und Staat.Der deutsche Erfolg beruhte unter anderem auf zwei Pfeilern: einer leistungsfähigen Infrastruktur und einer Industrie, die Innovation mit Qualität verbindet. «Vorsprung durch Technik» war nicht nur der Slogan von Audi, sondern das Selbstverständnis einer Nation.Heute ähnelt die Infrastruktur zunehmend der Rheinbrücke bei Bonn. Das Institut der deutschen Wirtschaft befragt regelmässig Unternehmen, ob sie sich durch die Mängel bei Strassen und Schienen beeinträchtigt fühlten.Bejahten im Jahr 2013 erst 59 Prozent der Firmen die Frage, sind es heute 84 Prozent. Vor allem der Anteil der Unternehmen, die eine schwere Beeinträchtigung geltend machen, hat seit 2018 markant zugenommen.Verspätete Züge und gesperrte Brücken kosten jeden Tag Wirtschaftswachstum.Zwar soll die Lockerung der Schuldenbremse den Sanierungsstau auflösen. Aber es ist nicht nur eine Frage des Geldes. Stuttgart 21 und die Verzögerungen beim Bau des Berliner Flughafens oder der Münchner S-Bahn deuten darauf hin, dass die einst so effiziente Bürokratie mit Grossprojekten überfordert ist.Ferner ist die Energieversorgung, zentraler Bestandteil der Infrastruktur, ein Torso. Kohlekraftwerke und AKW sorgten früher dafür, dass rund um die Uhr genügend einheimische Energie zu günstigen Preisen zur Verfügung stand.Diese sogenannte Bandenergie ist für ein Industrieland unentbehrlich. Das ist vorbei. Energie aus Sonne und Wind steht nicht gleichmässig zur Verfügung. Die als Ersatz für Atom und Kohle gebauten Gaskraftwerke müssen ohne das süsse und billige Gift des russischen Gases auskommen.Die hohen Preise machen nicht nur der Wirtschaft das Leben schwer, sie bremsen auch neue Geschäftsfelder wie KI. Mit Geld allein lassen sich die Fehler einer ideologischen Energiepolitik nicht korrigieren.Die Kosten müssen herunterDie Autobranche ist nur ein Beispiel für die Probleme der Industrie insgesamt. China stellt inzwischen auch hochwertige Produkte her. Vorsprung durch Technik funktioniert nur noch mit Abstrichen.Wichtiger wird etwas, was deutsche Firmen in der langen Boomphase als nachrangig behandeln konnten: der Preis. Wer konkurrenzfähig sein will, muss wieder mehr auf seine Kosten achten.Doch ist die Politik für einen guten Teil des Aufwands verantwortlich. So gehört Deutschland zu den Ländern, in denen Entlassungen am teuersten sind.Die Schweiz oder Dänemark weisen einen geringen Kündigungsschutz auf, dafür aber grosszügige Transferleistungen, um Arbeitslose abzusichern. Nur Deutschland hat beides: einen exzessiven Kündigungsschutz und ein umfassendes soziales Netz. Das ist innovationsfeindlich und unsozial.Arbeitgeber überlegen es sich dreimal, ob sie jemanden fest anstellen. Eine Ausweitung befristeter Arbeitsverhältnisse, wie es die Koalition vorsieht, ist nur ein halbherziges Pflaster.Alle Versuche, die von der Politik verursachten Kosten zu senken, scheitern am Widerstand der Besitzstandswahrer. Diese blockieren eine Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit, und der Kündigungsschutz wird nur für Gutverdienende gelockert.Unternehmen wie VW müssen innovativ und beweglich sein, wollen sie nicht als Relikte einer vergangenen Epoche enden. Eine mutlose Regierung verhindert das.Das Ruhrgebiet war früher das Herz der Industrialisierung. Heute ist die Zeche Zollverein in Essen Museum und Event-Location, aber Deutschland kann sich nicht in ein Denkmal besserer Zeiten verwandeln. Spasskultur hat das Land auch schon genug.Nur noch der Staat wächst. Sein Konsum ist seit 2019 um 29 Prozent angestiegen, die privaten Investitionen hingegen sinken.Es gibt gleichwohl keinen Grund für Katastrophenstimmung. Die Politik in Deutschland und Europa hat es in der Hand, durch bessere Rahmenbedingungen Wachstum zu schaffen.In der letzten Dekade erlegte die EU den Autoproduzenten wegen Verstössen gegen die Klimastrategie Sanktionen in Höhe von 500 Millionen Euro auf. Im gleichen Zeitraum subventionierte China seine Autobauer nach Kräften.Rückblickend wirkt dies, als wolle die EU ihre Industrie ruinieren. Alles geschah mit der Billigung wechselnder Bundesregierungen.Weniger Staatseingriffe und die Konzentration auf die Bereiche, in denen der Staat tatsächlich eine Aufgabe hat wie bei der Infrastruktur, würden Wunder wirken.Dazu müsste Deutschland seinen Fatalismus abstreifen und sich tatkräftig seiner schleichenden Verwandlung in ein Industriemuseum widersetzen.Passend zum Artikel